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Fitness-Studie Kinder sitzen mehr als je zuvor

Der Sportunterricht an Schulen wird aus Kostengründen gestrichen, Freizeit wird an PC und Fernseher verbracht: Eine Studie hat die Fitness von Kindern in aller Welt über mehr als 30 Jahre beobachtet und zeigt: Die Fitness geht kontinuierlich in den Keller.

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In vielen deutschen Kinderzimmern gehört inzwischen moderne Unterhaltungselektronik zur Standardausstattung - das wirkt sich negativ auf die Fitness aus. Quelle: dpa

Die Jugend von heute kann mit den Zeiten, die ihre Eltern in ihrer Jugend liefen, nicht mithalten. Das ist das Ergebnis einer internationalen Vergleichsstudie, in der in Zehnjahresschritten seit 1975 Laufzeiten von 9- bis 17-Jährigen verglichen wurden. Im Durchschnitt brauchen Kinder heute 90 Sekunden länger, um eine Meile (1,6 Kilometer) zu laufen, als ihre Altersgenossen vor 30 Jahren. Die Fitness im Zusammenhang mit dem Herz-Kreislaufsystem habe jede Dekade seit 1975 durchschnittlich um fünf Prozent abgenommen.

Die Studie, bei der Daten von 25 Millionen Kindern aus 28 Ländern aus den Jahren 1964 bis 2010 ausgewertet wurden, wurde am Dienstag auf einer Konferenz der Amerikanischen Herzvereinigung in Dallas vorgestellt. Es sei die erste Studie, die eine weltweiten Rückgang der Fitness junger Menschen in der vergangenen 30 Jahren festhalte, hieß es.

"Es ergibt Sinn", sagte der Kinderarzt Stephen Daniels, der auch Sprecher der American Heart Association ist. "Wir haben Kinder, die weniger aktiv sind als zuvor." Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) legen den Schluss nahe, dass 80 Prozent der Kinder weltweit sich täglich nicht genug bewege. Gesundheitsexperten empfehlen für Kinder ab sechs Jahren ein Stunde mäßig gesteigerter Aktivität über den Tag verteilt. Nur ein Drittel der amerikanischen Kinder macht das.

Die größten Sportmythen
Sport fördert die KonzentrationDas stimmt. Studien zeigen, dass Sport die Konzentration fördert und hilft, besser zu lernen. Das gilt aber nicht nur für das Lernen direkt nach dem Sport: Wer körperlich fit ist, arbeitet grundsätzlich auch effektiver, als ein Couch-Potatoe, wie Forscher des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) herausgefunden haben. Das Team um die IfADo-Psychologen Klaus-Helmut Schmidt und Wladislaw Rivkin hat Daten von mehr als 800 Probanden analysiert, die sich freiwillig zu einem medizinischen Check-up angemeldet hatten. Alle Teilnehmer arbeiten im Finanzsektor. Das Ergebnis: Wer regelmäßig Sport macht, kann besser mit Stress auf der Arbeit umgehen. "Wer fit ist, kann psychischen Belastungen und Erkrankungen durch zu viel Stress während der Arbeit vorbeugen", bestätigt Rivkin. "Gerade in Berufen, die täglich ein hohes Maß an Selbstkontrolle erfordern, könnten Sportangebote präventiv eingesetzt werden, um Überbelastung zu vermeiden", rät er. Quelle: dpa
Vom Joggen bekommt man einen HängebusenZwar hüpft die weibliche Brust pro Kilometer rund 84-mal auf und ab, aber ein Sport-BH kann die Wucht dieser Bewegungen um 74 Prozent reduzieren. Sportmediziner halten es für unwahrscheinlich, dass durch Sport das Bindegewebe in der Brust leidet. Eher im Gegenteil: durch Kraftsport wird der Brustmuskel stärker, das stabilisiert den Busen. Jedoch verbrennt Ausdauersport auch viel Fett. Das kann in der Brust dazu führen, dass die Haut schlaffer wird. Profiläuferinnen haben oft fast keinen Busen mehr. Quelle: Focus.de Quelle: Fotolia
Nach dem Sport verbrennt man weiter FettJa - der Nachbrenneffekt nach dem Sport ist messbar. Je nach Belastung kann er auch einen Tag lang anhalten, zum Beispiel nach einem Marathon. Der Körper zieht die Energie dann vor allem aus dem Fettspeicher. Wie lange die Fettverbrennung läuft, hängt davon ab, wie intensiv und lange man trainiert hat. Wenn man etwa eine Stunde im Fitnessstudio trainiert hat, ist der Stoffwechsel nur kurz erhöht. Quelle: dpa
Seitenstechen kommt durch falsches AtmenDas Gerücht hält sich: Seitenstechen kommt vom Reden beim Sport. Denn dann soll die Atmung nicht richtig funktionieren. Das stimmt aber nicht: Für das Seitenstechen kann es viele Ursachen geben. Zum Beispiel wenn man zu schnell atmet. Ein bislang noch nicht belegter Erklärungsansatz für das Seitenstechen ist: Durch die Unterversorgung mit Sauerstoff verkrampft sich das Zwerchfell und sticht. Gefährlich sind die Seitenstiche nicht. Langsamer laufen und gleichmäßigeres Atmen können helfen. Außerdem kann man die Faust ballen und auf die schmerzende Stelle drücken. Quelle: dpa
Erst nach 30 Minuten Sport verbrennt man FettNein, man verbrennt vom ersten Schritt an Fett. In den ersten Minuten verbrennt man allerdings weniger, weil der Körper sich warm macht. Die optimale Verbrennung beginnt dann wirklich erst nach 20 bis 30 Minuten.
Vor dem Sport muss man sich dehnen80 Prozent aller Freizeitjogger dehnen sich regelmäßig. Das verhindert aber keine Verletzungen. Laufen verkürzt die Muskulatur, daher empfehlen Sportmediziner sich nach dem Sport zu dehnen. Bei Sportarten, bei denen man schnell viel Kraft braucht, gilt das nicht, denn das Dehnen senkt den Muskeltonus. Quelle: dpa
Morgensport ist ungesundNicht jeder kann sich morgens aufraffen und ohne Frühstück schon Sport machen. Manche Menschen bekommen dabei Probleme mit ihrem Blutzuckerspiegel. Der Körper verbrennt aber mehr Fett, weil ihm nicht so viele Kohlenhydrate zur Verfügung stehen. Quelle: dpa

Sport an Schulen gestrichen

"Viele Schulen haben aus wirtschaftlichen Gründen überhaupt keine körperliche Erziehung mehr", sagte Daniels. Der Leiter von Michelle Obamas Programm "Let's Move“, Sam Kass, sagte bei der Konferenz: "Wir haben derzeit die am meisten sitzende Kindergeneration in unserer Geschichte.“

Die Studie wurde unter Leitung eines Physiologen der Universität von Südaustralien, Grant Tomkinson, erstellt. Forscher analysierten 50 Studien über Lauf-Fitness - ein wichtiger Indikator für Ausdauer und der Gesundheit von Herz und Kreislauf. Darin wurde erfasst, wie weit Kinder in fünf bis 15 Minuten laufen können und wie schnell sie eine bestimmte Distanz zurücklegen können - von einer halben Meile (800 Meter) bis zwei Meilen (3,2 Kilometer). Die Kinder von heute sind 15 Prozent weniger fit als ihre Eltern, hieß es. Wenn ein junger Mensch generell nicht fit sei, dann steige die Wahrscheinlichkeit für Herzkreislauferkrankungen im späteren Leben, sagte der Gesundheitswissenschaftler.

Fitness deutscher Kinder sinkt alle zehn Jahre um sechs Prozent

Sitzen im digitalen Zeitalter
The DrawArbeiten mit Tablets Quelle: Presse
The Multi-DeviceMultitasking Quelle: Presse
The TextKurznachrichten schreiben Quelle: Presse
The CocoonSich zurückziehen Quelle: Presse
The SwipeTouchscreens bedienen Quelle: Presse
The Smart LeanPrivatsphäre suchen Quelle: Presse
The TranceKonzentration am Bildschirm Quelle: Presse

Zu den untersuchten Ländern gehörten Staaten aus allen Kontinenten. Auch Angaben aus Deutschland flossen mit ein: Laut Tomkinson handelt es sich hier um Ergebnisse aus Lauftests mit fast 2000 Kindern zwischen neun und zehn Jahren, die allerdings bereits in den Jahren 1985 bis 1999 gemacht wurden. Die Ausdauer der Kinder in Deutschland sei in diesem Zeitraum um sechs Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen, das entspreche dem Fitness-Rückgang von Kindern in Australien und Neuseeland.

Zum Vergleich: In den USA und Kanada ging die Ausdauer im selben Zeitraum um acht Prozent pro zehn Jahren zurück. In der Zeit zwischen 1970 und 2000 sank die Herzkreislauf-Fitness bei US-Kindern um sechs Prozent pro Jahrzehnt.

Der Trend sei bei Jungen wie Mädchen sehr ähnlich, sagte Tomkinson. Es gebe aber Unterschiede nach geografischen Regionen. In Europa, Australien und Neuseeland scheine der Fitness-Rückgang zum Stillstand zu kommen, in den vergangenen Jahren vielleicht auch in Nordamerika.

Forschung



In China gehe die Fitness dagegen weiter zurück, in Japan habe sie dagegen entgegen dem globalen Trend überhaupt nicht viel abgenommen. In China hänge der Rückgang mit der strengen Leistungsselektion in der Schule zusammen - die Kinder müssten einfach viel lernen. Und danach sitzen sie vor dem Fernseher oder dem Computer, um im Internet zu surfen oder Videospiele zu spielen.
Tomkinson und Daniels wiesen auch auf Übergewicht hin - wer schwer sei, habe Probleme mit dem Laufen oder gymnastischen Übungen. In 30 bis 60 Prozent der Fälle könne der Trend mit einer Zunahme des Körperfetts erklärt werden. Dazu komme auch noch das Problem unsicherer Wohnviertel - es gebe nicht mehr so viele Möglichkeiten, in Sicherheit draußen zu spielen.

Die Eltern haben sich ihre Fitness aus Jugendtagen auch nicht gerade bewahrt, zeigten andere Studien. Fitness sei „ziemlich schlecht bei Erwachsenen und noch schlechter bei jungen Leuten“, sagte Ulf Ekelund von der Norwegischen Schule für Sportwissenschaft in Oslo. Besonders schlecht sei die Fitness in den USA und Osteuropa.

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