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Fütterungsversuch Minenfeld Genfood

Sind gentechnisch veränderte Lebensmittel doch gesundheitsschädlich, wie eine aktuelle französische Studie an Ratten bewiesen haben will? Oder sind es die Pflanzenschutzmittel, die den Gentech-Pflanzen verabreicht werden? Oder ist alles pure Übertreibung?

Eine neue französische Studie geht davon aus, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel doch gesundheitsschädlich sind. Quelle: dpa

Kaum ein Forschungsfeld ist derartig vermint wie die grüne Gentechnik: Entweder sind die Forscher kategorisch für diese Technologie – oder sie sind strikt dagegen. Eine moderate, sachlich abwägende Haltung und Betrachtungsweise, wie man ihn von Naturwissenschaftlern eigentlich erwarten würde, hat beim Thema Genfood Seltenheitswert.

Der Effekt: Sobald eine neue Studie erscheint, wird den jeweiligen Autoren von der Gegenseite unterstellt, sie seien entweder von Greenpeace oder von der Agro-Industrie gekauft.
Deshalb ist auch der wissenschaftliche Gehalt und die Bedeutung der aktuellen Studie des französischen Forschers Gilles-Eric Séralini von der Universität Caen nur sehr schwer einzuschätzen. Er warnte bereits 2007 vor Vergiftungssymptomen durch Genpflanzen und darf eher zum Lager der Gentechnik-Kritiker gerechnet werden.

Jetzt veröffentlichte er im Fachjournal „Food and Chemical Toxicology“ neue – und erschreckende - Ergebnisse von Fütterungsversuchen an 200 Ratten.

  • 60 von ihnen hatten zwei Jahre lang gentechnisch veränderten Futtermais der Sorte NK 603 des Agrarkonzerns Monsanto in verschiedenen Dosierungen – 11, 22, und 33 Prozent des Futters – bekommen. Diese Gen-Mais-Sorte wird in Europa nicht angebaut, aber importiert und ist als Futtermittel und für die Lebensmittelproduktion zugelassen.

  • Weitere 60 Ratten bekamen konventionellen Mais, der mit dem Totalherbizid Roundup behandelt wurde. Mit diesem Pflanzenschutzmittel werden die Felder des Gentech-Mais behandelt: Er ist dagegen dank eines Resistenz-Gens immun (hier der Link auf die Infografik im Seitenblick in Heft 25/2012). Alle anderen Pflanzen und Unkräuter gehen dagegen ein.

  • Wasser mit Roundup in verschiedenen Dosierungen bekamen 60 Ratten zu ihrem sonst konventionellen Futter gereicht. Die niedrigste Dosierung entsprach dabei Roundup-Verunreinigungen, die verschiedentlich im Trinkwasser nachgewiesen wurden.

  • 20 Ratten dienten als Kontrollgruppe, sie bekamen normales Wasser zu trinken und ihr Futter bestand zu einem Drittel aus konventionellem Futtermais.

Séralinis Versuche ergaben, dass Tiere, die Genmais oder Roundup bekamen früher starben und vermehrt Tumore entwickelten: Weibliche Tiere bekamen vor allem Brustkrebs, männliche erkrankten an Haut oder Nierenkrebs. Diese Ergebnisse seien auf den Menschen übertragbar, sagt der Forscher.

Das hieße im Klartext: Nicht nur die gentechnisch veränderten Pflanzen könnten lebensgefährlich für ihre Konsumenten sein. Es wären viel mehr auch all jene Menschen gefährdet, die im Einzugsgebiet von Äckern leben, auf denen transgene Pflanzen mit solchen Herbizid-Toleranzen angebaut werden.

Tatsächlich trägt nicht nur die untersuchte Monsanto-Mais-Sorte NK 603 diese gentechnische Veränderung – ein Großteil aller derzeit vermarkteten Gentech-Pflanzen ist mit dieser oder sehr ähnlichen Herbizidresistenzen ausgerüstet.

Forscher bewerfen sich mit Dreck

Die Studie schreckte Politiker und Behörden jedenfalls – zu Recht – gehörig auf. Frankreich erwägt ein Verbot gentechnisch veränderter Lebensmittel in der Europäischen Union (EU), sollte die Studienergebnisse stichhaltig sein.

Die EU-Kommission beauftragte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) damit, die Studie genau daraufhin zu überprüfen. Und die gentechnik-kritische deutsche Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner wies das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) an, die inhaltlichen Aussagen und die Methoden der Studie abzuklopfen.

Derweil bewerfen sich die Forscher mit Dreck: Seralinis Studie entspreche nicht den internationalen Standards. Die statistische Stichhaltigkeit wird zudem angezweifelt. Und die Versuchsratten, die er gewählt hat, bekämen auch spontan und ohne Genfood oder Herbizide Krebs.

Überdies sei Seralini ein Freund des organischen Biolandbaus und von Greenpeace finanziert. Damit vor allem Journalisten die kritischen Stimmen nicht übersehen sollten, reagierte der US-Konzern Monsanto mit einem vierseitigen Schreiben, in dem entsprechende Seralini-kritische Zitate aufgelistet waren.

Behörde im Interessenkonflikt?

So ist auch diese Studie im Handumdrehen Gegenstand einer Schlammschlacht geworden. Allerdings trägt der Forscher selbst auch nicht wirklich zur einer sachlichen Debatte und Bewertung bei. Denn als die EFSA um die Einsicht in seine Originaldaten bat, verweigerte Séralini dies mit dem Argument, die Behörde habe einen Interessenkonflikt. Schließlich hat sie die Maissorte NK 603 ja zugelassen.

Die Hoffnung, dass sich der wahre Gehalt dieser neuen Fütterungsstudie herausfinden lässt, habe ich nahezu aufgegeben. Zu dogmatisch und wortgewaltig treten die widerstreitenden Lager hier wieder gegeneinander an.

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Ich halte mich derweil weiter an mein generelles Motto gegenüber der Bio- und Gentechik: Wo die Vorteile für mich als Verbraucher – etwa bei Biotech-Medikamenten – klar überwiegen, bin ich gerne bereit, auch ein gewisses technologisches Risiko zu tragen.

Das Kernproblem beim Genfood ist aber seit seiner Einführung Ende der 1990er Jahre: Genau solch ein Verbrauchernutzen für die Endkunden fehlt. Weder besonders gesundes oder schmackhaftes Genfood ist auf dem Mark. Warum sollten die Konsumenten die möglichen Risiken – und seien sie noch so klein – also auf sich nehmen?

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