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Esa-Chef Jan Wörner "In Trumps Amtszeit wird niemand zum Mars fliegen"

Johann-Dietrich

Jan Wörner, Chef der Europäischen Weltraumorganisation Esa, erklärt, warum er die Mars-Träume des US-Präsidenten für unrealistisch hält, wie ein Dorf auf dem Mond entstehen soll und warum Astronauten bald schon wieder dorthin aufbrechen.

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Herr Wörner, Sie möchten ein Dorf auf dem Mond errichten. Wie soll das funktionieren?
Jan Wörner: Bevor es Missverständnisse gibt: Es geht nicht darum, auf dem Mond Einfamilienhäuser zu bauen, ein Gemeinschaftshaus und eine Bar. Sondern eine Mondstation, in der verschiedene internationale Akteure kooperieren, seien sie privat oder öffentlich. Jeder bringt seine Kompetenzen ein, ob das Roboter sind, Telekommunikation, Navigation oder Astronauten. Die Laufzeit der Internationalen Raumstation ISS ist begrenzt, darum geht es jetzt darum, ein längerfristiges gemeinsames Konzept aufzustellen.

Zur Person

Was macht den Mond als Standort für eine Raumstation so interessant?
Der Mond ist noch relativ wenig untersucht im Vergleich etwa zum Mars. Auf seiner Rückseite können Sie Teleskope errichten und ungestört von irdischer Strahlung ins Weltall spähen. Es gibt schon Firmen, die Frachtflüge zum Mond anbieten möchten, damit etwa Universitäten dort Wissenschaft betreiben können. Auch Mondtourismus kann ich mir vorstellen. Und es gibt Unternehmen, die Ressourcen auf dem Mond abbauen möchten.

Wann könnte es denn losgehen?
Als ich die Idee vor eineinhalb Jahren vorgestellt habe, dachte ich noch, dass ihre Umsetzung erst 2024, nach dem Ende der ISS, losgeht. Mittlerweile stelle ich fest, dass die Begeisterung für die Idee sich viel schneller entwickelt. Es gibt eine amerikanische Firma, die nächstes Jahr zum Mond fliegen will. Auch die Chinesen haben einen langfristigen Plan zur Erkundung des Mondes entwickelt und sind auf uns zugekommen, weil sie mit uns kooperieren möchten.

Noch gibt es keine finanziellen Mittel für das Projekt. Fehlt es der Politik in Europa an Visionen?
Das Ziel ist nicht, dass die Esa allein eine Siedlung auf dem Mond errichtet. Das Monddorf ist ein Konzept, das durch verschiedene Akteure gemeinsam realisiert werden kann - private Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Raumfahrtagenturen. Wir bei der Esa haben schon zwei Projekte für den Mond: Zusammen mit der russischen Raumfahrtorganisation planen wir eine Mission namens Lunar-Resource. Und mit der Nasa sind wir im Gespräch, Astronauten zum Mond zu fliegen.

US-Präsident Donald Trump will weiter hinaus: Gerade hat er im Gespräch mit Astronauten von einer Reise zum Mars gesprochen, die er am liebsten in seiner Amtszeit realisiert sähe. Wäre die Esa bei so einem Projekt dabei?
Zum Mars zu fliegen, ist allein schon deshalb schwierig in seiner Amtszeit, weil Amtszeiten relativ kurz sind und ein Flug dorthin und zurück zwei Jahre dauert. Außerdem brauchen Sie noch einigen Vorlauf. Trump hat auch gesagt, die Mission ließe sich vielleicht während seiner zweiten Amtszeit durchführen. Ich will niemandem, der Optimist ist und sagt, das klappt in den nächsten fünf Jahren, den Mut nehmen. Aber realistisch gesehen wird es wesentlich länger dauern, bis die ersten Astronauten zum Mars fliegen.

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Warum das?
Viele sagen, wir sind 1969 zum Mond geflogen, da werden wir ja wohl 2017 zum Mars fliegen können. Aber zum Mond zu fliegen, hin und zurück, dauert eine Woche, das kann man in den Sommerferien machen. Wenn nach zwei Tagen eine Panne passiert, ruft man in Houston an und fliegt einmal um den Mond und, angezogen von ihrer Schwerkraft, zurück zu Erde. Wenn man dagegen auf dem Weg zum Mars ist und es passiert nach zwei Tagen etwas, dann muss man zwei Jahre aushalten. Mit Menschen zum Mars zu fliegen ist eine sehr große Herausforderung, die weitestgehend unterschätzt wird.

"Der Mensch wird zum Mars fliegen, davon bin ich überzeugt"

Die Astronauten wären jahrelang in einer Blechdose eingesperrt.
Können Sie mit Sicherheit sagen, dass Sie in den nächsten zwei Jahren keinen Klinikaufenthalt nötig haben? Eine Blinddarmoperation bekommen Astronauten vielleicht noch hin unterwegs, wenn sie alle Kräfte zusammenziehen. Aber was, wenn es wirklich etwas Ernsthaftes ist? Auch die Strahlungsbelastung auf einem Flug zum Mars und zurück ist enorm. Und dann die Psychologie: Wie Sie von der Erde aus den Mars im klaren Abendhimmel sehen, einen kleinen winzigen roten Punkt, so ähnlich sehen Sie die Erde, wenn sie Richtung Mars fliegen. Das hat eine ganze andere Wirkung als der Blick vom Mond.

Also alles nur ein schöner Traum?
Der Mensch wird zum Mars fliegen, davon bin ich überzeugt. Immer schon ist der Mensch ein Ziel, das er glaubte, erreichen zu können, auch angegangen. Aber ich hoffe, dass es nicht wieder einen Wettlauf der Systeme gibt, sondern dass wir das gemeinsam tun. Und dass es ein sicherer Flug wird bei dem diejenigen, die man dort hinschickt, auch wieder zurückkommen und nicht nationalen Eitelkeiten geopfert werden.

Sie sind gegen politischen Druck auf die Raumfahrt?
Ich möchte keine Hoffnungen verbreiten, die sich nicht erfüllen lassen. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren gab es einen Wettlauf ins All. Die Nasa hatte, als Apollo 11 losflog, bereits Apollo 12 weitgehend startbereit für den Fall, dass etwas passiert. Wir sind heute in einer ganz anderen Situation. Denken Sie an die Space-Shuttle-Katastrophen Challenger und Columbia - danach gab es eine sehr lange Zeit keinen Flug mehr, bis man sicher war, dass man das Problem erkannt hatte. Auch heute suchen wir, wenn bei uns eine normale Rakete irgendein Problem beim Start hat, monatelang die Ursache, bis wir einen neuen Flug riskieren. Sogar, wenn nur tote Materie und keine Astronauten an Bord sind.

Per Ballon in den Weltraum

Werden die Amerikaner Europa zu einer Reise zum Mars einladen?
Die Amerikaner sind sehr kooperationsbereit. Sie sprechen auch nicht mehr von der Reise zum Mars, sondern von einem Deep Space Gateway, mehreren Schritten also, zum Mond und dann weiter. Europa hat eine große Chance, Teil davon zu sein, weil  wir das Servicemodul für das amerikanische Orion-Raumschiff bauen. Das Servicemodul war bei der Apollo-13-Mission genau das, was kaputt gegangen ist. Wenn die Nasa sich hier auf europäische Technologie verlässt, ist das ein großer Vertrauensbeweis. Wir sind sehr gut positioniert als Europäer. Und die Amerikaner sind weiterhin für uns der wichtigste Partner weltweit.

Wann sollen Astronauten zum Mond fliegen?
Das wird momentan diskutiert. Der erste Flug soll nicht zur Oberfläche gehen, sondern den Mond umrunden. Nach einem Unwetterschaden an einer Nasa-Einrichtung, ist ein unbemannter Flug nun nicht vor 2018 geplant, ein bemannter Flug um den Mond nicht vor 2021.

Tut die Bundesregierung genug für die Raumfahrt? Die Vorzeigemission ExoMars ist Deutschland dieses Jahr bescheidene 29 Millionen Euro wert.
Deutschland ist für die Esa ein ganz wichtiger Beitragszahler. Natürlich werde ich als Generaldirektor niemals sagen, wir können nicht mehr Geld gebrauchen, sonst wäre ich im falschen Job. Wir können noch mehr machen. Aber die Beteiligung von Deutschland in unseren Programmen ist sehr hoch und sehr wichtig.

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