Ernährung Die Zuckertricks der Lebensmittelindustrie

Wer sich gesund ernähren will, hat kaum eine Chance dazu. Der US-Forscher Stanton Glantz plant eine Revolte gegen die Industrie. Wie böse sind unsere Lebensmittel?

Die größten Kalorienbomben
ColaDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor den Folgen übermäßigen Zuckerkonsums und empfiehlt etwa für einen gesunden Erwachsenen, die tägliche Zufuhr auf rund 25 Gramm zu beschränken. In einer 330 Milliliter Flasche Cola stecken immerhin neun Teelöffel Zucker, was in etwa 36 Gramm entspricht - das Limit wäre mit einer kleinen Flasche Coca-Cola also schon gesprengt. Ein Blick auf weitere Kalorienbomben: Quelle: REUTERS
Ketchupflaschen Quelle: dpa
Wurst Quelle: dpa
Gummibärchen Quelle: dpa/dpaweb
Gläser mit Saft Quelle: obs
Milch in einem Glas Quelle: dpa
Ein gefangener Fisch Quelle: dapd
Pflanzencreme mit Butteraroma Quelle: dpa/dpaweb
Marzipanschweinchen Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Parmesan Quelle: dpa
Studentenfutter Quelle: Fotolia
Sonnenblumenkerne Quelle: Fotolia
Markenbutter Quelle: dpa/dpaweb
Nuss-Nougat-Creme Quelle: Fotolia
Krümelmonster Quelle: dpa
Chips Quelle: Fotolia
Schokolade Quelle: dapd

Professor Glantz, Sie und Ihre Kollegen haben Hunderte von Dokumenten ausgewertet, die beweisen, dass die Zuckerindustrie Ende der Sechzigerjahre Forscher bestochen hat. Warum sollte uns das heute kümmern?
Stanton Glantz: Weil es auch heute noch immense Auswirkungen darauf hat, wie wir die gesundheitlichen Gefahren bewerten, die von zu hohem Zuckerkonsum ausgehen. Eine massive Irreführung, wie sie die bestochenen Forscher betrieben haben, wirkt lange nach – gerade in der Wissenschaft. Ich bin überzeugt, dass Zigtausende von Menschen heute noch leben könnten und wir weltweit viel weniger Probleme mit Herzerkrankungen hätten, wenn dieser Coup missglückt wäre.

Was genau haben die Forscher falsch dargestellt?
Sie haben die negativen Auswirkungen, die Zucker auf Herz und Kreislauf hat, systematisch heruntergespielt und die ungesunde Rolle des Fetts dramatisch aufgebauscht. Seit den Fünfzigerjahren gab es Studien, die einen Zusammenhang zwischen Zucker und Herzinfarkt zeigten. Das beunruhigte die Zuckerindustrie zutiefst. So kaufte sich die US-Stiftung für Zuckerforschung, aus der später der Verband der Zuckerindustrie hervorging, Wissenschaftler – und ließ sie Studien veröffentlichen, die von der Zuckergefahr ablenkten und das Fett zum Buhmann machten. Sie wurden in hochrangigsten Wissenschaftsjournalen abgedruckt.

Wieviel Zucker steckt in...

Wäre das heute so noch möglich?
Schwer zu sagen. Inzwischen gibt es es zwar Regeln, die damals noch nicht existierten. So müssen Forscher heute jeden Interessenkonflikt offenlegen, wenn sie eine Arbeit bei einem Fachblatt einreichen. Also etwa, dass die Zuckerindustrie die Studie bezahlt hat. Aber ich war lange genug selbst Gutachter, um zu wissen, dass das nur funktioniert, wenn alle Forscher auch ehrlich sind. Das sind sie leider nicht. Und ganz abgesehen davon, was damals vorgeschrieben war: Korrekt war das zu keiner Zeit. Auch damals war so ein Verhalten hochgradig unverantwortlich.

Hinter welchen Bezeichnungen sich Zucker versteckt

Waren es schlecht bezahlte Wald-und-Wiesenforscher, die sich da haben kaufen lassen?
Nein, das hat uns selbst am meisten schockiert: Es waren Topforscher wie zum Beispiel Mark Hegsted, der spätere Chef der Abteilung Ernährung des US-Landwirtschaftsministeriums. In dieser Funktion hat er jahrzehntelang Ernährungsrichtlinien mitgestaltet, von denen die meisten auch aktuell noch in Kraft sind. Auch Präsident Richard Nixons Kampf gegen Karies wurde systematisch unterminiert: Aus den schon verabschiedungsreifen Richtlinien zur Zahngesundheit verschwand der Zucker als ein wesentlicher Verursacher von Löchern in Zähnen plötzlich wieder. Aber nur so macht das ja auch Sinn für Konzerne: Sie mussten die Meinungsführer gewinnen, auf die alle hörten.

Die größten Ernährungsmythen
Verlängern Chili-Schoten das Leben? Quelle: REUTERS
Schokolade Quelle: dpa
Je mehr Vitamine desto besser Quelle: dpa
Brot macht dick und ist ungesundGerade für die Verfechter kohlehydratarmer Nahrung steckt der Teufel im Brot: Es mache dick und trage sogar Mitschuld an Diabetes. Das ist so allerdings nicht richtig: Gerade Vollkornbrot (echtes Vollkornbrot, kein mit Malz eingefärbtes Weißbrot) hat sehr viel Ballaststoffe. Die sind gesund und machen satt. Außerdem liefert es verschiedene Vitamine sowie Iod, Flur, Magnesium und Zink. Quelle: dpa
"Light", "Leicht" oder "Fettarm" - das ist gut für die schlanke LinieDie Lebensmittelindustrie hat den Trend zu bewusster Ernährung entdeckt und nutzt ihn mit Fitness- und Wellness-Begriffen gezielt aus. Doch die Verbraucherorganisation Foodwatch warnt: Oft werden so Lebensmittel beworben, die alles andere als kalorienarm sind. Der Verein hat das Nährwertprofil von sogenannten Fitness-Müslis, Wellness-Wasser oder Joghurt-Drinks überprüft und kam zu dem Ergebnis, dass die scheinbar "gesunden" Lebensmittel Softdrinks oder Fast-Food-Snacks beim Zucker-, Salz- oder Fettgehalt oftmals in nichts nachstehen. Bei fettarmen Produkten wird der Geschmacksmangel häufig durch zahlreiche andere Inhaltsstoffe, etwa Stärke und Zucker, ausgeglichen - der Kaloriengehalt unterscheidet sich kaum, ist manchmal durch den hohen Zuckergehalt sogar höher - und gesund ist das Light-Produkt noch lange nicht. Quelle: dpa
Kartoffeln machen dick Quelle: dpa
Öko-Lebensmittel sind gesünder Quelle: dpa
Gemäßigter Alkoholgenuss ist gut Quelle: dpa/dpaweb
Kochen zerstört Nährstoffe Quelle: dpa
Margarine ist besser als Butter Quelle: dpa/dpaweb
Frisches Gemüse ist besser als Tiefgekühltes Quelle: AP
Der Mensch braucht kein Fleisch Quelle: dpa
Spinat und Pilze darf man nicht aufwärmen Quelle: Fotolia
Fett ist ungesund Fett ist nicht gleich Fett. Deshalb ist diese Verallgemeinerung falsch. Olivenöl beispielsweise kann bei regelmäßigem Genuss die Konzentration an LDL-Cholesterin im Blut senken. Außerdem liefert lebensnotwendige Fettsäuren und sorgt dafür, dass bestimmte fettlösliche Vitamine aus der Nahrung überhaupt erst aufgenommen werden können. Sämtliche Langzeitstudien zeigen zudem, dass Menschen, die viel Milch und Milchprodukte konsumieren, überwiegend eine niedrige Herz-Kreislaufsterblichkeit aufweisen – niedriger als diejenigen, die weniger davon essen. Quelle: dpa

Das muss die Industrie ein Vermögen gekostet haben.
Absolut nicht. Für den wegweisenden Überblicksartikel, der 1967 erschien, ließen sich drei Forscher für relativ kleines Geld ködern: Auf heutige Verhältnisse umgerechnet 50 000 Dollar. Für die Industrie war das eine lohnende Investition – mit Langzeiteffekt. Erst 2015 hat die Weltgesundheitsorganisation endlich die Mengen für die als gesund erachtete Zuckeraufnahme gesenkt, was zu einem Aufschrei der Industrie führte.

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