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Fragwürdige Diagnosen und Therapien Das dubiose Geschäft mit dem Vergessen

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Die Methode hat System

Die teuersten Medikamente
Die Kostentreiber Quelle: dpa
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Schon vor seiner Zeit als Ärztlicher Direktor am UKE gründete Debatin am Uniklinikum Essen mehrere Firmen zur Vermarktung bildgebender Verfahren in der Medizin. Eine davon ist die private Diagnostikklinik Preventicum. Hier werden vor allem Herz-Kreislauf-Leiden diagnostiziert.

Die Idee einer privaten Diagnostiktochter übertrug Debatin auf Hamburg. 2006 eröffnet das UKE mit dem MPCH eine Kopie des Erfolgsmodells aus dem Ruhrgebiet. 49 Prozent der Gesellschaftsanteile gehörten anfangs dem UKE. Die restlichen 51 Prozent der Deutschen Seereederei in Rostock, zu deren Investments unter anderem auch die Arosa-Hotels in Kitzbühel und Travemünde gehören.

Aus dem Uniklinikum kämen „die Idee und das Know-how“, sagte Debatin zur Eröffnung des MPCH. Zudem würde das Klinikum exklusiv über die medizinischen Inhalte bestimmen.

Doch von spezifischer Expertise kann beim MPCH kaum die Rede sein. Zwar kann Bamberger, wie er gegenüber der WirtschaftsWoche betont, „bei auffälligen Befunden“ auf einen Neurologen oder die UKE-Gedächtnissprechstunde zugreifen. Fest angestellt ist beim MPCH allerdings kein einziger Kollege mit neurologischer Facharztausbildung. Auch Bamberger besitzt keine. Die aber wäre für die anspruchsvolle Diagnostik von Demenz-Erkrankungen durchaus dienlich – und nach Ansicht vieler Experten auch erforderlich.

Seit einem Jahr liegt jedenfalls die Bewertung von Kernspinuntersuchungen zur Früherkennung von Alzheimer durch unabhängige Gutachter des sogenannten IGel-Monitors vor, ein vom Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen entwickeltes Bewertungssystem, das Nutzen und Schaden sogenannter individueller Gesundheitsleistungen (IGel) prüft. Im Fall der vermeintlichen Alzheimer-Früherkennung per MRT kam der IGel-Monitor nach Sichtung der einschlägigen Studien zu dem Schluss, dass es „keine Hinweise auf einen Nutzen“ gebe.

Dennoch werben Bamberger und die Firma Jung Diagnostics, die das Verfahren entwickelt hat, weiterhin für den Test. Zuletzt in einem Artikel der „Bild“-Zeitung vor wenigen Wochen.

Genialer Schachzug

Das Konzept des UKE ist gut durchdacht. So profitierte das Klinikum viele Jahre lang als Anteilseigner ganz direkt vom Zustrom besorgter Gesunder im MPCH. Und über das Diagnostikzentrum gewinnt das UKE laufend Kunden für den eigenen Klinikbetrieb. Ergibt die Untersuchung des Hirns einen vermeintlich auffälligen Befund, komme laut Bamberger die „enge Verzahnung des MPCH mit dem UKE zum Tragen“. Dann weise man den Patienten gezielt zur weiteren Diagnostik und Therapie dem Klinikum und deren Neurologen zu.

Ein genialer Schachzug. Sobald nämlich ein Verdachtsbefund vorliegt, werden alle weiteren Untersuchungen und Eingriffe von der Krankenkasse bezahlt.

Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten – außer den Patienten. Denn selbst wenn Alzheimer nachweisbar wäre und der Hirn-Check der Hamburger Diagnostikfirma MPCH leisten könnte, was man dort verspricht, brächte die Untersuchung dem besorgten Kunden keinerlei zusätzlichen Nutzen. Denn aufhalten ließe sich das Leiden nicht.

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