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Fragwürdige Diagnosen und Therapien Das dubiose Geschäft mit dem Vergessen

Wenig fürchten die Deutschen so sehr wie Alzheimer. Mediziner versprechen nun Abhilfe durch neuartige Verfahren zur Früherkennung und Therapie. Dahinter stecken oft höchst fragwürdige Angebote – im Schatten renommierter Unikliniken.

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Kaffeesatzleserei - Hirnuntersuchungen liefern keine Aussage über Alzheimer. Quelle: dpa/dpaweb

Auf dem Papier ist Christoph Bamberger über jeden Zweifel erhaben. Seit 2006 ist der Internist Geschäftsführer und Direktor des Medizinischen PräventionsCentrums Hamburg (MPCH) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Der selbst ernannte Anti-Aging-Professor zählt nach eigenen Angaben zu den „angesehensten Ärzten auf dem Gebiet der Präventivmedizin“ – und das MPCH zu den führenden präventivmedizinischen Einrichtungen Deutschlands.

Wer sich hier untersuchen lässt, soll sich wohlfühlen wie im Luxushotel: Am weißen Empfangstresen nimmt eine – Kundenmanagerin genannte – Sprechstundenhilfe den Diagnosewilligen in Empfang und bringt ihn auf sein Zimmer. Dort kann er sich zwischen den Untersuchungen entspannen und dabei fernsehen oder im Internet surfen.

Nicht nur das. Glaubt man Bamberger, gehört sein Diagnostikzentrum neuerdings zur Speerspitze der deutschen Alzheimer-Medizin. Denn er bietet ein neuartiges Verfahren zur Früherkennung von Alzheimer an. Das Verfahren mit dem hochtrabenden Namen Braincheck Precision plus setzt auf die Kernspintomografie (auch Magnetresonanztomografie, kurz MRT genannt). Es sei höchst zuverlässig, schwärmt Bamberger.

Mithilfe dieser Hirnbilder könne „die Entwicklung einer Demenz in den nächsten fünf Jahren mit einer über 90-prozentigen Sicherheit ausgeschlossen werden“, wirbt er. Das schaffe Klarheit. Komme es doch zu einem positiven Befund, so ein weiteres Versprechen, würden durch die frühe Diagnose wichtige Jahre für Therapien gewonnen, die den Krankheitsverlauf verzögern können.

Klingt gut, könnte man denken. Auch die Kosten der Untersuchung – laut Bamberger 1169,47 Euro – liegen etwa gleichauf mit einer großen Inspektion bei einem Mercedes oder Porsche. Warum also am falschen Ende sparen? Schließlich geht es ums höchste Gut, die eigene Gesundheit.

Der Haken: Mit der Wahrheit haben die schönen Versprechen wenig zu tun. Denn in Wirklichkeit gibt es bis heute keine Methode, mit der sich Alzheimer nachweisen lässt, geschweige denn eine Therapie, mit der man dem Leiden vorbeugen könnte.

Geschäft mit der Angst

Dennoch ist die Hamburger Hirnuntersuchung keineswegs eine dreiste Ausnahme in einer seit Jahren boomenden Diagnostikwelt. Vielmehr macht inzwischen eine ganze Branche Kasse mit der Angst vor dem Vergessen. Beteiligt daran: Ärzte, Forscher, Unternehmen und Universitäten. Sie alle locken Menschen mit angeblich sicheren Nachweisverfahren – und verkaufen den Besorgten häufig nur heiße Luft.

Dabei bietet jeder an, was er gerade hat: mal einen simplen Bluttest, der Aufschluss über die Vorboten der Krankheit geben soll. Mal sind es Proteine in der Rückenmarksflüssigkeit. Oder ein Gentest. Die Zunft der Radiologen wirbt für bildgebende Verfahren, wie Kernspin oder PET/CT – eine Kombination aus Positronen-Emissions- und Computertomografie. Selbst einen Geruchstest priesen Ärzte schon an, der Demenz frühzeitig aufdecken sollte: Wer Erdnüsse von Seife unterscheiden könne, so die Erfinder, habe gute Chancen, nicht an Alzheimer zu erkranken.

Strafbar machen sich die Anbieter fragwürdiger Tests nicht. Bislang hindert niemand Mediziner daran, unsinnige und fragwürdige Tests in ihren Praxen und Kliniken zu verkaufen.

Wissenschaftlicher Unsinn

Die am häufigsten falsch behandelten Krankheiten
Platz 10: Uterus myomatosusKnapp zwei Drittel aller Fehler, die von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer anerkannt wurden, ereigneten sich in Krankenhäusern. Auf Platz 10 der dort am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten ist Uterus mymatosus. Dahinter verbergen sich Myome der Gebärmutter, die am häufigsten gutartigen Tumore bei Frauen. 21 Mal behandelten Krankenhaus-Ärzte diese Krankheit vergangenes Jahr falsch. Woran die zahlreichen Fehler in Krankenhäusern liegen, hat die WirtschaftsWoche bereits im April analysiert. Quelle: Fotolia
Platz 9: Gallenstein23 Mal wurden in Krankenhäusern Gallensteine, also Cholelithiasis, falsch behandelt. Quelle: Fotolia
Platz 8: Oberflächliche VerletzungenWunden und Schrammen wurden in deutschen Krankenhäusern 26 mal falsch behandelt – womit sie auf Platz 8 landen. Bei Fehlbehandlungen in Arztpraxen erreichen oberflächliche Verletzungen Platz 10. Niedergelassene Ärzte behandelten sie nur zehn Mal falsch. Quelle: REUTERS
Platz 7: HandfrakturKnochenbrüche an der Hand behandelten Krankenhausärzte vergangenes Jahr 30 Mal falsch. Damit erreichen Handfrakturen Platz 7. Bei Fehlbehandlungen durch niedergelassene Ärzte erreichen Handfrakturen Platz 8. Sie behandelten diese Knochenbrüche zwölf Mal falsch. Quelle: dapd
Platz 6: Schulter- und OberarmfrakturNur einmal mehr fuschten Krankenhaus-Ärzte bei Brüchen an Schulter und Oberarm: Hier gab es 31 Fehlbehandlungen. Bei niedergelassenen Ärzten kommen  Fuschereien in diesem Bereich gar nicht in den Top 10 vor. Quelle: Fotolia
Platz 5: Unterschenkel- und SprunggelenkfrakturGanze 21 Mal häufiger wurden Brüche an Unterschenkel- und Sprunggelenken falsch therapiert. Hier gab es in deutschen Krankenhäusern 52 Fehlbehandlungen. In Praxen gab es bei Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen sogar mit 15 Fällen die zweithäufigsten Fehlbehandlungen. Quelle: dpa-tmn
Platz 4: OberschenkelfrakturMit 63 Fuschereien in Krankenhäusern landen Oberschenkelfrakturen auf Platz 4. In niedergelassenen Praxen kommen Oberschenkelfrakturen nicht in den Top 10 der Fehlbehandlungen vor. Quelle: dpa

So erhalten Tausende von Deutschen jedes Jahr die Diagnose Alzheimer, obwohl es dafür keinen Nachweis gibt. Dass Alzheimer bislang nicht nachzuweisen ist, wird von höchster Stelle bestätigt. Zum Beispiel in der aktuellen „S3-Leitlinie Demenzen“. Das Schriftwerk wurde von den führenden Fachleuten verfasst. Es gilt als Kompendium des besten verfügbaren Wissens zum Thema und dient als Handlungsempfehlung für alle Ärzte, die Demenz-Kranke betreuen. Das Genaueste, was eine Untersuchung laut dieser Leitlinie liefern kann, sei die Diagnose „wahrscheinliche Alzheimer-Demenz“. Eindeutige Kriterien zur Unterscheidung von anderen Demenzen, gestehen die Experten, gebe es nicht. Nicht einmal dann, wenn ein Patient bereits schwer demenzkrank ist.

Stattdessen erfolgt die Diagnose nach dem Ausschlussprinzip: Wenn der Arzt nichts findet, was in seinen Augen erklären könnte, warum der Betroffene verwirrt, vergesslich oder desorientiert ist – dann muss es wohl Alzheimer sein.

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Tatsächlich ist Demenz nicht gleich Demenz. Dahinter können zahlreiche Ursachen stecken: irreparable Hirnschäden durch Schlaganfälle, jahrelange Alkoholexzesse, unerkannte Stoffwechselstörungen oder aber unberechenbare Nebenwirkungen jener Medikamenten-Cocktails, die viele ältere Menschen täglich schlucken. Viele der Ursachen lassen sich behandeln, verhindern oder beheben – vorausgesetzt, sie werden nicht als Alzheimer verkannt.

Heilung ist bisher unmöglich

Eine Therapie gegen Alzheimer oder gar eine Möglichkeit, das undefinierbare Leiden aufzuhalten, gibt es – anders als vom Hamburger MPCH-Chef Bamberger behauptet – nicht. „Für keine der degenerativen Demenz-Erkrankungen existiert eine Therapie zur Verminderung der Progression beziehungsweise Heilung“, heißt es im S3-Kompendium.

Für Jürgen Windeler, den Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), sind die Aussagen des Hamburger Diagnostikzentrums daher „Fehlinformationen, mit denen falsche Erwartungen geweckt werden“. Aus ärztlicher Sicht sei derlei Irreführung unvertretbar, sagt der Spezialist für Medizinische Biometrie und Klinische Epidemiologie. „Hier werden mit menschenverachtender Dreistigkeit und wissenschaftlichem Unsinn Ängste geschürt und Geschäfte gemacht.“ Das MPCH-Angebot „grenzt an Scharlatanerie“, sagt Windeler. Wie will ein Arzt eine Krankheit erkennen, wenn er sie nicht mal nachweisen kann, nachdem sie bereits ausgebrochen ist?

Das Problem dabei: Es machen so viele Ärzte beim Diagnose-Schmu mit, dass selbst haltloseste Versprechen den meisten Menschen heute glaubhaft erscheinen.

Kein Wunder. Rührten doch selbst angesehenste Forscher wie der deutsche Alzheimer-Papst und Bundesverdienstkreuzträger Konrad Beyreuther jahrelang die Propagandatrommel für fragwürdige Diagnoseverfahren. Heute rückt er davon ab.

Dubiose Geschäfte

Kostbare Körpersäfte - Proteine in der Rückenmarksflüssigkeit sollen angeblich ebenfalls Auskunft über Alzheimer geben Quelle: AP/dpa

Der emeritierte Professor am Zentrum für Molekulare Biologie der Universität Heidelberg pries schon vor Jahren einen von ihm entwickelten Labortest an, der Alzheimer anhand bestimmter Proteine in der Rückenmarksflüssigkeit nachweisen könne, noch ehe klinische Symptome auftreten. Das Verfahren liefere ein fast 100-prozentig sicheres Ergebnis, behauptete der Chemiker.

Beyreuther schlug zudem vor, schon vor dem Auftreten der ersten Anzeichen von geistiger Verwirrtheit die Krankheit mit Medikamenten zu bremsen, die weder dafür gedacht noch zugelassen waren.

Doch die von Beyreuther gerühmten Medikamente nützen nach heutigem Wissen nichts. In einem Interview mit der WirtschaftsWoche räumte er im Herbst 2011 ein: „Beides würde ich heute so nicht mehr sagen.“ Und auf die Frage, was ein Vorsorgetest denn bringe, wenn die Krankheit nicht aufzuhalten sei, gestand der Forscher: „Herzlich wenig.“

Richtig dubios wurde das Geschäft mit der Angst vor dem Vergessen indes in Frankfurt: Dort verlor der einst hoch angesehene Psychiater und Alzheimer-Forscher Harald Hampel seinen Job als Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik. Er ist seit Monaten abgetaucht.

Dabei galt er einst als Star der Alzheimer-Forschung. Jahrelang schwamm er auf derselben Welle wie Beyreuther: Wer an Alzheimer erkranken werde und wer nicht, sagte der Mediziner, das könnten Ärzte mit drei Liquormarkern schon sieben Jahre vor Ausbruch des Leidens feststellen. In Mitteilungen seiner Universität schwärmte der Psychiater von „bahnbrechenden Befunden“, „epochalen Schritten“ und „wegweisenden Studien“ zur Krankheit.

Unschöner Abgang

Damit ist seit einem Jahr Schluss. Nachdem die Universität versucht hatte, den heute 50-Jährigen am 22. März fristlos zu entlassen, trennte man sich im Rahmen eines arbeitsrechtlichen Vergleichs wegen Meinungsverschiedenheiten einvernehmlich. Die Vorwürfe lauteten: Er habe Angestellte schikaniert und ärztliche Pflichten vernachlässigt. Doch nicht nur seine Fähigkeiten als Chef standen in der Kritik. Seine Alzheimer-Versprechungen nicht minder.

So stellte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) in einer Pressemitteilung explizit klar, „dass eine Alzheimer-Frühdiagnose nicht zuverlässig möglich ist“. Man sei noch nicht so weit, solche Tests routinemäßig einzusetzen.

Der gefallene Star Hampel hat zudem seine Arbeit als Arzt massiv mit kommerziellen Interessen verquickt. So hält er mehrere Patente für Verfahren, die er öffentlich stark propagiert hat. Sie alle betreffen neue Methoden, mit denen sich angeblich Formen von Demenz, Alzheimer oder anderen psychiatrischen Erkrankungen mithilfe von Biomarkern aus Liquor- oder Blutproben diagnostizieren lassen.

Gefährliche Alzheimer-Präparate

Die Volkskrankheiten der Deutschen
AU-Bescheinigung Quelle: dpa
Gehirnansicht Quelle: dpa/dpaweb
Mammographie Quelle: dpa/dpaweb
Depressionen Quelle: dpa
Angststörungen Quelle: dpa
Raucherin Quelle: dpa
Fettleibigkeit Quelle: dpa

Wiederholt warb Hampel auch für den verstärkten Einsatz bestimmter Alzheimer-Medikamente. Nur 10 bis 20 Prozent der Alzheimer-Kranken bekämen in Deutschland die richtige Therapie, monierte er. Mit der richtigen Arznei könne der Umzug ins Pflegeheim um Jahre aufgeschoben werden. Doch auch dafür gibt es keinerlei Nachweis. Schon vor Jahren kam das IQWiG zum Schluss, dass die auf dem Markt befindlichen, millionenfach verkauften Alzheimer-Medikamente weder die Lebensqualität von Demenz-Kranken verbessern noch den Aufenthalt in Pflegeheimen hinauszögern können.

Stattdessen haben die von Hampel beworbenen Medikamente teils erhebliche Nebenwirkungen. Sie reichen von Schwindel, Halluzinationen, Benommenheit, Kopfschmerzen, Angst- und Wahnvorstellungen bis hin zum Tod.

Und siehe da: Hampel erhielt jahrelang finanzielle Zuwendungen – unter anderem von den Herstellern genau jener Alzheimer-Medikamente, die er bewarb: Es handelte sich um Berater- und Vortragshonorare sowie Zuschüsse für Forschungsprojekte, Tagungen und Veranstaltungen.

Unklar ist, wo Hampel heute ist. Im Herbst 2012 teilte er mit, er habe einen Ruf auf einen Lehrstuhl an einer der weltweit renommiertesten Spitzenuniversitäten erhalten. Doch seit Monaten ist er wie vom Erdboden verschluckt. Weder langjährige Kollegen noch die ihm eng verbundene Hirnliga – ein als gemeinnütziger Verein getarnter Lobbyverband zur Förderung der Alzheimer-Forschung – wollen oder können verraten, wo er ist. Und auch die Berliner Promikanzlei Schertz Bergmann, die Hampel vertritt, beantwortete keine der übersandten Fragen bis zum Redaktionsschluss.

Lukratives Geschäft

Fest steht: An der Idee, dass Früherkennung Alzheimer lindern oder gar stoppen könne, verdient eine ganze Industrie. Forscher, die ihre Karriere auf die Entwicklung neuer Tests gründen. Medizintechnikhersteller wie Philips, Siemens und GE Healthcare, deren Millionen Euro teure MRT- und PET/CT-Geräte auch für diese Tests genutzt werden. Radiologische Privatpraxen, die mit der Alzheimer-Vorsorge Kunden ködern und zu lukrativen Untersuchungen locken. Arzneimittelhersteller, die ihre Medikamente verkaufen wollen.

So wehren sich Pfleger, Masseure und Therapeuten
Platz 10: MasseureDie Ermittler der Krankenkasse KKH haben die Aktivitäten von Masseuren und medizinischen Badebetrieben zu einer Fallgruppe zusammengefasst. 2011 war dieser Bereich noch nicht so auffällig. 12 Fälle sind ihnen im vergangenen Jahr aufgefallen. Damit landen Masseure und Badebetrieb bei der Krankenkasse mit 1,8 Millionen Versicherten auf Platz 10 der Rangliste, die von der Krankenkasse angelegt wurde. Auf Anfrage merkte der Verband Physikalische Therapie - Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT) an, die Fallzahl sei relativ gering. Im Gesundheitssystem arbeiteten 2011 insgesamt ca. 212.000 Physiotherapeuten und Masseure und med. Bademeister. Davon gehörten ca. 76.000 Therapeuten der Berufsgruppe der Masseure und med. Bademeister an. Angesichts dieser Zahlen solle man nicht eine ganze Berufsgruppe unter Generalverdacht stellen. Quelle: dpa/dpaweb
Gegenrede der Masseure: "Keine Betrugsabsicht"Bei vielen von der KKH als "Betrug" bezeichneten Vorgängen könnte es sich um reine Abrechnungsprobleme handeln, erklärte der Verband Physikalische Therapie - Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT). Gemeint seien hier etwa Rezepte, die von einem Arzt unvollständig oder falsch ausgefüllt und dann von einem Therapeuten angenommen und abgearbeitet worden seien. Nicht jede Ermittlung führe zudem zu einem Schuldspruch. Bundesgeschäftsführer Udo Fenner: "Wir schließen ausdrücklich nicht aus, dass es schwarze Schafe unter den Leistungserbringern im Gesundheitswesen gibt. Aber: Vorwürfe müssen bewiesen werden und im konkreten Einzelfall dann auch zu rechtlichen Konsequenzen führen." In diesem Sinne unterstütze der Verband die Forderung der KKH auf klare gesetzliche Vorgaben gegen Korruption im Gesundheitswesen ohne Einschränkung. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Platz 9: ErgotherapeutenIn etwa gleich geblieben ist die Zahl von Betrugsfällen, in die Ergotherapeuten verwickelt sind. 18 Fälle waren es bei der KKH im vergangenen Jahr, 17 im Jahr davor. Ein typischer Fall sei: Es wird eine Einzeltherapie verordnet, durchgeführt werden aber nur Gruppenbehandlungen. Oder: Das behandelnde Personal hat nicht die vorgeschriebene Qualifikation zur Behandlung. Quelle: dpa
Ergotherapeuten klagen über Bürokratische VorgabenDer Deutschen Verband der Ergotherapeuten e.V. (DVE) sieht die Kritik der KKH ganz entspannt, wie die beiden Models in einer Entspannungskabine auf der Fachmesse "Therapie" in Leipzig. Eingeräumt wird zwar, dass es immer wieder mal Abrechnungsprobleme aufgrund von falsch ausgefüllten Verordnungen gebe. Doch es sei kein Fall bekannt, bei dem eine vorsätzliche Abrechnungsmanipulation vorliege oder die Staatsanwaltschaft ermittele. Andererseits wird uns von diversen Krankenkassen in Gesprächen immer wieder bestätigt, dass die ergotherapeutischen Praxen im Abrechnungsgeschehen kaum ernsthafte Probleme bereiteten.  Der latente Vorwurf der Manipulation von Abrechnungen, aber auch die immer bürokratischeren Vorgaben mache für die rund 6.500 Ergotherapiepraxen in Deutschland die Abrechnung und sonstige Zusammenarbeit mit den Krankenkassen manchmal zu einer sehr belastenden Angelegenheit. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 8: KrankenhäuserEine Klinik in Niedersachsen habe geriatrische Komplexpauschalen abgerechnet, obwohl seit Juni 2012 kein Geriatrie-Arzt mehr dort beschäftigt gewesen sei, stellte die Krankenkasse KKH fest. Auch davor seien schon entsprechende Leistungen abgerechnet, die nicht vom damals noch angestellten Geriater erbracht wurden. Die Ermittlungen liefen noch. Die KKH stellte im Zusammenhang mit Krankenhäusern 21 Fälle mit falschen Abrechnungen fest. Quelle: dpa
Platz 7: RettungsdiensteSchon 2011 ermittelten die Fahnder der Krankenkasse aus Hannover in 35 Fällen, bei denen es um unzulässige Beförderungen ging. Ein Problem dabei: Es werden Fahrten vorgenommen, ohne dass die dazu eingesetzten Personen über die erforderlichen Personenbeförderungsscheine verfügen. Zudem verfügen die Unternehmer über keine Konzession für die Fahrten. Auch im vergangenen Jahr entdeckte die KKH weitere 31 Fälle. Nach Angaben des Verbandes der Rettungsdienste gab es im Jahre 2012 etwa 315.000 Beförderungen von KKH-Versicherten durch die Rettungsdienste. Damit liege der Anteil der beschriebenen Vorgänge bei Fahrtkosten im unteren Promillebereich.   Quelle: AP
Gegenrede der Rettungsdienste: Fehleranfällige VerordnungDer Deutsche Berufsverband der Rettungsdienst e.V. geht davon aus, dass es sich bei den Fällen der KKH nicht um vorsätzliche Betrugsfälle handelt. Das Problem sei, dass die Verordnung einer Krankenbeförderung zu fehleranfällig sei. So müsse ein Arzt mehrere Angaben auf der Verordnung beachten, die ihm offensichtlich nicht immer schlüssig seien. Bei einem Krankentransport werde immer wieder mal angekreuzt, dass eine medizinisch-fachliche Betreuung nicht notwendig sei. Damit könne ein Krankentransport aber nicht abgerechnet werden. Wenn die Besatzung dies merke und dann das Praxis- oder Krankenhaus-Personal darauf anspreche, werde das Kreuz häufig lediglich ohne Unterschrift geändert. Das komme jedoch einer Urkundenfälschung und anschließendem Abrechnungsbetrug gleich. Der Verband wisse von zahlreichen Fällen, wo Ärzte in den Notaufnahmen nicht erreichbar waren oder sich weigerten, eine Unterschrift zu leisten. Und das obwohl der Notfallpatient mit einem Rettungsmittel befördert wurde. In solchen Fällen könne es schon mal vorkommen, dass einfach ein Pfleger unterschreibt. Auch das wäre eine Unregelmäßigkeit, die eine Krankenkassen nicht tolerieren muss.  Quelle: AP

Und nicht zuletzt die Universitätskliniken, die verunsicherte Menschen über sogenannte Gedächtnissprechstunden oder Memory Clinics in ihre Häuser locken – um so den Nachschub an Patienten und Probanden für ihre Forschung sicherzustellen. Prestigeträchtige Projekte nämlich bringen den Hochschulen Geld und Renommee. Und genau darauf sind die meisten Unikliniken heute angewiesen, um im Konkurrenzkampf zu bestehen.

Auch die Diagnostikfirma MPCH ist eine Geschäftsidee des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Schon früh hatte der damalige Chef des UKE, der Radiologe Jörg Debatin, erkannt, dass das Geschäft mit medizinischen Check-ups und Prävention boomt. Über die Tochterfirma MPCH wollte das Uniklinikum diesen Markt aufrollen. Denn anders als die auf Gemeinnützigkeit verpflichtete Hochschule ist das MPCH eine GmbH & Co. KG. Sie darf sich ganz legal dem Geldverdienen widmen.

Ein pfiffiger Plan. Denn die Mediziner von Universitätskliniken genießen bei Patienten großes Vertrauen. Kaum ein Laie ahnt, dass deren medizinische Ratschlüsse – wie im Fall des Hamburger Brainchecks – mitunter nicht viel mehr sind als wissenschaftlich verbrämte Kaffeesatzleserei.

Die Methode hat System

Die teuersten Medikamente
Die Kostentreiber Quelle: dpa
Humira
Enbrel
Rebif
Copaxone
Avonex
Symbicort

Schon vor seiner Zeit als Ärztlicher Direktor am UKE gründete Debatin am Uniklinikum Essen mehrere Firmen zur Vermarktung bildgebender Verfahren in der Medizin. Eine davon ist die private Diagnostikklinik Preventicum. Hier werden vor allem Herz-Kreislauf-Leiden diagnostiziert.

Die Idee einer privaten Diagnostiktochter übertrug Debatin auf Hamburg. 2006 eröffnet das UKE mit dem MPCH eine Kopie des Erfolgsmodells aus dem Ruhrgebiet. 49 Prozent der Gesellschaftsanteile gehörten anfangs dem UKE. Die restlichen 51 Prozent der Deutschen Seereederei in Rostock, zu deren Investments unter anderem auch die Arosa-Hotels in Kitzbühel und Travemünde gehören.

Aus dem Uniklinikum kämen „die Idee und das Know-how“, sagte Debatin zur Eröffnung des MPCH. Zudem würde das Klinikum exklusiv über die medizinischen Inhalte bestimmen.

Doch von spezifischer Expertise kann beim MPCH kaum die Rede sein. Zwar kann Bamberger, wie er gegenüber der WirtschaftsWoche betont, „bei auffälligen Befunden“ auf einen Neurologen oder die UKE-Gedächtnissprechstunde zugreifen. Fest angestellt ist beim MPCH allerdings kein einziger Kollege mit neurologischer Facharztausbildung. Auch Bamberger besitzt keine. Die aber wäre für die anspruchsvolle Diagnostik von Demenz-Erkrankungen durchaus dienlich – und nach Ansicht vieler Experten auch erforderlich.

Seit einem Jahr liegt jedenfalls die Bewertung von Kernspinuntersuchungen zur Früherkennung von Alzheimer durch unabhängige Gutachter des sogenannten IGel-Monitors vor, ein vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen entwickeltes Bewertungssystem, das Nutzen und Schaden sogenannter individueller Gesundheitsleistungen (IGel) prüft. Im Fall der vermeintlichen Alzheimer-Früherkennung per MRT kam der IGel-Monitor nach Sichtung der einschlägigen Studien zu dem Schluss, dass es „keine Hinweise auf einen Nutzen“ gebe.

Dennoch werben Bamberger und die Firma Jung Diagnostics, die das Verfahren entwickelt hat, weiterhin für den Test. Zuletzt in einem Artikel der „Bild“-Zeitung vor wenigen Wochen.

Genialer Schachzug

Das Konzept des UKE ist gut durchdacht. So profitierte das Klinikum viele Jahre lang als Anteilseigner ganz direkt vom Zustrom besorgter Gesunder im MPCH. Und über das Diagnostikzentrum gewinnt das UKE laufend Kunden für den eigenen Klinikbetrieb. Ergibt die Untersuchung des Hirns einen vermeintlich auffälligen Befund, komme laut Bamberger die „enge Verzahnung des MPCH mit dem UKE zum Tragen“. Dann weise man den Patienten gezielt zur weiteren Diagnostik und Therapie dem Klinikum und deren Neurologen zu.

Ein genialer Schachzug. Sobald nämlich ein Verdachtsbefund vorliegt, werden alle weiteren Untersuchungen und Eingriffe von der Krankenkasse bezahlt.

Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten – außer den Patienten. Denn selbst wenn Alzheimer nachweisbar wäre und der Hirn-Check der Hamburger Diagnostikfirma MPCH leisten könnte, was man dort verspricht, brächte die Untersuchung dem besorgten Kunden keinerlei zusätzlichen Nutzen. Denn aufhalten ließe sich das Leiden nicht.

Gefährliche Diagnosen

Die häufigsten Todesursachen in Deutschland
Im Jahr 2013 verstarben in Deutschland insgesamt 893.825 Menschen, davon 429.645 Männer und 464.180 Frauen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist damit die Zahl der Todesfälle gegenüber dem Vorjahr um 2,8 Prozent angestiegen. Durch einen Suizid beendeten 10.076 Menschen ihr Leben, wobei der Anteil der Männer mit 73,9 Prozent fast dreimal so hoch war wie der Anteil der Frauen mit 26,1 Prozent. Quelle: dpa
In 10.842 Fällen (4 972 Männer und 5 870 Frauen) war ein Sturz die Ursache für den Tod. Quelle: dpa
Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten waren für 18.475 Sterbefälle verantwortlich. Quelle: dpa
3,8 Prozent aller Todesfälle waren auf eine nicht natürliche Todesursache wie zum Beispiel eine Verletzung, einen Unfall oder eine Vergiftung zurückzuführen (34.133 Sterbefälle). Quelle: dpa
Eine deutliche Zunahme um 16,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ist bei den Psychischen und Verhaltensstörungen festzustellen. Hieran verstarben 2013 insgesamt 36.117 Menschen, davon 14.241 Männer und 21.876 Frauen. In 80 Prozent dieser Sterbefälle war eine Demenzerkrankung die Todesursache. Quelle: dpa
Die Zahl der Sterbefälle infolge von Krankheiten des Verdauungssystems betrug im vergangenen Jahr 40.112. Das entspricht einer Rate von 4,5 Prozent. Quelle: dpa
Mann packt scih an die Brust Quelle: dpa

Geldschneiderei, aber letztlich harmlos? Mitnichten. Denn auch ein Test, der nichts taugt, kann einen Fehlalarm liefern – also eine Krankheit anzeigen, wo keine ist. Die Folgen lassen sich nur schlecht messen: Ängste, schlaflose Nächte, eine Odyssee von Untersuchungen und ein Krankheitsverdacht, den man vielleicht nie mehr loswird. Fest steht nur, manch einer hat nach der Diagnose Alzheimer den Freitod gewählt. Für den ehemaligen Playboy Gunter Sachs war allein schon der Gedanke, an Alzheimer zu leiden, unerträglich. Er nahm sich deshalb das Leben – obwohl er nicht ansatzweise dement war.

Die Firma Jung Diagnostics sah dennoch die Chance, aus dem Fall Kapital zu schlagen. Einen Tag nach Sachs’ Tod schickte sie einer Journalistin einen Text, in dem sie für die frühzeitige Diagnose von Alzheimer warb: „Zu gegebenem Anlass (Selbstmord von Gunter Sachs aus Angst vor Alzheimer) haben wir eine Pressemitteilung verfasst“, teilte sie mit und bat: „Könnten Sie diese an Ihre Kollegen weiterleiten?“

Fragwürdige Angebote

Für die fragwürdigen Angebote des MPCH sieht sich die Uniklinik Hamburg-Eppendorf heute nicht mehr mit in der Verantwortung. Sie hat die Anteile am MPCH verkauft, was Bamberger bestätigt: Seit August 2011 sei er selbst zusammen mit der Seereederei Eigentümer des MPCH. Auch Gründer Debatin hat die Klinik verlassen. Mit dem Treiben der einstigen Vorzeigetochter habe das UKE nichts mehr zu tun. Wer heute Fragen zu den dubiosen Versprechen des MPCH stellen will, den verweist der Leiter der UKE-Rechtsabteilung Oliver Füllgraf auf die Ärztekammer.

Die prüft derzeit, ob es sich hier um Irreführung handelt. Das Verfahren könne Monate dauern. Und weil es kein öffentliches Verfahren sei, erfahre die Allgemeinheit das Ergebnis auch nicht.

Das ehemalige Tochterunternehmen schmückt sich indes nach wie vor mit universitärem Nimbus: Es heißt noch immer Medizinisches PräventionsCentrum Hamburg am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Und in Broschüren und auf der Web-Site rühmt Christoph Bamberger weiterhin das „universitäre medizinische Niveau“ – und verlinkt auf der Startseite zur berühmten Mutter, die ihn verstieß.

Forschung



Mit dem Vorwurf des Etikettenschwindels konfrontiert, kontert Bamberger: „ Das ist komplett unhaltbar.“ Es bestehe eine „enge räumliche und strukturelle Anbindung an das UKE“. Sein Trumpf: „Das MPCH unterliegt der Qualitätsmanagementkontrolle des UKE und wird mit diesem gemeinsam zertifiziert.“

Doch diese Kontrolle berührt die Qualität des Alzheimer-Frühtests offenbar nicht.

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