Einfluss der Tabakindustrie Die unbekannte Geschichte der Stressforschung

Seit Jahren diskutieren Experten die gesundheitlichen Folgen von Stress. Doch was kaum jemand weiß: Dafür verantwortlich ist auch die Tabakindustrie.

Eine neue Studie zeigt, wie stark die Tabakkonzerne unser Bild von Stress beeinflusst haben. Quelle: dpa

Gestresste Manager, gestresste Hausfrauen, gestresste Kinder - Stress und seine Gefahren für die Gesundheit werden seit Jahren öffentlich diskutiert. Doch warum ist das eigentlich so?

Ein Forscherteam um Mark Petticrew, Professor für Gesundheitswissenschaften an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, hat die Forschung zum Thema Stress und das erhöhte Risiko für Herzinfarkte und Krebs untersucht - und Erstaunliches zu Tage gebracht, wie der amerikanische Radiosender National Public Radio (NPR) berichtet.

Die Expertengruppe wühlte sich jahrelang durch Millionen von Dokumenten der Tabakindustrie. Dabei fand sie heraus, dass die Stress-Forschung zu dieser Zeit massiv von der Tabak-Industrie gesponsert und beeinflusst wurde.

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Stress ist Schuld, nicht das Rauchen

Die Interessen der Zigaretten-Konzerne sind klar: Sie wollten einen Hebel schaffen, um den Menschen wissenschaftlich fundiert vermitteln zu können, dass Stress - und nicht etwa das Rauchen - Schuld an Herzkrankheiten und Krebs sei.

Aber der Reihe nach: In den Dreißigerjahren wurde der Arzt Hans Selye, ein gebürtiger Österreicher, als "Vater des Stress" bekannt. Nach seinem Studium der Medizin wanderte er in die USA aus und lehrte seit 1933 Biochemie an der McGill Universität. Dort experimentierte er mit Ratten, indem er sie allen möglichen Torturen aussetzte - von extremer Kälte bis zu giftigen Substanzen, die er ihnen spritzte. Wenn er die Ratten danach aufschnitt und ihre Organe untersuchte, fand er immer dieselben Auswirkungen: zum einen war ihr Magen voller Geschwüre und zum anderen war die Nebennierenrinde vergrößert. Von ihr weiß man heute, dass sie das Stress-Hormon Adrenalin ausschüttet.

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Tabakindustrie förderte die Forschung

Selye entwickelte so die Idee, dass Stress Gewebeveränderungen und Hormonausschüttungen verursacht, die wiederum zu Krankheit und Tod führen können. Durch eigene Forschungsarbeiten sowie die Auswertung fremder Forschungen konnte er schließlich bei vielen Krankheiten Stress-Komponenten ausmachen, von Herzproblemen über Entzündungen und Allergien bis zu Erkältungskrankheiten. Die These von Stress und seinen gesundheitsschädlichen Auswirkungen war geboren.

Mark Petticrew und sein Team fanden nun heraus, dass gerade diese einflussreichen Forschungen massiv durch einen bestimmten Interessenverband gefördert wurde: die Tabakindustrie. Im Fall von Selye hätten die Konzerne den Inhalt und auch den Wortlaut seiner wissenschaftlichen Abhandlungen geprüft und überarbeitet.

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