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DFKI-Chefin Jana Koehler „Auch für die digitale Gesellschaft ist das Handwerk die Grundlage“

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„Wir überschätzen Technologien am Anfang“

Das klingt sehr allgemein. Was heißt das genau?
Ich denke zum Beispiel an die Textilindustrie. Die Hälfte der Kleidung, die heute produziert wird, wird nie getragen. Das ist Verschwendung und schädigt die Umwelt. Auch herrschen in der Branche noch immer oft schlechte Arbeitsbedingungen. Hier können wir etwas ändern. Würden Unternehmen auf Bestellung kundenindividuell fertigen, würde sich viel tun. Sie bekämen das Kleidungsstück, wie Sie es sich wünschen – und würden es hoffentlich auch länger tragen. Qualität könnte einen neuen Stellenwert erhalten. Aber damit Sie Ihre Bestellung nach wenigen Tagen erhalten, müssten die Fabriken in Europa stehen. Roboter und KI kämen zum Einsatz, um die Produktions- und die Lieferungsprozesse effizient zu gestalten.

Und wir wären der maschinendominierten Arbeitswelt näher, in der der Mensch nicht mehr gebraucht wird?
Sehen Sie, früher hat uns die Verkäuferin beraten und auch mal ehrlich von einem Kleidungsstück abgeraten. Das war toll, und vielleicht kommen wir auch wieder da hin. Aber so lange immer mehr Menschen online bestellen, wäre es doch wünschenswert, dass die KI auch mal sagt: Nimm das nicht, das sieht im Katalog toll aus, aber wird nicht zu dir passen. Das könnte die Retourenquote senken – und wäre ein echter Fortschritt zu den heutigen Empfehlungssystemen, die einem immer nur vorschlagen, was man sowieso schon gekauft hat. Die ärgern mich regelmäßig, weil sie eben nicht intelligent, sondern sehr dumm sind.

Das würde die Branche noch einmal stark wandeln. Was sagen Sie Unternehmen, die erwarten, die Veränderungen durch künstliche Intelligenz würden schon nicht so tiefgreifend, und daher immer noch abwarten?
Ich habe die vergangenen 20 Jahre in der Schweiz gelebt. Auch dort warten viele ab und beobachten erst mal, was um sie herum passiert. In einem gewissen Rahmen ist das in Ordnung. Nur: Wir überschätzen Technologien am Anfang oft, unterschätzen aber dann ihre langfristigen Auswirkungen. Das ist wie beim Smartphone: Die ständige Verfügbarkeit des Internets in einem kleinen Gerät hat auch alles andere verändert – was sich anfangs die wenigsten vorstellen konnten. Deshalb sollten sich Unternehmen schon heute Gedanken machen, was die weiteren Effekte von KI – und der Digitalisierung – sein werden, an die man nicht unbedingt gleich denkt.

Nur, was tun, wenn man das zwar tut, aber eben nicht so genau weiß, was die Technik bringen wird?
Es lohnt sich schon heute, mit Partnern Projekte zu beginnen, die digitale Innovationen vorausdenken und austesten. Unternehmen sollten die Mitarbeiter und Teams unterstützen, die etwas anders machen wollen und die auch mal querdenken. Die brauchen Rahmenbedingungen, damit sie nicht am „Das haben wir schon immer so gemacht“ scheitern.

So funktioniert Künstliche Intelligenz

Was kann die Politik tun, außer wohlklingende Strategiepapiere zu verfassen? 
Etwas, das gut für die Menschen und die Wirtschaft ist. Im internationalen Vergleich halte ich es zum Beispiel für eine sehr gute Errungenschaft, dass in Deutschland Bildung gratis ist. Auch, dass wir ein duales Bildungssystem haben, ist enorm gut. Aus meiner Sicht sollten wir aber die Ausbildung im Vergleich zum Studium wieder mehr stärken, damit Lehrberufe wieder mehr Ansehen genießen. Auch für die digitale Gesellschaft ist letztendlich das Handwerk die Grundlage. Oder, ein anderes Beispiel: Deutschen Verkehrsunternehmen fehlen tausende Busfahrer. Diese Menschen brauchen wir aber dringend. Denn wenn ich morgens nicht zur Arbeit komme, weil kein Bus fährt, nutzt es mir auch wenig, die Chefin des DFKI zu sein.

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