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Drei US-Forscher ausgezeichnet Chemie-Nobelpreis an Martin Karplus, Michael Levitt und Arieh Warshel

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Die Arbeit ist noch längst nicht erledigt

Kleine und große Nobelpreis-Skandale
Barack ObamaAls der frischgewählte US-Präsident Barack Obama 2009 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, hagelte es Kritik. Kritiker fragte, für welche Leistung er den Preis erhält. Für Guantanamo? Für Afghanistan? Für den Irak? All diese Kriege und Menschenrechtsverletzungen gehen auch auf die Kappe Barack Obamas. Das fünfköpfige Nobelpreiskomitee begründete seine Wahl Mit den Worten: "Barack Obama erhält den Preis für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen Völkern zu stärken". Selten zuvor habe eine Persönlichkeit so sehr die Hoffnung auf eine bessere Zukunft vermittelt und die Aufmerksamkeit der Welt in Bann gezogen. Quelle: AP
Jean-Paul Sartre1964 lehnte der französische Schriftsteller Jean-Paul Sartre als bisher einziger der seit 1901 ausgewählten Preisträgern den Nobelpreis für Literatur freiwillig ab. Er erklärte stolz: "Jeder Preis macht abhängig." Das Preisgeld hätte er elf Jahre später trotzdem gerne gehabt. Mitte der 70er Jahre fragte Sartre beim Nobelkomitee diskret an, ob man ihm nicht nachträglich die Dotierung von 273.000 schwedischen Kronen überweisen könne. Quelle: AP
Ralph M. Steinman Als das Komitee 2011 den Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin bekannt gab, war der Preisträger Ralph M. Steinman bereits seit drei Tagen tot. Wie es dazu kommen konnte, dass Steinman neben seinen Kollegen Bruce A. Beutler und Jules A. Hoffmann als Preisträger verkündet wurde, konnten die überrumpelten Schweden damals nicht erklären. Der Tod des Kanadiers war ihnen nicht bekannt gewesen. Der Preis wurde Steinman postum verliehen. Quelle: REUTERS
Boris PasternakVor Jean-Paul Sartre lehnte auch der Schriftsteller Boris Pasternak den Literaturnobelpreis ab. Allerdings geschah dies nicht freiwillig, sondern 1958 auf Druck des Kreml. Die Sowjetführung hatte damals gemutmaßt, der ausgezeichnete Roman "Dr. Schiwago" sei vom amerikanischen Geheimdienstes CIA finanziell gefördert worden. Quelle: dpa-tmn
Verschmähte LiteratenAls einer der größten Skandale der Nobel-Geschichte gilt die Vergabe des Literaturnobelpreises. Immer wieder machen Kritiker darauf aufmerksam, dass Größen der Literaturgeschichte nie berücksichtigt wurden, während andere zwar den Preis erhielten, danach aber keine Rolle mehr spielten. Weder Leo Tolstoi (im Bild), noch James Joyce, Virginia Woolf, Marcel Proust, Henrik Ibsen oder der Schwede August Strindberg haben den Preis je zuerkannt bekommen. Längst vergessen ist hingegen die italienische Autorin Grazzia Deledda, die 1927 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Quelle: dpa
Dario FoEher ein kleiner Skandal war die Vergabe des Literaturnobelpreises an Dario Fo. Der Italiener erhielt 1996 als erster Dramatiker den begehrten Preis. Damit hatte damals niemand gerechnet. Vor ihm ging die Auszeichnung immer an Romanautoren und Lyriker. Mit einer Ausnahme: 1953 ging der Literaturnobelpreis an den britischen Ex-Premierminister Winston Churchill. Quelle: dpa/dpaweb
Liu Xiaobo2010 gab das Nobelpreis-Komitee bekannt, dass Liu Xiaobo (mit seiner Frau Liu Xia im Bild) mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wird. Die Wahl begründeten die Mitglieder mit seinem „langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China“. Zu dieser Zeit saß der Menschenrechtler bereits im Gefängnis. Die chinesische Regierung ließ ihn wegen Untergrabung der Menschenrechte festnehmen. Xiaobo hatte gemeinsam mit über 300 anderen Menschenrechtlern eine Charta zum Internationalen Tag der Menschenrechte veröffentlicht. Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg gratulierte dem Preisträger damals, enthielt sich jedoch jeglicher Kritik an Peking. Quelle: REUTERS

Die Familie Karplus besitzt ein besonderes Talent für Naturwissenschaft.  Der Großvater war Medizin-Professor an der Uni Wien und an der Entdeckung der Funktion des Hypothalamus beteiligt. Nach ihm ist heute eine Straße benannt. Martins Bruder Robert hatte einen Lehrstuhl für theoretische Physik in Berkeley. Dabei stand ihr Leben nicht unter einem guten Stern. Als Achtjähriger floh Martin Karplus mit seiner Mutter und dem Bruder 1938 nach dem Anschluss von Österreich an Hitler-Deutschland aus Wien in die USA. Sein Vater war in Haft gekommen, das Wohnhaus wurde von den Nazis arisiert.  "Die Flucht in die USA hat mich geprägt", schrieb Karplus später. Sie habe ihn gelehrt, dass man immer für Veränderungen offen sein muss, um neue Dinge zu lernen und Herausforderungen zu meistern. Mit 23 Jahren erwarb Martin Karplus bereits seinen Doktortitel unter Anleitung von Doppel-Nobelpreisträger Linus Pauling. In der 70er Jahren wollte Karplus nach Europa zurückkehren, aber der Weg nach Paris sei schließlich an der Bürokratie gescheitert. Es ist seiner Liebe zu Frankreich zu verdanken, dass er neben Harvard heute auch an der Uni in Straßburg lehrt.

Wershal brachte nach Harvard die Erfahrung aus der Programmierung für den israelischen Superrechner Golem mit, mit dem auch Michael Levitt gearbeitet hatte. Das Trio löste die anspruchsvolle Aufgabe und berechnete das Verhalten einzelner Elektronen in einem Molekül auf Basis der Quantentheorie.  Karplus und Wershal veröffentlichten 1972 das erste fast vollständige berechnete Molekül.

Sie erkannten rasch, dass ihre Arbeit nur dann nützlich sein könnte, wenn sie auch komplizierte biologische Systeme wie Enzyme und Proteinen berechnen könnten. Das gelang erstmals 1976 an der US-Universität Cambridge, wo Michael Levitt über Jahre mit DNA und Proteinen gearbeitet hatte. Der Clou: Die neue Software konnte nicht nur die Reaktion abbilden, an der sie entwickelt worden war, sondern ließ sich einfach für andere Moleküle verändern. Die Geburtsstunde der theoretischen Biologie, die einen genauen Blick auf die Chemie hinter dem Leben ermöglicht.

Forschung



Für Levitt ist die Arbeit längst noch nicht erledigt. Die wachsende Rechenleistung der Supercomputer lässt seinen Traum näher rücken. Der gebürtige Südafrikaner  mit britischer und amerikanischer Staatsangehörigkeit möchte gern einen kompletten lebendigen Organismus am Computer simulieren. Diesem Ziel strebt der 66-Jährige an der US-Elite-Universität Stanford entgegen. Die Programmierer haben mittlerweile einen clevere Weg gefunden, für das komplexe Vorhaben Rechnerleistung zu sparen: Sie berechnen nicht mehr einzelne Elektronen, sondern können diese zu Gruppen zusammenfassen und deren gemeinsames Verhalten in die Algorithmen einfließen lassen. 

Ganz nebenbei haben die drei Preisträger sehr viel für das Verständnis von Biologie und Chemie im Alltag getan. Sie haben einer abstrakten Wissenschaft ein Gesicht gegeben. Ihre Programme sind quasi kleine Kameras, um mitten im Körper Proteine und Enzyme bei der Arbeit zu beachten. Daraus sind tausende Filme entstanden, die in jeder Wissenschaftssendung zu sehen sind, wenn biologische Prozesse dargestellt werden.

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