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Ebola-Epidemie Die neue Angst vor Seuchen

Der dramatische Ebola-Ausbruch in Afrika schürt die Angst vor der Rückkehr der Seuchen. Zu Recht?

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Ebola-Virus Quelle: dpa

Es kommt wie aus dem Nichts, schlägt zu und hinterlässt eine Spur des Todes – Ebola. Der Erreger tötet grausam und effektiv. Bis zu 90 Prozent der Infizierten sterben. Die Opfer verbluten innerlich und äußerlich oder sterben an Organversagen. 1976 erstmals in Zentralafrika beschrieben, tauchte das Virus immer wieder auf und verschwand schnell wieder.

Doch jetzt ist alles anders. In Westafrika – in Guinea, Sierra Leone und Liberia – tobt die bisher schlimmste Ebola-Epidemie. Fast 800 Infizierte zählte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), fast 500 von ihnen starben. Und die Seuche breitet sich seit Monaten aus, statt wie sonst schon nach Wochen zusammenzubrechen.

Furcht vor Ausbreitung

Auch rund 450 Virologen, Ärzte und Pfleger von WHO und Hilfsorganisationen ändern nichts. Die Lage sei „außer Kontrolle“, schlug Bart Janssens, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen, Alarm. Die WHO fürchtet, dass die Seuche auf Nachbarländer übergreift. Längst fragen sich viele in Deutschland, ob das Virus auch afrikanische Urlaubsgebiete erreicht und wie Geschäftsreisende sich schützen können.

Fällt Ebola womöglich bald in Europa ein? Ist die Epidemie Vorbote einer neuen Ära, in der unbeherrschbare Seuchen wieder Millionen Opfer fordern, wie die Spanische Grippe Ende des Ersten Weltkriegs?

Ebola ist nicht allein. In Saudi-Arabien grassiert der Atemwegsinfekt MERS (Middle East Respiratory Syndrome). In den Tropen infiziert das einst seltene Dengue-Fieber Millionen Menschen. Und in China tötet ein Vogelgrippe-Erreger Menschen. Er könnte sich weiter verändern und dann rasant ausbreiten.

Das ist das Ebola-Virus

Ursache Viren

Ursache dieser Krankheiten sind Viren, gegen die es bisher kaum wirksame Therapien gibt. Sollte es zu einem weltweiten Seuchenzug kommen, einer Pandemie, ist nicht klar, ob Impfungen und Medikamente rechtzeitig bereitstehen. Die Pharmaindustrie investiert kaum noch in den Kampf gegen Virusinfektionen.

Dazu kommt, dass zumindest „Ebola nicht das Zeug zur globalen Bedrohung hat“, beruhigt der Regensburger Infektiologe Bernd Salzberger. Anders als bei Grippeviren sei eine Ansteckung von Mensch zu Mensch nicht über Tröpfchen in der Luft möglich, sondern nur durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten. Sobald Infizierte typische Symptome wie hohes Fieber und Durchfälle zeigen, können Mediziner sie isolieren und so die Seuche eindämmen.

Helfer Quelle: AP

Misstrauen

Die Strategie versagt bei Ebola in Westafrika aber. Dort misstrauen die Menschen westlichen Helfern. Statt sich von gespenstisch vermummten Ärzten in Isolierzelte sperren zu lassen, pflegen Angehörige die Kranken und stecken sich an. Bestattungsriten tragen zur Virusverbreitung bei: Verwandte waschen die Verstorbenen und umarmen sie. Ein Abschiedskuss für den Toten wird dann schnell zum Todeskuss.

Wie sich bisher schwer heilbare Tropenkrankheiten durch Verstädterung und wachsende Mobilität der Menschen ausweiten können, belegt Dengue. Weltweit in allen warmen Regionen zu Hause, gefährdet es nun auch die Menschen in Brasiliens Großstädten, wo Millionen Einheimische und Touristen die Fußball-WM genießen.

Alte und neue Krankheiten

Wie bei Ebola verursacht das Dengue-Virus Fieber mit schweren Blutungen. Laut WHO erkranken etwa 100 Millionen Menschen pro Jahr daran, 22.000 sterben. Wo, wie in den Slums der Welt, die Menschen Trinkwasser in offenen Tonnen sammeln, haben Dengue-Mücken beste Überlebenschancen. Gut 300 Menschen schleppen die Krankheit jährlich nach Deutschland ein.

Aber nicht nur altbekannte Tropenkrankheiten bereiten Probleme. Gerade bei den sich schnell genetisch verändernden Viren entstehen immer wieder neue, gefährliche Erreger. Das Prinzip ist immer gleich: Viren, die eigentlich Tiere befallen, mutieren und schaffen es plötzlich, auf den Menschen überzuspringen.

So stammt der Erreger der Immunschwäche Aids vom Affen. Ebola haust eigentlich in Fledermäusen und Affen. Grippeviren kommen von Vögeln und Schweinen. Und bei MERS stecken Menschen sich durch engen Kontakt mit Kamelen an.

Pharmaindustrie scheut den Kampf gegen Viren

Das heißt aber: Anfangs ist es schwer für die Erreger, von Mensch zu Mensch zu springen. Dann lassen sich Seuchenausbrüche noch gut eindämmen, erläutert der Bonner Virologe Christian Drosten am Beispiel MERS in Saudi-Arabien. Dort stieg die Zahl der Infektionen drastisch an, weil eine Klinik in Dschidda die Kranken nicht richtig isolierte. Pfleger und Angehörige steckten sich in der Klinik an. Als das Problem behoben war, ging die Verbreitung zurück.

Mutiert aber einer der Erreger noch weiter, sodass er schnell von Mensch zu Mensch springen kann, wird die Sache gefährlich: Dann haben Ärzte weder Medikamente noch Impfstoffe zur Hand. Ohnehin scheut die Pharmaindustrie seit Jahren den Kampf gegen Viren. Denn sie sind schwer anzugreifen. Zudem sind etwa Ebola oder MERS so selten, dass die Industrie mangels Markt kein Interesse zeigte.

Moskito Aedes aegypti oder Stegomyia aegypti Quelle: dpa

Verstärkte Forschung

Erst die Sorge, Terroristen könnten Ebola- oder MERS-Viren gezielt unters Volk bringen, führte Ende der Neunzigerjahre zu verstärkter Forschung – finanziert vor allem von staatlichen Förderprogrammen. Seither gibt es zumindest einige experimentelle Impfstoffe und Medikamente.

Am weitesten ist eine Impfung gegen Dengue-Fieber, die der deutsch-französische Hersteller Sanofi-Pasteur entwickelt: Sie wird an mehr als 20.000 Kindern und Erwachsenen in Lateinamerika erprobt. Gegen das MERS auslösende Coronavirus aus Kamelen haben Forscher des deutschen Zentrums für Infektionsforschung gerade einen Impfstoff erfolgreich an Tieren erprobt.

Eine Reihe von Ebola-Impfstoffen wurde schon an Schimpansen getestet. Denn auch das Impfen der wild lebenden Affen wäre ein Ansatz, findet Stephan Günther, Leiter der Virologie des Bernhard-Nocht-Instituts (BNI) für Tropenmedizin in Hamburg. Er zieht den Vergleich zur Tollwut: „Europa ist weitgehend frei davon durch die Impfung der Füchse.“

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Besonders vielversprechend könnte der Wirkstoff Favipiravir sein, den die japanische Fujifilm-Tochter Toyama Chemical Company gegen Grippeviren entwickelt hat. Er steht kurz vor der Marktzulassung und legt die Vervielfältigung verschiedenster Viren lahm. Deshalb fasziniert die Substanz die Forscher weltweit.

BNI-Experte Günther etwa untersucht, wie wirksam Favipiravir gegen das Lassa-Virus ist, einen den Ebola-Viren verwandten Seuchenerreger. Andere Wissenschaftler zeigten, dass der Wirkstoff Gelbfieber-Erreger und das West-Nil-Virus stoppt. Sogar gegen Ebola scheint dieses Medikament Wirkung zu zeigen.

Der Clou daran: Sollte sich die Wirksamkeit von Favipiravir in weiteren Studien belegen lassen, wäre das erste Breitband-Antivirenmittel gefunden. Und an der Vermarktung solch eines Rundum-Killers, den Forscher bisher für fast unmöglich hielten, hätten – natürlich – auch die Pharmakonzerne lebhaftes Interesse.

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