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Demenzdorf Hameln Hilfe gegen das Vergessen

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Eine Realität zum Ausblenden

Dort gehen die Bewohner mit ihren Tagesbegleitern fürs Mittagessen einkaufen, das sie dann gemeinsam in den Wohnküchen zubereiten. Stammels Prinzip: „Hier soll sich jeder wie zu Hause fühlen.“ So streifen manche Bewohner stundenlang durch den großen Blumengarten und die anderen Häuser, vorbei am Kaninchenstall, der Vogelvoliere oder dem benachbarten Reiterhof. Bis zum Gartenzaun, der das Gelände umgibt, stoßen die wenigsten vor. Mindestens ebenso wichtig wie die räumlichen Möglichkeiten und Angebote ist nach Meinung der Dorf-Visionärin Stammel die Einstellung der Mitarbeiter: „Nicht wir bestimmen, wie das Leben der Bewohner abzulaufen hat, sondern wir richten uns nach deren Wünschen.“

Die Wirklichkeit in vielen Pflegeheimen sieht anders aus. Oft werden die schwer zu handhabenden Dementen mit Medikamenten ruhiggestellt und notfalls eingesperrt oder am Bett fixiert, wenn sie rastlos herumlaufen wollen oder von Panikattacken geplagt werden.

Ehrenamtlerin Remmers lädt Demente regelmäßig zum Erinnern ein. Ohne Hilfe durch Freiwillige wäre das Angebot nicht zu stemmen. Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Als die NDR-Fernsehmoderatorin Bettina Tietjen ihren demenzkranken Vater in dessen letzten Lebensjahren begleitete, erlebte sie zunächst wenig Hoffnung Spendendes. Tietjen berichtet von „langen, öden Fluren und frustrierten Pflegern“: „Es gibt nur leider immer weniger, die den Beruf des Altenpflegers mit Leidenschaft machen, die Fluktuation ist groß.“

Zukünftig mehr Leistungen vom Staat

Nach längerer Suche fand die NDR-Moderatorin schließlich einen Pflegeplatz für ihren Vater in Hamburg. Dort wird den Pflegekräften, die nicht gut genug Deutsch sprechen, sogar ein Sprachkurs finanziert. Das sei aber längst nicht die Regel, sagt Tietjen: „Viele Heime lassen sich ihre Leute lieber vom Arbeitsamt schicken, arbeiten mit Zeitarbeitsfirmen und investieren nicht in ihr eigenes Personal.“

Dabei gewann sie der Krankheit sogar positive Aspekte ab: „Für mich war es schön, zu sehen, dass sich mein Vater in seinen letzten Lebensjahren zu einem anderen, viel emotionaleren Menschen entwickelt hat. Wir haben zusammen gesungen und viel gelacht. Bei anderen Dementen habe ich diese Lebensfreude auch erlebt“, erzählt sie. Dafür aber braucht es Zeit und Ressourcen.

„Es ist dringend nötig, neue Strukturen für die Pflege von Demenzpatienten zu entwickeln“, appelliert auch der Gesundheitsökonom Hans-Helmut König vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Denn bisher werde die Mehrheit der Menschen mit Demenz in Europa noch in der eigenen oder der Wohnung – unentgeltlich – von Familienmitgliedern betreut. „Schon aus demografischen Gründen wird sich diese Situation in Zukunft ändern“, sagt König. Nach seinen Berechnungen liegen die tatsächlichen Pflegekosten für einen dementen Menschen derzeit bei 15.000 bis 42.000 Euro jährlich.

Woran die Deutschen leiden
Weltweit gab es im vergangenen Jahr nach Angaben der International Diabetes Federation rund 382 Millionen Diabetiker. In der Bundesrepublik sind laut Deutscher Diabetes-Hilfe etwa sechs Millionen Menschen betroffen (2012). Die auch als Zuckerkrankheit bekannte Stoffwechselstörung Diabetes mellitus kann etwa zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenleiden und Erblindungen führen. Etwa 95 Prozent der Kranken sind dabei von Diabetes Typ 2 betroffen, früher Altersdiabetes genannt. Diese Ausprägung entwickelt sich häufig durch falsche Ernährung und daraus resultierendem Übergewicht. Quelle: dpa
Zu den häufigsten Krankheiten in Deutschland gehören seelische Störungen. Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge leidet jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens mal an einer solchen Krankheit. Die häufigste Form ist die Depression, worunter etwa Angstzustände oder auch das Krankheitsbild des Burn-out-Syndroms fallen. Stress oder berufliche Überbelastung können Gründe sein. Quelle: dpa
Schnupfen, Bronchitis, Husten: 17,4 Prozent aller Erkrankungen drehen sich um akute Infekte der oberen Atemwege, wie es im Barmer GEK Arztreport 2013 heißt. Zu den Erkrankungen der oberen Atemwege gehören beispielsweise Krankheiten wie Nasennebenhöhlenentzündungen. Zu den besonders weit verbreiteten Atemwegserkrankungen zählt nach WHO-Schätzungen mit weltweit 235 Millionen Betroffenen Asthma. Quelle: dpa
Ähnlich häufig wie Erkrankungen der Atemwege sind in Deutschland Probleme mit dem Fettstoffwechsel. Dazu gehört beispielsweise Übergewicht, das auf falsche Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Eine Statistik der DKV zufolge sind rund 46 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Männer sind dabei häufiger betroffen als Frauen. Quelle: ZB
Im Krankenhaus stehen Ärzte bei der Versorgung schwer übergewichtiger Menschen vor einer Herausforderung. Denn durch das hohe Gewicht können die Patienten empfindlicher auf Mittel wie Sedativa und Narkosemittel reagieren. Deswegen müssen während Operationen Werte wie die Herzfrequenz oder der Blutdruck noch sicherer kontrolliert werden. Quelle: imago images
Vier von fünf Erwachsenen haben mindestens einmal in ihrem Leben Probleme mit dem Rücken. Laut Statistischem Bundesamt kostet das Kreuz mit dem Kreuz die Volkswirtschaft jedes Jahr rund 20 Milliarden Euro. Übergewicht, monotones Arbeiten, Bewegungsmangel oder psychischer Druck gehören zu den Risikofaktoren, die das Robert-Koch-Institut definiert. Quelle: dpa
Eine zunehmende Bedrohung gerade im Alter stellen Demenzerkrankungen dar. Gegenüber dem Jahr 2007 erwarten Experten, dass die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 um 113 Prozent steigen wird. Die häufigste Form von Demenz war 2011 nach Angaben des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit 65 Prozent die Alzheimer-Demenz, die immer noch unheilbar ist. Quelle: imago images

Immerhin können demenzkranke Senioren und ihre Angehörigen künftig mit mehr Leistungen vom Staat rechnen. Seit 2013 bekommen Altersverwirrte ohne körperliche Gebrechen überhaupt erst Geld aus der Pflegeversicherung. Und für 2016 plant Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eine Pflegereform, die Demenzkranke zusätzlich besserstellt. Danach könnten schwer Betroffene maximal 1200 Euro im Monat aus der Pflegeversicherung bekommen, rechnet der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, CDU-Politiker Karl-Josef Laumann, vor.

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