Ebola breitet sich weiter aus "Die Lage ist weiterhin dramatisch"

Jochen Moninger, der Leiter der Welthungerhilfe in Sierra Leone, fordert schnellere Hilfen gegen Ebola und warnt vor Chaos im Land. Doch die Angst vor eigener Ansteckung hält er für übertrieben.

Fiese Keime
EbolaDie Ausbreitung dieses Filovirus ließ sich in der Vergangenheit durch Isolation der Kranken sehr gut eingrenzen, weil der Erreger nur durch engen Kontakt mit Erkrankten und deren Körperausscheidungen oder Blut weiter gegeben wird. Zudem können Menschen, die sich mit Ebola angesteckt haben, andere erst dann infizieren, wenn sie selbst offensichtlich erkrankt sind. Während der bis zu 21 Tage dauernden sogenannten Inkubationszeit zwischen der Infektion und dem Ausbruch der Krankheit besteht keine Ansteckungsgefahr. Die fadenförmigen Viren befallen vor allem die Fresszellen unter den weißen Blutkörperchen sowie Zellen in der Leber, den Lymphknoten und der Milz. Sie lösen dabei hohes Fieber und Blutungen aus. 60 bis 90 Prozent der Erkrankten sterben innerhalb weniger Tage oder Wochen an diesem hämorrhagischen Fieber. Weil die Seuche so tödlich ist, hat sie sich bisher immer nach wenigen Wochen selbst auslöscht. Weil sie aber auch Tiere befällt, kommt es immer wieder zu Infektionen von Menschen und neuen Epidemien. Quelle: AP
AidsDas Immunschwäche auslösende Virus (Humanes Immundeffizienz Virus, HIV) wird zwar ebenfalls durch Blut und Körperflüssigkeiten vor allem beim Geschlechtsverkehr übertragen, hat aber eine ganz andere Ausbreitungsdynamik. Hier dauert es im Mittel zehn Jahre, bis die Erkrankung offensichtlich wird. Trotzdem kann der Infizierte schon während dieser jahrelangen Inkubationszeit andere Menschen anstecken. Vor allem in den ersten Wochen ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch. So hat sich das Aids-Virus, seit es Anfang  der 1980er Jahre vom Affen auf den Menschen übersprang, sehr erfolgreich über die ganze Welt verbreitet. Die Pandemie hat seither etwa 28 Millionen Menschenleben gefordert. Aids kam vor allen in den Anfangsjahren einem Todesurteil gleich. Heute lässt sich das Virus – zumindest in der westlichen Welt – mit einem Dreifach-Cocktail aus zwischenzeitlich entwickelten Medikamenten recht gut unter Kontrolle halten. Auch  die Ausbreitung wurde durch Aufklärung deutlich eingegrenzt: Am wirksamsten ist der Schutz durch Kondome beim Sex. Quelle: Gemeinfrei
Hepatitis BDiese Form der Leberinfektion wird wie Aids vor allem beim Geschlechtsverkehr weitergegeben. Aber auch Piercing, Spritzen oder Blutkonserven sind potenzielle Übertragungswege. Mit über 350 Millionen Infizierten gehört das Hepatitis-B-Virus zum erfolgreichsten Krankheitserreger der Welt. Es ist vor allem in China und Südostasien, dem Nahen Oste und Afrika weit verbreitet. Bei 90 Prozent der Infizierten heilt die Erkrankung aber schnell und vollständig aus – oft sogar ohne die typischen Gelbsucht-Symptome wie Gelbfärbung der Haut oder Gliederschmerzen. Dennoch sind auch diese unerkannten Infizierten anstecken. Und bei jenen zehn Prozent der Betroffenen mit chronischem Verlauf kommt es zu schweren Leberzirrhosen und zum Leberkrebs. Durch eine Impfung konnte das Virus vor allem in der westlichen Welt allerdings drastisch eingedämmt werden. In Deutschland werden seit 1995 alle Neugeborenen gegen Hepatitis B geimpft. Quelle: Gemeinfrei
Hepatitis CAuch dieses Virus wird über Blut und Körperflüssigkeiten weitergegeben. Es befällt wie sein naher Verwandter, das Hepatitis-B-Virus, die Leber und bleibt oftmals unerkannt. Der Anteil chronischer Erkrankungen ist allerdings deutlich höher: Bei etwa einem Drittel der Betroffenen zerstört das Hepatitis-C-Virus (HCV) das Organ. Weltweit sind rund 170 Millionen Menschen mit HCV infiziert, allein 300.000 in Deutschland. Besonders betroffen ist zum Beispiel Ägypten, wo 15 bis 20 Prozent der Menschen das Virus in sich tragen. Auch Nicht-Erkrankte können den Erreger weiter geben. An einer Impfung arbeiten Forscher derzeit – zum Beispiel beim Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und beim  schweizerischen Biotechnik-Unternehmen Okairos, das 2013 vom britischen Pharma- und Impfstoff-Konzern GlaxoSmithKline aufgekauft wurde. Seit Ende vorigen Jahres ist zudem ein sehr wirksames Medikament des kalifornischen Unternehmens Gilead Sciences auf dem Markt, das allerdings wegen seines hohen Preises ebenso hohe Wellen schlägt: Eine einzelne Sovaldi-Pille kostet 700 Euro, die zwölf Wochen dauernde Behandlung schlägt mit gut 60.000 Euro zu Buche. Quelle: Gemeinfrei
InfluenzaAnders als Ebola, Aids oder Hepatitis befallen Grippe- oder Influenza-Viren die Atemwege der Menschen und verbreiten sich beim Husten oder Niesen durch winzige Tröpfchen sehr effektiv über die Luft. Damit ist es sehr schwer, sich vor einer Ansteckung zu schützen – und Infizierte sind bereits eine Ansteckungsgefahr für Mitmenschen, lange bevor sie selbst mit hohem Fieber und Gliederschmerzen schwer krank im Bett liegen. Anders als eine gewöhnliche Erkältung kann eine echte Grippe durchaus lebensbedrohlich sein. Allein in Deutschland fordert die saisonale Wintergrippe jedes Jahr bis zu 15.000 Menschenleben. Vor allem ältere und immun geschwächte Menschen sind gefährdet. Da jedes Jahr andere Grippestämme grassieren, besteht die Schutzimpfung alljährlich aus drei unterschiedlichen Virentypen, die von den Beobachtungsteams der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgewählt werden. Quelle: Gemeinfrei
SchweinegrippeDa Influenza-Viren auch Vögel und Schweine befallen, entstehen laufend neue Erregertypen. So brachte zwischen 1918 und 1920 solch ein für den Menschen völlig neuer und besonders virulenter Influenza-Stamm – die sogenannte spanische Grippe – weltweit mindestens 25 Millionen Menschen um. Der Erreger gehörte zum Subtyp A/H1N1, der unter dem Namen Schweinegrippe im Frühjahr 2009 erneut für Aufsehen sorgte. Damals war die Sterblichkeit bei den Erkrankten des zuerst in Amerika auftretenden Erregers extrem hoch. Später zeigte sich jedoch, dass vor allem ältere Menschen teilweise gegen den neuen Schweinegrippe-Erreger immun waren. Die zunächst befürchteten zigmillionen Toten blieben aus. Das Virus hat sich aber inzwischen aber weltweit ausgebreitet und unter die saisonalen Grippeerreger gemischt. Quelle: dpa
VogelgrippeUnter ständiger Beobachtung stehen Influenza-Viren der Subgruppe A/H5N1 und A/H9N7, die bei Geflügelzüchtern verheerende Schäden anrichten und sich auch über wildlebende Zugvögel weltweit verbreiten. Vor allem eine Infektion mit dem H5N1-Typ, der auch unter dem Namen Geflügelpest bekannt ist, endet für Legehennen oder Masttiere wie Enten, Truthähne oder Gänse in der Regel tödlich. Immer wieder springen Vogelgrippe-Erreger vor allem im asiatischen Raum auch auf den Menschen über, was bisher aber nie zur befürchteten Pandemie beim Menschen mit avisierten sieben Millionen Toten führte. Quelle: AP

WirtschaftsWoche: Herr Moninger, Sie arbeiten seit 2010 für die Welthungerhilfe in Sierra Leone. Bereits mehr als 1200 Menschen sind an Ebola gestorben. Wie ist die Lage aktuell?

Die Lage ist weiterhin dramatisch. Es gibt jeden Tag 40 bis 50 neue Ebola-Fälle. Wir müssen uns darauf einstellen, dass die Zahl der Neuinfizierten bis Ende des Jahres auf 200 bis 300 pro Tag ansteigt. Neben der medizinischen Versorgung der Kranken ist es daher mindestens genauso wichtig, die Ansteckungsgefahr im Land einzudämmen. Wir arbeiten daher mit Hochdruck an einer besseren Infrastruktur und Logistik.

Wie professionell reagiert die Regierung vor Ort auf die Epidemie?

Jochen Moninger Quelle: Presse

Es gab bisher etwa 3000 Ebola-Infizierte. Deren Kontaktpersonen, oft die Großfamilie, muss in Quarantäne genommen werden und darf ihr Haus nicht verlassen dürfen. Die Regierung wird dabei von den Hilfsorganisationen vor Ort unterstützt. Höchste Priorität hat die Aufgabe, die rund 9000 Kontaktpersonen der Infizierten ausfindig zu machen. Das geschieht über lokale Ebola-Outbreak-Committees, die Risikopersonen identifizieren und den Verlauf der Epidemie dokumentieren. Weil es aber auf dem Land kaum Telefone gibt und die Transportmöglichkeiten schlecht sind, ist die Suche extrem schwierig.

Zu Person

In der liberianischen Hauptstadt Monrovia kam es kürzlich zu Ausschreitungen, als die Armee einen Stadtteil unter Quarantäne stellte. Gibt es solche Szenarien in Sierra Leone?

Bislang nicht. Meines Erachtens hatte man in Monrovia den Fehler gemacht, ein ganzes Slum mit 75.000 Einwohnern abzuriegeln, ohne die Versorgung mit Lebensmitteln sicher zu stellen. In Sierra Leone kam die Krankheit relativ spät in die Hauptstadt Freetown. Es ist bislang weitestgehend ruhig geblieben. Die Gesellschaft akzeptiert die Gefahr durch den Virus. Es ist aber nicht auszuschließen, dass die Ruhe irgendwann in Chaos umschlägt. Das Schlimmste waere, wenn die Akzeptanz der Gesellschaft zusammen bricht.

Droht dieses Szenario?

Der Fokus der Nichtregierungsorganisationen liegt derzeit auf der medizinischen Hilfe. Die Menschen sehen, wie Verwandte, Freunde und Bekannte sterben und in Quarantäne genommen werden. Die Anzahl der Infizierten ist aber relativ überschaubar. Viel gravierender wirken die ordnungspolitischen Restriktionen und die Schließung der Grenzen zu den Nachbarstaaten. Der regionale Handel ist quasi tot.

Das ist das Ebola-Virus

Wie macht sich das bemerkbar?

Zwischen 19 Uhr abends und 7 Uhr morgens darf kein Motorrad-Taxi mehr fahren. Kneipen müssen um 21 Uhr schließen. Nachts sind die Straßen wie leergefegt. Auch der Handel innerhalb des Landes wurde eingeschränkt. Es gibt 13 Distrikte in Sierra Leone. Fünf davon befinden sich in Quarantäne. Außerdem hat die Regierung an jeder Distriktgrenze einen Checkpoint eingerichtet, der nur tagsüber zwischen 9 Uhr morgens und 17 Uhr abends passiert werden darf. Die wirtschaftlichen Folgen sind dramatisch, denn regionaler Handel hängt von den Transportmöglichkeiten ab; genauso wie in Europa.

Wie denn?

Normalerweise fahren Bauern aus dem Nordosten des Landes ihre Ernte nachts in die 200 Kilometer entfernte Hauptstadt Freetown. Diese Transportwege sind nun abgeschnitten. Sie müssen ihre Ware tagsüber transportieren. Aber in Sierra Leone gibt es keine Kühlketten. Die Ernte vergammelt noch bevor sie in Freetown ankommt. Auch zusätzliche Übernachtungen können sich die Bauern nicht leisten. Der Handel bricht ein. Gerade jetzt, wo die Bauern ihre Haupternte einfahren, ist das eine Katastrophe. Die Mehrheit der Menschen arbeitet zudem als Tagelöhner. Die Leute schleppen am Morgen Zement und Sandsäcke und ernähren damit ihre Familien. Diese Bevölkerung leidet am meisten. In den Städten kann das bald zu Hungersnöten führen. Ebola wirft die Länder um Jahre zurück.

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