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Demenzdorf Hameln Hilfe gegen das Vergessen

Die Pharmaindustrie verspricht einen Durchbruch im Kampf gegen Demenz. Restlos heilen lässt sich das Leiden aber nicht. Deswegen ruhen die Hoffnungen auf der Pflege - zum Beispiel in Deutschlands erstem Demenzdorf.

Rentnerin Wilma Dohmeyer und der frühere Bergmann Dieter Jorek leben in Deutschlands erstem Demenzdorf Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Dieter Jorek, 77, leitet eine Autovermietung. Seine beiden Töchter vertreten ihn gerade, denn er ist ein paar Wochen zur Kur in Tönebön am See. Dort sitzt er gut gelaunt auf der Café-Terrasse.

Vor ihm spaziert Wilma Dohmeyer mit ihrem Gehwägelchen durch den sonnigen Blumengarten. Sie war gerade beim Frisör und musste ein paar Termine umlegen, damit sie rechtzeitig wieder zu Hause ist. Schließlich ist das jüngste ihrer fünf Kinder gerade erst sechs Monate alt.

Spätestens an dieser Stelle der Unterhaltung fällt auf: Irgendetwas stimmt nicht. Denn die angebliche Säuglingsmutter hat schlohweißes Haar und ist 83 Jahre alt. Sie hat zwar fünf Kinder, aber die sind alle längst erwachsen. Und auch Jorek hat nie eine Autovermietung besessen. Er war Bergmann und später Schichtführer in einer Fabrik. Er ist auch nicht zur Kur hier: Jorek wohnt seit sieben Monaten dauerhaft im ersten Demenzdorf Deutschlands.

Zahl der Demenzkranken

Wie alle 52 Bewohner leben Dieter Jorek und Wilma Dohmeyer in einer ganz eigenen Welt, die mit der Wirklichkeit je nach Tagesform nur noch wenig zu tun hat. Da werden Herdplatten zu gefährlichen Fallen, wenn sie ohne Topf eingeschaltet werden; die Busfahrt zur Gefahr, wenn die Erinnerung an den richtigen Rückweg verblasst; Aggressivität zum einzigen Ausweg aus tief empfundener Hilflosigkeit.

1,5 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Altersdemenz, täglich kommen Hunderte hinzu. Weil wir dank besserer medizinischer Versorgung immer älter werden, wird sich die Zahl der Patienten dieser typischen Alterskrankheit bis 2050 auf drei Millionen verdoppeln, weltweit sogar verdreifachen: auf 135 Millionen.

Demenz – die tickende Zeitbombe

Es ist eine Art tickende Zeitbombe im Sozialsystem, auch weil über Jahre kaum Fortschritte in der Auseinandersetzung mit dem Leiden erzielt wurden. Dass wir überhaupt darüber reden, ist einigen ebenso tragischen wie einprägsamen öffentlichen Fällen zu verdanken: dem ehemaligen Fußballmanager Rudi Assauer etwa, der offen darüber sprach, wie das Chaos seine Gedanken eroberte; Walter Jens, dessen Schicksal sein Sohn Tillmann in einem Buch schilderte; und, ja, auch durch Filme wie Til Schweigers Blockbuster „Honig im Kopf“.

Sie beschreiben eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, den Kampf gegen das Vergessen und seine Folgen: weil sich das soziale Gefüge jeder Gemeinschaft ändert, wenn ein nennenswerter Teil ihrer Mitglieder das eigene Tun weder reflektieren noch kontrollieren kann. Weil es sich um eines der wenigen Massenleiden handelt, auf das die Pharmaindustrie bislang keine Antwort hatte. Weil eine Gesellschaft, die schon ihre Kinderbetreuung nicht organisiert bekommt, erst recht keine Lösungen für die Pflege Millionen Älterer hat.

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Nun verspricht die Pharmaindustrie erneut einen Durchbruch im Kampf gegen das Alzheimerleiden, das für 60 Prozent aller Demenzfälle verantwortlich gemacht wird. Eli Lilly stellte vergangene Woche auf der Internationalen Alzheimer-Konferenz in Washington einen Antikörper namens Solanezumab vor; der soll jene Eiweißablagerungen im Gehirn bekämpfen, die die dortigen Nervenzellen schädigen, sodass echte Löcher im Organ entstehen, was viele als – wenn auch nicht letztlich bewiesene – Ursache von Demenz werten.

Sofern sich die Ergebnisse bestätigen, könnte es in zwei, drei Jahren ein Medikament geben, das Alzheimer aufhält. Branchenvertreter schwärmen von der „Mondlandung der Pharmaindustrie“, beeindruckt von vier Milliarden Dollar prognostizierter Umsätze für ein solches Mittel. Auch wenn Big Pharma seit 2010 gut 40 Mal an ähnlich gelobten Medikamenten später scheiterte.

Eine Klinik für Erinnerungen

Auch in dem neuen Fall gilt: Das Mittel hilft, den geistigen Verfall zu bremsen, stoppen kann es ihn nicht.

Demenz droht zum Kollateralschaden des langen Lebens zu werden. Damit Millionen Patienten nicht nur verwahrt werden, kommt mangels derzeitiger Alternative aus Pharma und Biotech der Pflege die entscheidende Rolle im Umgang mit dem Leiden zu. Damit aber wird aus dem gesellschaftlichen und medizinischen auch ein ökonomisches Problem: Die Kosten für die Pflege dementer Senioren werden von derzeit höchstens 75 auf 136 Milliarden Euro im Jahr 2050 steigen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) bastelt für Herbst an einer Reform, die entsprechend Geld bereitstellen soll. Immerhin: Wer schaut, wie in Vorbild-Projekten überall im Land mit dementen Menschen umgegangen wird, erahnt erste Antworten, wofür dieses Geld sinnvoll ausgegeben würde.

Was die Pflege Dementer in Deutschland bald kosten wird

Hartmut Fahnenstich ist Sozialmediziner an der Memory Clinic in Essen und erinnert sich genau an seinen prominentesten Patienten: Rudi Assauer hatte plötzlich Probleme, sich Zahlen zu merken. Der ehemalige Manager des Fußballbundesligisten Schalke 04 kam vor mehr als fünf Jahren mit seiner Tochter in die Klinik, die 1991 eine der ersten ihrer Art in Deutschland war. In dem sonst kargen Besprechungsraum erfreute sich Assauer an dem schalke-blauen Aktenschrank. „Der war ursprünglich mal gelb, das ging natürlich gar nicht, das ist die Hausfarbe von Borussia Dortmund. Da wir hier alle Schalke-Fans sind, haben wir den blau gestirchen“, sagt Fahnenstich.

Hilfe brauchen vor allem die Angehörigen

Bei ihrem Idol Assauer diagnostizierten die Mediziner schließlich Alzheimer. Um den einst mächtigen Fußballboss daran zu erinnern, wer er mal war, luden sie später etwa den früheren Schalke-Trainer Huub Stevens und Torwart Jens Lehmann in die Klinik ein – Biografiearbeit nennt Fahnenstich das.

Die Memory Clinic ist auf die Früherkennung von Demenz spezialisiert. Wer sich rechtzeitig, bei den ersten Anzeichen, durchchecken lässt, kann zwar nicht geheilt werden, weil es bisher keine wirksamen Medikamente gibt, hat aber bessere Chancen mit der Krankheit umzugehen – vor allem die Angehörigen. Einen Großteil seiner Zeit verbringt Fahnenstich damit, den Söhnen und Töchtern zu erklären, wie sie ihren demenzkranken Eltern helfen können: „Nicht die Wohnung umbauen, sondern lieber alles so lassen, wie es ist, damit sie sich noch zurechtfinden.“ Oder: „Nicht widersprechen oder korrigieren, sondern auf ihre Realität eingehen.“ „Die einzig wirksame Therapie ist die Therapie der Angehörigen“, findet er.

Gewichtheben hilft dem Gedächtnis
Gewichte stemmenEine Studie von Forschern am Georgia Institute of Technology hat gezeigt: körperliche Fitness bewegt auch den Geist. Die Untersuchung zeigte, dass ein kurzes Workout von gerade einmal 20 Minuten die Leistung des sogenannten episodischen Gedächtnisses verbessern kann. Dabei handelt es sich um einen Teil des Langzeitgedächtnisses, der speziell für das Erinnern von Ereignisketten im Laufe des Lebens zuständig ist. Untersucht wurden junge, gesunde Erwachsene. Die Forscher zeigten, dass ihr Erinnerungsvermögen um zehn Prozent gesteigert werden konnte, wenn sie Kraftsport machten. Quelle: REUTERS
Grüner Tee Das Gebräu ist nicht nur ein Muss für Entspannungsfanatiker und Meditationsfans, sondern auch Doping für die Hirnleistung - und eine Waffe gegen Alzheimer. Forscher der Universität Basel fanden heraus, dass sich durch grünen Tee die Zusammenarbeit verschiedener Hirnareale steigern lässt. Diese bessere Konnektivität sorgt zumindest kurzfristig für eine bessere Denkleistung. Aber auch langfristig hilft grüner Tee: Laut Wissenschaftlern der Universität von Michigan enthält er den Wirkstoff namens Epigallocatechin-3-gallate. Er kann Eiweißablagerungen verhindern, die bei der Entstehung von Alzheimer eine Rolle spielen. Quelle: dpa
YogaWer regelmäßig Yoga macht oder meditiert, kann seine Denkkraft auch im Alter länger hochhalten. Zu diesem Ergebnis kamen Psychologen der Havard Medical School, die Yoga-Übende, Meditierende und Nicht-Praktizierende in einer Studie miteinander verglichen. Dabei wurde die Gehirnaktivität der Probanden mit einem Magnetresonanztomographen gemessen, außerdem wurden Denkgeschwindigkeit und Auffassungsgabe geprüft. Den Gehirnleistungsvorsprung der Yoga-Übenden erklären die Psychologen mit drei Gründen: Erstens haben die Yoga-Praktizierenden stärker verknüpfte neuronale Netze, zweitens sind ihre Schaltkreise widerstandfähiger gegenüber Verletzungen und drittens gehen sie achtsamer mit ihren Aufgaben um. Quelle: dpa
SchlafenGute Nachrichten: Es geht auch bequemer. US-Wissenschaftler der Rochester Universität haben kürzlich anhand von Tierversuchen erneut belegt, dass einfaches Schlafen die Hirnaktivität fördert. Grund dafür ist nicht nur die Erlebnisverarbeitung, sondern auch eine Art „Recyclingfunktion“ des Gehirns. Dieses entsorgt im Schlaf den schädlichen, zellulären Müll des Tages. Kann das Gehirn seine Abfallentsorgung nicht durchführen, beispielsweise aufgrund von Schlafmangel, drohen Erkrankungen wie Alzheimer. Die Empfehlung der Forscher: Sieben bis neun Stunden Schlaf jede Nacht. Quelle: obs
Soziale KontakteQuatschen, Plaudern, Reden. Soziale Kontakte wirken wahre Wunder. Im Gehirn übernimmt die soziale Interaktion eine ähnliche Funktion wie Gehirnjogging – nur, dass nicht bestimmte Hirnregionen gezielt stimuliert werden, sondern verschiedene Bereiche. Amerikanische Neurologen von der Rush Universität haben über einen längeren Zeitraum Hunderte von Senioren begleitet und den Zusammenhang von Einsamkeit und Alzheimergefahr beobachtet. Das Ergebnis: Je einsamer sich die Probanden fühlten, desto größer wurde das Alzheimer-Risiko. Freunde, Familie oder ein Plausch mit den Nachbarn fördern das Wohlbefinden und festigen die Denkleistung. Quelle: dpa
SportEigentlich ist es kein Geheimnis: Ein gesunder Geist ruht in einem gesunden Körper. Trotzdem vernachlässigen viele Menschen ihre physische Fitness – und beeinträchtigen damit ihre Gehirnkapazität. Zahllose Studien belegen, dass Sport die Durchblutung des Gehirns und das Wachstum von Kapillaren und Nerven fördert. Wichtig: Wer keinen Six-Pack oder Traummaße hat, ist noch lange nicht benachteiligt. Wie Forscher der Universität Nebraska ermittelten, kommt es vor allem auf die aerobe Fitness an - also die Fähigkeit des Körpers, Sauerstoff aufzunehmen und zur Energieumwandlung zu gebrauchen. Beruhigend: Diese Fähigkeit lässt sich trainieren - durch Sport. Quelle: dpa
ErnährungDie richtige Ernährung ist wichtig für Körper und Geist. Das Gehirn macht zwar nur rund 2 Prozent des gesamten Körpergewichts aus, verbraucht allerdings – je nach Arbeitsbelastung – um die 20 Prozent der Energiereserven. Klar, dass dadurch auch die richtige Ernährung für die Denkaktivität eine große Rolle spielt. In einer Studie mit über 3600 Teilnehmern haben finnische Wissenschaftler die Bedeutung von Omega-3 Fettsäuren nachgewiesen - einer Fettsäure, die vor allem in Fisch vorkommt. Die Forscher vermuten: Ein regelmäßiger Verzehr von Fisch senkt bei älteren Menschen die Gefahr von unbemerkten Hirnschäden, Gedächtnisverlust oder Schlaganfällen um ein Viertel. Aber auch andere Lebensmittel können helfen: Verschiedene Vitamine und geringe Mengen Alkohol wirken belebend und vitalisierend auf Gehirnleistung und Laune. Quelle: dpa

Sophie Rosentreter ist eine solche Angehörige. In ihrem früheren Leben, als Moderatorin beim Musiksender MTV und bei „Big Brother“, stand sie vor der Kamera. Inzwischen arbeitet die 39-Jährige hinter der Kamera, sie produziert, in Kooperation mit dem AOK Verlag, Filme für Demenzkranke. Neun Jahre pflegte und begleitete die Hamburgerin ihre demenzkranke Oma: „Ich habe alle Fehler gemacht, die man dabei machen kann“, sagt Rosentreter.

„Denk doch mal nach“, entgegnete die Enkelin, wenn Oma Ilse berichtete, nachts habe jemand in ihrem Zimmer gestanden. „Dabei ist das der dämlichste Satz, den man zu einer demenziell Veränderten sagen kann.“ Rosentreter korrigierte, argumentierte, versuchte es mit Logik – alles falsch. Heute weiß sie, dass sie ihre Oma – und ihre Angst – hätte annehmen müssen. Nur langsam begriff das TV-Model die Welt der Altersverwirrten, erkannte deren Bedürfnisse – und eine Marktlücke.

Eine Reise ins Gestern

Bei der Beerdigung beschloss Rosentreter, ihr Leben zu ändern, gründete ihre eigene Firma – „Ilses weite Welt“. Sie produziert Filme, die Demente an ihre Vergangenheit erinnern und somit beruhigen sollen. Die sind ruhig geschnitten, eine Szene dauert mal acht Minuten:. „Das heutige Fernsehen ist so schnell, das verwirrt die Demenzkranken doch nur.“

In einem Film sind etwa Kinder zu sehen, die im Tierpark Hängebauchschweine füttern. Während der Vorführung im Pflegeheim hockt sich Rosentreter zwischen die Bewohner. Die Kinder und die Tiere scheinen eine beruhigende Wirkung auf die alten Menschen zu haben. Eine apathische Frau mit faltigem Gesicht, die sonst kaum spricht, presst ein Wort hervor: „Kinder.“ Ihre Sitznachbarin erzählt, dass sie früher auch mal Haustiere hatte.

52 Einwohner leben im Demenzdorf bei Hameln und erleben dort Alltag wie früher. Anklänge an die Vergangenheit helfen bei der Orientierung. Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Vor allem sind Initiativen wichtig, die auf Erinnerungen setzen. Forscher loben neben Rosentreters Retro-Verlag deswegen auch Projekte wie das Heimat-Museum im 9000-Seelen-Ort Wahlstedt, wo seit zwei Jahren alle zwei Wochen eine Gruppe Demenzkranker aus dem örtlichen Pflegeheim in der Vergangenheit schwelgt. „Wer schon ganz weit weg ist, dem kann ich oft mit einem Erinnerungsstück wie etwa einer Kaffeemühle, die er in die Hand nimmt, ein Lächeln ins Gesicht zaubern“, sagt Initiatorin Angelika Remmers, die ehrenamtliche Museumsleiterin.

Auf der Suche nach einer akzeptablen Bleibe

Das klingt nach Einzelkämpfern im Vergleich zur Dimension, die eine medizinische Lösung erreichen würde. Aber es gibt einen guten Eindruck, wie mühsam die Lösung ist.

Dieter Lotz aus Bad Nenndorf schaffte die Pflege seiner dementen Frau Brigitta irgendwann nicht mehr. Seit 2010 hatte sie allmählich die Orientierung verloren: „Anfangs haben wir uns noch darüber amüsiert, wenn sie zur Einladung bei Freunden mit zwei verschiedenen Schuhen erschien, doch zum Schluss brachte man sie aus der Tagespflege heim – und sie lief einfach an unserem Haus vorbei, weil sie es nicht mehr erkannte“, erzählt der 76-Jährige.

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen
Eine junge Frau putzt sich mit einem Papiertaschentuch die Nase Quelle: dpa
Mann mit Rückenschmerzen sitzt im Büro Quelle: obs
In einer Zahnarztpraxis werden die Zähne eines Jungen untersucht Quelle: dpa
Ein Fieberthermometer liegt auf verschiedenen Arten und Formen von Tabletten Quelle: dpa
Ein Mann zieht an seinem Finger und erzeugt ein Knackgeräusch. Quelle: dpa
Angela Merkel hält ein Schnapsglas in der hand Quelle: AP
Ein Junge steht unter einer Dusche Quelle: dpa

Auf der Suche nach einer akzeptablen Bleibe für seine gleichaltrige Frau schaute sich der ehemalige Siemens-Techniker etliche Heime und Wohngemeinschaften an – bis er auf das erste und bisher einzige 2014 eröffnete Demenzdorf Deutschlands stieß: Tönebön am See in Hameln, dort wo auch Wilma Dohmeyer und der vermeintliche Autovermieter Dieter Jorek leben. „Das war so anders und positiv, dort hatte ich ein gutes Gefühl“, sagt Lotz, dessen Frau nun seit mehreren Monaten hier lebt. Dass dieser Platz gut 200 Euro teurer ist als in einem klassischen Heim, das war Lotz bei einem Eigenanteil von ohnehin gut über 2000 Euro dann auch egal.

Dass es in Tönebön am See so anders ist, liegt vor allem an Kerstin Stammel. Die Qualitätsmanagerin der Tönebön-Stiftung hat diesen „Lebensraum für Menschen mit Demenz“ konzipiert. Ihre Vision eines geschützten Raumes, in dem die alten Menschen sich frei und je nach ihren individuellen Bedürfnissen fast wie im normalen Leben bewegen können, ließ sich in den bisherigen Heimen einfach nicht umsetzen. Also plante sie auf dem ehemaligen Ziegeleigelände des Stifters Tönebön am Rande von Hameln ein ebenerdiges Minidorf aus vier einzelnen Villen, die zusammen mit dem Haupthaus den großen, von Spazierwegen durchzogenen Garten umrahmen. Im Haupthaus ist ein Café, ein Friseursalon und ein kleiner Lebensmittelladen.

Eine Realität zum Ausblenden

Dort gehen die Bewohner mit ihren Tagesbegleitern fürs Mittagessen einkaufen, das sie dann gemeinsam in den Wohnküchen zubereiten. Stammels Prinzip: „Hier soll sich jeder wie zu Hause fühlen.“ So streifen manche Bewohner stundenlang durch den großen Blumengarten und die anderen Häuser, vorbei am Kaninchenstall, der Vogelvoliere oder dem benachbarten Reiterhof. Bis zum Gartenzaun, der das Gelände umgibt, stoßen die wenigsten vor. Mindestens ebenso wichtig wie die räumlichen Möglichkeiten und Angebote ist nach Meinung der Dorf-Visionärin Stammel die Einstellung der Mitarbeiter: „Nicht wir bestimmen, wie das Leben der Bewohner abzulaufen hat, sondern wir richten uns nach deren Wünschen.“

Die Wirklichkeit in vielen Pflegeheimen sieht anders aus. Oft werden die schwer zu handhabenden Dementen mit Medikamenten ruhiggestellt und notfalls eingesperrt oder am Bett fixiert, wenn sie rastlos herumlaufen wollen oder von Panikattacken geplagt werden.

Ehrenamtlerin Remmers lädt Demente regelmäßig zum Erinnern ein. Ohne Hilfe durch Freiwillige wäre das Angebot nicht zu stemmen. Quelle: Stefan Thomas Kröger für WirtschaftsWoche

Als die NDR-Fernsehmoderatorin Bettina Tietjen ihren demenzkranken Vater in dessen letzten Lebensjahren begleitete, erlebte sie zunächst wenig Hoffnung Spendendes. Tietjen berichtet von „langen, öden Fluren und frustrierten Pflegern“: „Es gibt nur leider immer weniger, die den Beruf des Altenpflegers mit Leidenschaft machen, die Fluktuation ist groß.“

Zukünftig mehr Leistungen vom Staat

Nach längerer Suche fand die NDR-Moderatorin schließlich einen Pflegeplatz für ihren Vater in Hamburg. Dort wird den Pflegekräften, die nicht gut genug Deutsch sprechen, sogar ein Sprachkurs finanziert. Das sei aber längst nicht die Regel, sagt Tietjen: „Viele Heime lassen sich ihre Leute lieber vom Arbeitsamt schicken, arbeiten mit Zeitarbeitsfirmen und investieren nicht in ihr eigenes Personal.“

Dabei gewann sie der Krankheit sogar positive Aspekte ab: „Für mich war es schön, zu sehen, dass sich mein Vater in seinen letzten Lebensjahren zu einem anderen, viel emotionaleren Menschen entwickelt hat. Wir haben zusammen gesungen und viel gelacht. Bei anderen Dementen habe ich diese Lebensfreude auch erlebt“, erzählt sie. Dafür aber braucht es Zeit und Ressourcen.

„Es ist dringend nötig, neue Strukturen für die Pflege von Demenzpatienten zu entwickeln“, appelliert auch der Gesundheitsökonom Hans-Helmut König vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Denn bisher werde die Mehrheit der Menschen mit Demenz in Europa noch in der eigenen oder der Wohnung – unentgeltlich – von Familienmitgliedern betreut. „Schon aus demografischen Gründen wird sich diese Situation in Zukunft ändern“, sagt König. Nach seinen Berechnungen liegen die tatsächlichen Pflegekosten für einen dementen Menschen derzeit bei 15.000 bis 42.000 Euro jährlich.

Woran die Deutschen leiden
Weltweit gab es im vergangenen Jahr nach Angaben der International Diabetes Federation rund 382 Millionen Diabetiker. In der Bundesrepublik sind laut Deutscher Diabetes-Hilfe etwa sechs Millionen Menschen betroffen (2012). Die auch als Zuckerkrankheit bekannte Stoffwechselstörung Diabetes mellitus kann etwa zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenleiden und Erblindungen führen. Etwa 95 Prozent der Kranken sind dabei von Diabetes Typ 2 betroffen, früher Altersdiabetes genannt. Diese Ausprägung entwickelt sich häufig durch falsche Ernährung und daraus resultierendem Übergewicht. Quelle: dpa
Zu den häufigsten Krankheiten in Deutschland gehören seelische Störungen. Dem Bundesgesundheitsministerium zufolge leidet jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens mal an einer solchen Krankheit. Die häufigste Form ist die Depression, worunter etwa Angstzustände oder auch das Krankheitsbild des Burn-out-Syndroms fallen. Stress oder berufliche Überbelastung können Gründe sein. Quelle: dpa
Schnupfen, Bronchitis, Husten: 17,4 Prozent aller Erkrankungen drehen sich um akute Infekte der oberen Atemwege, wie es im Barmer GEK Arztreport 2013 heißt. Zu den Erkrankungen der oberen Atemwege gehören beispielsweise Krankheiten wie Nasennebenhöhlenentzündungen. Zu den besonders weit verbreiteten Atemwegserkrankungen zählt nach WHO-Schätzungen mit weltweit 235 Millionen Betroffenen Asthma. Quelle: dpa
Ähnlich häufig wie Erkrankungen der Atemwege sind in Deutschland Probleme mit dem Fettstoffwechsel. Dazu gehört beispielsweise Übergewicht, das auf falsche Ernährung und Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Eine Statistik der DKV zufolge sind rund 46 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Männer sind dabei häufiger betroffen als Frauen. Quelle: ZB
Im Krankenhaus stehen Ärzte bei der Versorgung schwer übergewichtiger Menschen vor einer Herausforderung. Denn durch das hohe Gewicht können die Patienten empfindlicher auf Mittel wie Sedativa und Narkosemittel reagieren. Deswegen müssen während Operationen Werte wie die Herzfrequenz oder der Blutdruck noch sicherer kontrolliert werden. Quelle: imago
Vier von fünf Erwachsenen haben mindestens einmal in ihrem Leben Probleme mit dem Rücken. Laut Statistischem Bundesamt kostet das Kreuz mit dem Kreuz die Volkswirtschaft jedes Jahr rund 20 Milliarden Euro. Übergewicht, monotones Arbeiten, Bewegungsmangel oder psychischer Druck gehören zu den Risikofaktoren, die das Robert-Koch-Institut definiert. Quelle: dpa
Eine zunehmende Bedrohung gerade im Alter stellen Demenzerkrankungen dar. Gegenüber dem Jahr 2007 erwarten Experten, dass die Zahl der Betroffenen bis zum Jahr 2050 um 113 Prozent steigen wird. Die häufigste Form von Demenz war 2011 nach Angaben des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung mit 65 Prozent die Alzheimer-Demenz, die immer noch unheilbar ist. Quelle: imago

Immerhin können demenzkranke Senioren und ihre Angehörigen künftig mit mehr Leistungen vom Staat rechnen. Seit 2013 bekommen Altersverwirrte ohne körperliche Gebrechen überhaupt erst Geld aus der Pflegeversicherung. Und für 2016 plant Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eine Pflegereform, die Demenzkranke zusätzlich besserstellt. Danach könnten schwer Betroffene maximal 1200 Euro im Monat aus der Pflegeversicherung bekommen, rechnet der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, CDU-Politiker Karl-Josef Laumann, vor.

Mangel an Pflegepersonal

Laumann ist Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium und Kopf hinter der geplanten Reform. Einer der seltenen Politiker, die noch klare Sätze sprechen. So redet Laumann auch nicht drumherum, dass auch zusätzliches Geld die Probleme bei der Versorgung von Demenzkranken nicht lösen wird. Ohne die Angehörigen werde auch künftig nicht viel gehen. Ein pharmazeutischer Durchbruch?

Laumann hat da nicht viel Hoffnung. Er glaubt: Die hohen Anforderungen an Pflege und Betreuung bleiben. „Und auch wenn wir sie bezahlen könnten, wir finden gar nicht so viele Pflegeprofis, wie wir brauchen können“, sagt Laumann. Laut Schätzungen wären jährlich 20.000 Pflegekräfte zusätzlich in Deutschland nötig.

Was an den Krebs-Mythen dran ist
Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen hat sich laut eines Expertenberichts seit 1970 fast verdoppelt Quelle: dpa
Krebs ist ansteckendDieses Vorurteil hält sich standhaft. Dabei ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen, dass Krebs weder über den normalen Umgang mit Patienten noch über die Pflege, nicht einmal über Sex, übertragen werden kann. Denn Patienten scheiden die Krebszellen nicht aus. Kommt ein Mensch versehentlich mit Tumorgewebe direkt in Berührung, erkennt das Immunsystem die fremden Körperzellen und eliminiert sie. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass dieser Schutzmechanismus sogar funktioniert, wenn man eine Bluttransfusion mit dem Blut eines Krebskranken verabreicht bekommt. Quelle: Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums Quelle: dpa/dpaweb
Abtreibung löst Brustkrebs ausDieses Gerücht ist eine echte Belastung für alle Frauen, die sich im Laufe ihres Lebens einmal gegen ein Kind entscheiden mussten. Ausgangspunkt ist eine Studie aus den USA, die weltweit in den Medien zitiert wurde. Diese legte nahe, dass Abtreibungen das Risiko für ein Mammakarzinom erhöhe. Kritiker bemängelten, dass mit der Studie keine Krebshäufung unter betroffenen Frauen nachgewiesen werden konnte. Auch ließe sich gar nicht ablesen, dass Abtreibung und Brustkrebs ursächlich etwas miteinander zu tun hätten. Mittlerweile wurden fundierte Studien durchgeführt, die zeigen, dass Schwangerschaftsabbrüche und auch ungewollte Fehlgeburten als Risiko für Brustkrebs relativ sicher ausgeschlossen werden können. Quelle: dpa
Zu enge BHs verursachen BrustkrebsAuch diesen Mythos schürte ein Buch aus den USA. Darin hieß es, dass das Abklemmen der Lymphbahnen dazu führe, dass der Stoffwechsel nicht gut funktioniere und Schadstoffe nicht abwandern könnten. Ein Beweis oder eine wissenschaftliche Quelle für diese Behauptung konnten die Autoren jedoch nicht liefern. Inzwischen ist klar: Das Tragen von Büstenhaltern beeinflusst das Brustkrebsrisiko nicht, egal ob zu eng oder gut passend, mit Bügel oder ohne. Quelle: dpa
Viele Lebensmittel sind für Krebspatienten giftigSo viele Ratschläge Freunde und Bekannte auch auf den Lippen haben, eine sogenannte "Krebsdiät" gibt es nicht. Häufig wird vor Kartoffeln, Tomaten oder Schweinefleisch gewarnt, die angeblich giftig für Krebspatienten seien. Tatsächlich enthalten die Nachtschattengewächse Kartoffeln und Tomaten in ihren grünen Pflanzenteilen das schwach giftige Solanin. Krebs fördert dieser Stoff jedoch nicht. Das Gerücht, Schweinefleisch sei schädlich, scheint eher einen weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund zu haben. Wissenschaftliche Belege, dass das Fleisch ungesund ist, gibt es jedenfalls nicht. Quelle: dpa
Krebsrisiko steigt nach einer SterilisationFührt eine Durchtrennung der Eileiter oder Samenstränge zur Empfängnisverhütung zu Krebs? Hierauf ist die Antwort nicht so eindeutig zu geben. Bei Frauen konnte die Vermutung, eine Unterbindung der Eileiter führe zu Eierstockkrebs, bislang nicht durch Studien belegt werden. Bei Männern sieht die Sache etwas anders aus: Jahrelang galt eine Vasektomie als ungefährlich. Das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, scheint tatsächlich nicht anzusteigen. Bei Prostatakrebs hingegen sehen die Wissenschaftler noch offene Fragen. Eine US-Studie die im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht wurde und 50.000 Männer über einen Zeitraum von 24 Jahren beobachtete, wies auf einen leichten Anstieg aggressiver Prostatakarzinome nach einer Vasektomie hin. Der Mechanismus dahinter ist aber noch unklar. Quelle: dpa
Übergewicht macht krebskrankEs gibt Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Körpergewicht und Brustkrebs gibt. Und tatsächlich müssen Frauen, die nach den Wechseljahren deutlich übergewichtig sind, mit einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit leben. Für jüngere Frauen wurde dieser Zusammenhang bisher nicht bestätigt. Laut dem Krebsinformationsdienst laufen hierzu aktuell noch weitere Studien. Quelle: dpa

„So wie wir flächendeckend für Kinderbetreuung auch für ganz Kleine gesorgt haben, müssen wir tagsüber überall im Land Angebote für Hochbetagte schaffen“, fordert der Staatssekretär, „die mittlere Generation ist tagsüber im Beruf eingespannt.“ Wie das bezahlt werden soll, sagt Laumann nicht. Letztendlich sagt der Sozialpolitiker: „Wir werden uns alle an das Bild Demenzkranker gewöhnen müssen, auf der Straße, beim Einkaufen, im Bekanntenkreis. Enge Angehörige sollten keine Scheu haben, den Partner mit in die Öffentlichkeit zu nehmen.“

Bis 2025 Kampf gegen Alzheimer gewonnen haben

Das alles klingt wenig hoffnungsvoll; nach dem typisch deutschen Zögern, Zaudern und Zerreden. Dabei ist die Hoffnung auf wesentliche Durchbrüche nicht komplett aufgegeben. In Deutschland nicht, noch weniger aber in einigen anderen Ländern.

So fördern deutsche Ministerien seit Jahren und auch weiterhin die Erforschung der Ursachen von Demenz und möglicher Therapien dagegen mit Millionenbeträgen. Noch ein bisschen pfiffiger stellt das derzeit der britische Premierminister David Cameron an: Der Konservative stellt einen Millionen-Pfund-Betrag bereit, um in einer Art staatlich-privater Partnerschaft einen Risikokapitalfonds zu gründen. Neben der britischen Regierung zahlen dort in diesen Wochen auch viele große Pharma- und Biotech-Konzerne ein. Ihr Ziel: bis 2025 den Kampf gegen Alzheimer endgültig gewonnen zu haben. Cameron hatte dazu auch die G7-Staaten schon verpflichtet.

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Und auch die Börse ist, wie es in überhitzten Zeiten nicht überrascht, optimistisch: Als in den USA Axovant, das über gerade mal einen medikamentösen Hoffnungswert verfügt, an den Markt ging, erzielte es eine Rekord-Erstbewertung von 2,2 Milliarden Dollar. Natürlich, kein Land hat ein Patentrezept für den Umgang mit Millionen Altersdementen. Und Investitionen allein können den Erfolg eines Medikamentes nicht erzwingen.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn es nur die Hoffnung ist, dass die Kinder von Dieter Jorek oder Wilma Dohmeyer nicht auch dereinst im Pflegeheim sitzen und sich selbst verlieren.

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