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Forschungszentrum Cern Ein Teilchen-Beschleuniger als Vorbild für die Politik

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...und Schmelztiegel

Pojer ist sofort bereit, sich über die Eintönigkeit seines Alltags zu beschweren, der vor allem daraus besteht, auf Bildschirme zu blicken und zu überprüfen, ob sich Kurven und Zahlen innerhalb der Bandbreiten entwickeln, in denen sie sich befinden sollen. Doch er räumt ein: „Gut bezahlt ist das natürlich schon hier.“

Während die Wissenschaftler aus den Experimenten später den Ruhm ernten mögen, die Vorzüge des Alltagslebens am Cern erleben nur die Angestellten. Denn das Cern selbst ist eine internationale Organisation unter dem Dach der Vereinten Nationen, und das bedeutet: Diplomatenstatus für das Führungspersonal, Steuerfreiheit für alle. Es ist ein verqueres Verhältnis: Die einen fühlen sich intellektuell überlegen, die anderen aber sind es wirtschaftlich.

Wer das Cern als Vorbild für andere wissenschaftliche Organisationen imaginiert, muss sich auch dessen besondere Stellung bewusst machen: Das Forschungszentrum ist zwar ein europäisch dominiertes Projekt, steht aber der gesamten Welt offen. Nur das rechtfertigt seine juristisch-fiskalische Sonderrolle, aber es beschränkt natürlich auch die Bedeutung, die es als Vorbild für einen technologischen Wettbewerb der Kontinente haben könnte. „Eine Grundregel lautet: Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, sagt Atlas-Forscher Jakobs.

Rein europäisch ist am Cern nur die Finanzierung. Bereits bei der Gründung hatten sich die zwölf damals beteiligten Länder auf einen Schlüssel geeinigt, der sich vor allem nach dem Pro-Kopf-Einkommen der Mitgliedsländer richtet. Dieser Verteilungsschlüssel ist bis heute unverändert geblieben; ein Mechanismus, der auch zwischen den inzwischen 22 finanzierenden Ländern jegliche Dispute über das jährliche Budget von rund einer Milliarde Euro verhindert hat.

An den Experimenten selbst, den Stellen im Cern also, an denen auch wirtschaftlich verwertbarer Fortschritt entsteht, wirken Universitäten aus allen möglichen Ländern mit. So sind unter den 13 000 Forschern, die derzeit in Genf tätig sind, rund 2000 US-Amerikaner. „Wer mitmachen will, der muss sich mit Personal, aber auch an Aufbau und Betrieb des Experiments beteiligen“, sagt Jakobs.

Für die herausragende Stellung des Cern gibt es außerdem noch eine Ursache, über die nicht so überschwänglich gesprochen wird. Auch die eloquente Chefin Gianotti nutzt die Frage lieber, um den Faden der allgemeinen Begeisterung über die schiere Existenz des Cern wieder aufzunehmen. Der Grund: Es gibt schlicht keine vergleichbare Institution in der Welt.

Die Politik sollte mit dem Vorbild Cern deshalb sehr vorsichtig umgehen. Die Art der Finanzierung wäre sicher ein unbedingt zu kopierendes Element, auch die interne Organisation mit ihrer Mischung aus Konkurrenz und Kollaboration jenseits aller Grenzen erzeugt Höchstleistungen. Dennoch ist die Atomphysik neben der Raumfahrt wohl der einzige Forschungsbereich, in dem wissenschaftlicher Fortschritt so sehr von einer zentralen und extrem teuren Infrastruktur abhängt. Um bei der künstlichen Intelligenz Fortschritte zu machen, benötigt man vielleicht besonders leistungsfähige Rechner und sehr gut bezahlte Forscher. Ein Gebirge kilometerweit untertunneln muss man aber garantiert nicht.

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