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Ethische Algorithmen Haben Maschinen eine Moral?

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Anderes Land, andere Werte

Deutsche Autokonzerne hingegen wissen wohl um die Bedeutung ethischer Bedenken. Es ist kein Zufall, dass Deutschland als einziges Land eine Ethikkommission eingesetzt hat. In der philosophischen Tradition des Landes spielen idealistische, gewissen- und pflichtgeleitete Motive des Sollens eine größere Rolle als etwa im angelsächsischen Raum, in dem eine Konsequenzmoral populär ist, die sich am Ergebnis orientiert, am Nutzen einer Handlung für die größte Zahl. Auch Ethikkommissionsmitglied Hilgendorf ist strikt dagegen, Leben gegeneinander aufzurechnen. „Ein Individuum darf nicht verpflichtet werden, für andere sein Leben zu opfern“, sagt er. Selbst wenn es also den Tod von Kindern auf der Straße verhindern könnte, dürfte ein selbstfahrendes Auto dazu nicht auf den Bürgersteig ausweichen und dort einen Passanten töten.

Diese Jobs mischen Roboter auf
IndustrieSchon heute werden viele Arbeitsschritte von Maschinen übernommen - doch die vernetzte Produktion setzt auch in den Werkshallen eine weitere Automatisierungswelle in Gang. Das muss unterm Strich aber nicht zwangsläufig zu Jobverlusten führen, heißt es aus der Wirtschaft: Bereits Ende 2016 lag Deutschland bei der „Roboter-Dichte“ weltweit auf Platz drei hinter Südkorea und Japan - und trotzdem sei die Beschäftigung auf einem Rekordstand, erklärt der Maschinenbau-Verband VDMA. Auch der Präsident des Elektronik-Branchenverbandes ZVEI, Michael Ziesemer, sagt: „Es können auch mehr Jobs entstehen als wegfallen.“ Die Digitalisierung werde eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle und damit neue Stellen hervorbringen. „Wer kreativ ist, rangeht und sich Dinge überlegt, hat jede Menge Chancen.“ Quelle: dpa
Das vernetzte und automatisierte Fahren dürfte künftig viele Jobs überflüssig machen Quelle: dpa
BüroSchreibarbeiten, Auftragsabwicklung und Abrechnungen - Büro- und kaufmännische Fachkräfte erledigen nach Experteneinschätzungen Arbeiten, die heute schon zu einem hohen Grad automatisierbar sind. Dadurch könnten auch viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind in solchen Berufen tätig. Quelle: dpa
Der Handel wurde als eine der ersten Branchen von der Digitalisierung erfasst - entsprechend laufen im Online-Handel viele Prozesse automatisiert ab Quelle: dpa
Sie melken die Kühe, füttern, misten aus und helfen beim Ernten - Roboter haben längst auch auf den Bauernhöfen Einzug gehalten Quelle: dpa
Roboter in der Pflege - was in Japan bereits zum Alltag gehört, bereitet vielen Menschen in Deutschland noch eher Unbehagen Quelle: dpa
Auch im Haushalt tun Roboter schon ihren Dienst Quelle: dpa

Nicht nur im Straßenverkehr werden Maschinen immer autonomer handeln – und auch in Situationen geraten, in denen sie über Leben und Tod entscheiden müssen: Ein Roboterarm im Volkswagen-Werk in Baunatal erschlug vor zwei Jahren schon einen Montagearbeiter. Die Maschine verstand es nicht, den Menschen zu schützen. In einem amerikanischen Einkaufszentrum verletzte vor einem Jahr ein patrouillierender Sicherheitsroboter ein Kleinkind. Drohnen, die per Kamera Hindernisse und Menschen erkennen, müssen bald bei einer Panne selbst entscheiden, wo sie notlanden, ohne jemanden zu verletzen.

Deshalb ringt die deutsche Gesellschaft um die Moral der selbstfahrenden Autos. Sie ahnt, dass dies nur der Anfang ist. Und dass es jetzt gilt, die Regeln zu definieren.

In anderen Ländern, wie gesagt, wird gern anders gedacht. Vor allem der anglo-amerikanische Raum ist geprägt vom Utilitarismus, vom berechnenden Zweck- und Ergebnisdenken. Deshalb meinen die Konzerne aus dem Silicon Valley, sich bei ihren Experimenten tödliche Pannen leisten zu können.

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    Künstliche Intelligenz in Aktion

    Dahinter stecken natürlich wirtschaftliche Motive: Das Milliardengeschäft mit all den schlauen Maschinen, so das Kalkül, gewinnt der Schnellste. Oder derjenige, der die bequemsten Dienste zu bieten hat. Und wird er am Ende auch über die Moral dieser Maschinen entscheiden?

    Bequeme Dienste statt ethischer Debatten

    „Apple und Google“, sagt der Jurist Lüdemann, „wollen keine Autos bauen“, sondern das Betriebssystem fürs multimedial vernetzte, mobile Ich der Zukunft. Sie wollen sich mit ihrer Software zwischen Produzent und Kunde schalten – und als Anbieter eines attraktiven Mobilitätskonzeptes den größten Teil bei der Wertschöpfung einstreichen. Carsharing, sagt Lüdemann, sei bislang so unpraktisch, weil kein allwissender Algorithmus das komplexe System steuere. Aber was, wenn man nicht mehr lange durch den Regen laufen muss, weil der nächste verfügbare Wagen einfach vorfährt? Wenn er die Kinder zum Sport bringt, ohne dass die Eltern Taxifahrer spielen müssten?

    „All das wäre für den Einzelnen so reizvoll, dass er sich über ethische Fragen vermutlich keine Gedanken mehr macht“, prophezeit Lüdemann: „Wenn das erste iCar mit all diesen Apps im Schaufenster steht, werden es die Leute haben wollen.“

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