Fleisch aus dem Labor: Kultiviertes Fleisch: In Europa erfunden, in den USA zugelassen
Jetzt in den USA zugelassen: Kultiviertes Hühnchenfleisch vom US-Start-up Good Meat.
Foto: dpaAls Student sei er einmal in einem Schlachthof gewesen, erzählt Uma Valeti, Gründer des kalifornischen Start-ups Upside Foods, in seinem jüngsten Blogeintrag. Da habe er sich geschworen, nie wieder einen Fuß in so einen Betrieb zu setzen. „Ich verließ diesen Tag mit der festen Überzeugung, dass es einfach einen besseren Weg geben müsse, um Menschen zu ernähren.“
25 Jahre später ist Valeti seinem Ziel einen großen Schritt näher gekommen: Neben dem Konkurrenten Good Meat aus Kalifornien hat sein Start-up nun die erste Zulassung der US-Behörden erhalten, kultiviertes Fleisch in den USA zu vermarkten. Im Fall von Upside Foods geht es um Hühnchenfleisch, das nicht vom Schlachter stammt, sondern mit tierischen Zellen im Labor gezüchtet wird. „Das Huhn ist gelandet“, jubeln die Gründer auf ihrer Webseite in Anspielung auf die erste Mondlandung („The Eagle has landed“).
Der Vergleich mit dem Apollo-Programm ist etwas kühn, könnte man einwenden. Doch die Pioniere des kultivierten Fleischs wollen tatsächlich für die Erde mindestens genauso viel Fortschritt erreichen wie das Mondprogramm der 1960er-Jahre. Wie Apollo den Weltraum für den Menschen erschloss, soll Biotech nun eine Nahrungsquelle erschließen, für die kein Tier mehr sterben muss.
Mehr noch: „Bahnbrechende Innovationen wie kultiviertes Fleisch ermöglichen es der Welt, die Proteinproduktion zu diversifizieren und gleichzeitig die Emissionen zu senken, die Ernährungssicherheit zu erhöhen, die Risiken für die öffentliche Gesundheit zu verringern und Land für die Renaturierung freizumachen“, sagt Bruce Friedrich, Präsident des Good Food Institute (GFI), einer NGO, die die Entwicklung neuartiger Lebensmittel unterstützt.“ Die Umstellung auf kultiviertes Fleisch und andere alternative Proteine sei genauso wichtig wie der Übergang zu Erneuerbaren Energien.
Die USA sind Europa um Jahre voraus
Ob die Versprechen sich einlösen, muss sich noch zeigen. Klar ist jedenfalls: Ähnlich wie bei der Raumfahrt schicken sich die USA auch bei der Zukunft der Ernährung an, das Rennen anzuführen. Außer in den USA ist bisher nur in Singapur kultiviertes Fleisch für die Ernährung zugelassen. In Europa dagegen hat nicht einmal ein Unternehmen die Zulassung beantragt. Und weil die Marktzulassung neuartiger Lebensmittel erfahrungsgemäß langwierig ist, steht jetzt schon fest: In der Kommerzialisierung von kultiviertem Fleisch sind die USA der EU um Jahre voraus.
Dabei sind hiesige Forscher Weltspitze, kultiviertes Fleisch ist maßgeblich in Europa entwickelt worden. Im Jahr 2013 machte der Forscher Mark Post von der Universität Maastricht weltweit Schlagzeilen, als er den ersten Burger aus dem Labor vorstellte. Mit seinem Start-up Mosa Meat arbeitet er seitdem daran, die Technik reif für den Massenmarkt zu machen. Weitere Start-ups wie Meatable aus den Niederlanden, Biotech Foods in Spanien und Gourmey in Frankreich entwickeln kultiviertes Fleisch, auch zahlreiche Forschungsinstitute und Hochschulen erforschen die Technik.
Auch Deutschland habe grundsätzlich alle Voraussetzungen, um im Bereich Zellkultivierung zu einem globalen Innovationsführer zu werden, heißt es beim Good Food Institute. „Doch trotz bester Voraussetzungen droht Deutschland den Anschluss bei dieser Zukunftstechnologie zu verlieren.“ In den vergangenen zwei Jahren wurden laut der NGO weltweit rund zwei Milliarden Euro in Start-ups für kultiviertes Fleisch investiert. Auf Deutschland entfielen davon nur rund zehn Millionen Euro, also etwa 0,5 Prozent der privaten Investitionen in diesem Bereich.
Dass Wagniskapital jenseits des Atlantiks üppiger in junge Unternehmen fließt, ist aus vielen anderen Technologiebereichen bekannt. Allein Upside Foods hat insgesamt 608 Millionen Dollar eingesammelt, unter anderem von Bill Gates, aber auch von Tyson Foods und Cargill, zwei der größten Fleischkonzerne weltweit.
Bürokratische Hürden
In Deutschland haben dagegen bisher wenige der mehr als 1400 Fleischverarbeiter eine Wette auf das Fleisch der Zukunft gewagt. Zu den Pionieren gehören die PHW Group, Rügenwalder Mühle und InFamilyFoods, das mit seinem Start-up The Cultivated B die Technologie für kultiviertes Fleisch entwickelt.
Auch der Pharmakonzern Merck arbeitet an der Technik. „Es ist beeindruckend zu sehen, wie aus einer Idee eine Industrie entsteht, sagt Thomas Herget, verantwortlich für das Innovationsfeld „Cultured Meat“ bei Merck. Die Freigabe durch die US-Regulierungsbehörden sei ein „außergewöhnlicher, historischer Moment“. Merck werde selbst kein kultiviertes Fleisch produzieren, entwickelt aber Zellkulturmedien, in denen Muskel- oder Fettzellen in Bioreaktoren heranwachsen.
Die Rahmenbedingungen für kultiviertes Fleisch in Europa seien noch in der Entwicklungsphase, heißt es bei Merck, es gebe noch keine endgültigen Regulierungsvorschriften. Im Vergleich zu den USA ist in der EU die Zulassung neuer Lebensmittel laut vielen Stimmen aus der Branche deutlich umständlicher. So ist laut Branchenbeobachtern die zuständige Behörde EFSA weniger offen für frühe Abstimmungsgespräche, wohingegen in den USA und in Singapur Start-ups früh mit den Behörden in Dialog treten und erfahren könnten, welche Schritte sie für ein zügiges Zulassungsverfahren gehen müssten.
„Wenn wir nicht aufpassen, werden europäische Unternehmen ihre Produkte nicht hier in Europa, sondern zunächst auf der anderen Seite des Atlantiks vermarkten“, sagt Ivo Rzegotta vom Good Food Institute. „Deutschland sollte die öffentlichen Investitionen in dem Bereich deutlich erhöhen und auf europäischer Ebene sicherstellen, dass die Zulassungsverfahren verlässlich, transparent und effizient sind“, fordert Rzegotta. Sonst riskiere Deutschland, wirtschaftliche Chancen zu verpassen.
Im Herbst hat die US-Regierung ein Zwei-Billionen-Dollar-Paket zur Förderung der Bioproduktion in den USA verkündet, das auch die Entwicklung von neuen Nahrungsmitteln voranbringen soll. Eine ähnliche Unterstützung wünscht sich die Branche in Europa. „Genau wie bei den Erneuerbaren Energien sind massive öffentliche Investitionen der Schlüssel dazu, dass diese neuen nachhaltigen Lebensmittel die Breite der Gesellschaft erreichen“, wirbt GFI-Präsident Friedrich.
Aktuell arbeiten laut Good Food Institute weltweit 156 Unternehmen in 26 Ländern ausschließlich an kultiviertem Fleisch oder Fisch. Zusätzlich haben rund 70 Unternehmen aus verwandten Bereichen eine Sparte für das Thema errichtet. Weltweit gibt es 18 Pilot- und Produktionsanlagen, in denen Lebensmittel aus Zellkultivierung gefertigt werden, neun weitere sind in Bau oder Planung.
Die Hochskalierung der Fertigung wird darüber entscheiden, ob die neuen Produkte preislich mit herkömmlichem Fleisch konkurrieren können. Upside Foods will sein Labor-Huhn erst einmal in „begrenzten Mengen bei ausgewählten Restaurantpartnern“ zur Verköstigung anbieten, unter anderem in einem Sternerestaurant in San Francisco.
„Im Supermarkt werden wir Cultured Meat in etwa zehn Jahren finden“, heißt es bei Merck. „Zunächst müssen die Herausforderungen, nämlich Cultured Meat in grossen Mengen kostengünstig herzustellen, gelöst werden.“ Dazu seien hohe Investitionen und noch viele Innovationen notwendig.
Mit dem starken Fertigungswissen, das in Deutschland entwickelt wurde, könnten hiesige Hersteller also in der Massenproduktion von kultiviertem Fleisch noch aufholen – sofern Europa diese Chance ergreift.
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