Depressionen Wenn die Gedanken im Kopf unaufhörlich kreisen

Die Krankheit Depression ist in der Gesellschaft weitgehend akzeptiert. Doch es gibt noch viel zu tun bei der Versorgung von Patienten und ihren Angehörigen.

Die größten Irrtümer über Depressionen
"Depression äußert sich nur psychisch"Psychische Anzeichen wie zum Beispiel Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche, Trauer und Niedergeschlagenheit gehören klar zum Krankheitsbild der Depression. Sie gehen jedoch gelegentlich mit körperlichen Symptomen einher. „Manchmal verbergen sich hinter Magen- oder Darmbeschwerden, Schwindel sowie Kopf- und Rückenschmerzen starke Depressionen“, weiß Doktor Friedrich Straub, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein. Um sicher zu gehen, dass diese körperlichen Symptome mit der depressiven Verstimmung zusammenhängen, ist eine intensive ärztliche Untersuchung erforderlich. Diese kann Klarheit darüber verschaffen, ob neben der Depression auch andere Krankheiten wie Diabetes oder Schilddrüsenprobleme als Auslöser der Symptomatik in Frage kommen. Quelle: Fotolia
"Ein frohes Gemüt schützt vor Depressionen"„Einen sicheren Schutz gibt es nicht“, betont der Experte. Die Krankheit kann jeden treffen - und zwar ganz unabhängig von der Persönlichkeit. Die gute Nachricht: Gewisse Risikofaktoren für die Begünstigung einer Depression lassen sich mindern. Laut Straub können vor allem Sport und ausreichend Bewegung an der frischen Luft sowie Entspannung eine heilende Wirkung für die Seele haben. Auch ein erfülltes Sozialleben mit vielen engen Freunden und abwechslungsreiche Freizeitaktivitäten senken das Risiko für depressive Verstimmungen. Quelle: Fotolia
"Depressionen verschwinden von selbst wieder" Quelle: dpa
"Nur Frauen sind von Depressionen betroffen" Quelle: Fotolia
"Angehörige sollten den Depressiven aufmuntern"Depressionen sind nicht nur für den Betroffenen schwer erträglich, auch die Angehörigen brauchen viel Kraft. Auch bei lang anhaltenden depressiven Phasen nicht die Geduld zu verlieren ist eine der wichtigsten Verhaltensregeln für Freunde und Familie. Sprüche à la: "Jetzt reiß dich mal zusammen", "Nimm das Leben nicht so schwer" oder Witze und Aufmunterungsversuche sind eine schlechte Idee. „Grundsätzlich sollte man gut gemeinte Ratschläge besser für sich behalten“, so Straub. Tabu sind vor allem Anweisungen, die den Betroffenen noch mehr unter Druck setzen oder dessen Schuldgefühle verstärken könnten. Ersparen sollte man sich auch Kommentare, die das Leiden herunterspielen. Quelle: Fotolia
"Ein Urlaub bringt dich in bessere Stimmung"Ein Tapetenwechsel, um den depressiv Erkrankten auf andere Gedanken zu bringen, erscheint oberflächlich betrachtet wie eine gute Idee. Jedoch kann ein Urlaub fernab der Heimat sogar entgegengesetzt wirken: „Für viele Erkrankte ist eine andere, fremde Umgebung zusätzlich beängstigend und beunruhigend“, warnt Straub. Ein geregelter Tagesablauf ist für depressive Menschen wichtig. Angehörige sollten sie deshalb darin unterstützen, Terminen oder Verpflichtungen nachzukommen, insbesondere Therapiesitzungen. Quelle: dpa
Schatten eines Pärchens Quelle: dpa
Überforderter Arbeitnehmer Quelle: Fotolia
"Schlafen und Urlaub helfen gegen Depressionen" Quelle: Fotolia
Depressionen sind eine schwere, oft sogar lebensbedrohliche Krankheit. Quelle: dpa
Depressive Frau Quelle: dpa
Frau weint Quelle: Fotolia
Medikamente Quelle: dpa
Frau schüttet Pillen in ihre Handfläche Quelle: obs

Die Stimmung auf der Schwerpunktstation Depression im Alexianer St. Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee ist ruhig und freundlich an diesem Nikolaustag 2016. Man sieht wenig Weihnachtsdeko. Die Weihnachtszeit ist eine sehr sensible Zeit. Eigentlich wollen die Patientinnen und Patienten nach Hause, aber nicht alle schaffen das.

Denn Depression ist eine schwere Erkrankung, die auch das Umfeld, die Familie schwer belasten kann. Johanna (50) sitzt etwas zusammengekauert auf einem Stuhl: „Ich habe den roten Faden in meinem Leben verloren“, sagt sie. Sie habe sich zu sehr in ihre Arbeit gestürzt, sich zu viele Aufgaben aufgebürdet, wollte immer alles alleine machen. Irgendwann habe sie das alles nicht mehr geschafft.

Zuletzt habe sie sich von ihren Freunden und Bekannten zurückgezogen, wollte sie nicht mehr sehen. „Alles, was mir wichtig war, erstrebenswert, ist wie ein Luftballon geplatzt“, sagt Johanna. Für ihre Umwelt sei dies alles schwer zu begreifen: „Was ist mit meiner Tochter, die nicht versteht, dass sich ihre Mutter das Leben nehmen will? Das fehlende Verständnis blockt mich, da hin zu gehen ... Aber woher soll es mein Mann wissen?“

Depression: Volkskrankheit mit Versorgungsdefiziten

Natürlich wird die Familie, werden die Angehörigen insofern mit einbezogen, als von ihnen mit abhängt, ob ein Patient zum Beispiel über Weihnachten nach Hause entlassen werden kann. Dringend verbessert werden muss aber die Betreuung und Beratung des Patienten-Umfelds, insbesondere der Familie. Diese sei schon in einem sehr frühen Stadium der Krankheit häufig verunsichert. „Das führt dann auch häufig zu falschen Maßnahmen: „Nun reiß' dich doch mal zusammen. Das geht schon wieder vorbei“, erläutert die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Iris Hauth. Das könne jemand noch weiter in die Depression treiben.

Man müsse erläutern, was eine Depression sei und wie man mit dem Patienten in der Familie umgehen sollte. Es gebe erste Schritte zu mehr Hilfe. Aber: „Die Arbeit mit Angehörigen ist in den Kliniken und auch im ambulanten Bereich noch deutlich zu verbessern“, sagt Hauth, die zugleich Direktorin des Alexianer St. Joseph-Krankenhauses ist. Angemessene Beratung der Angehörigen koste aber Zeit, die weder im ambulanten noch stationären Bereich ausreichend finanziert werde.

„Ich hab' ganz doll Schuldgefühle. Woher, weiß ich nicht.“ Petra (44) denkt unter anderem, sie habe Schuld am vermeintlichen Übergewicht ihrer Tochter, sie habe nicht auf gesunde Ernährung geachtet. „Das kann ich nicht mehr rückgängig machen“, sagt sie. Sie ist traurig, fast schon verzweifelt, obwohl die Tochter abgenommen habe. Eigentlich sei alles auf einem guten Weg. Aber: „Ich kann einfach nicht in die Zukunft gucken. Ich hänge in der Vergangenheit.“ Sie versuche, die Gedanken im Kopf zu stoppen und sich abzulenken. „Aber es passiert automatisch“, sagt sie und meint die kreisenden Gedanken im Kopf.

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