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Gefälschte Medikamente Das schmutzige Geschäft der Pillen-Mafia

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Putzaktion für Lieferkette

Zuweilen sind die Fälscherwerkstätten auch schlichtweg eklig. Hier entsteht eine Kopie des Pfizer-Präparats Lipitor / Sortis, einem Cholesterinsenker. Die Kosten von Rückrufaktionen gefälschter Arzneimitteln müssen die betrogenen Pharmaunternehmen übrigens selbst tragen. Quelle: Pfizer (aus Ermittlungsakten)

VanTrieste und andere Verantwortliche großer Pharma- und Biotechunternehmen gründeten deshalb 2009 ein internationales Konsortium namens RX-360. RX steht dabei als lateinische Abkürzung für rezeptpflichtige Medikamente, 360 für den globalen Rundumblick. Anfangs war VanTrieste Vorsitzender des Bündnisses, heute ist er Kämmerer.

Gemeinsam wollen die Hersteller mit Informationen, Lehrgängen, Fachtagungen, einheitlichen Kontrollen und Standards dafür sorgen, dass ihre Versorgungskette – die Supply Chain – sauber bleibt. Das könnten selbst große Unternehmen unmöglich alleine bewältigen, ist VanTrieste überzeugt. Auch das habe das Heparin-Desaster klargemacht. Denn hier war nicht eine Behörde einer mittelamerikanischen Bananenrepublik geleimt worden, sondern ein multinationaler Pharmakonzern.

Maßgeblich betroffen von den Machenschaften der Molekül-Mafia war der US-Pharmakonzern und Heparin-Hersteller Baxter. Der bezog seinen Rohstoff von den Scientific Protein Laboratories aus Wisconsin. Die bekamen es von ihrer chinesischen Tochter Changzhou SPL Company.

Die Komplexität weltweiter Lieferketten bietet ideale Bedingungen für Fälscher und Raubkopierer. Sie haben die Pharmabranche als Tummelplatz entdeckt. Der CDU-Europa-Parlamentarier Peter Liese sagt: „Arzneimittelfälschungen haben die Dimensionen des Drogenhandels erreicht.“

Schattenwirtschaft der Medikamente

Tatsächlich lässt sich mit gefälschten Medikamenten sogar mehr verdienen als mit Drogen. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände liegt der Schwarzmarktpreis für ein Kilogramm des gefälschten Potenzmittels Viagra bei etwa 90 000 Euro. Ein Kilo Kokain ist für geschätzte 65 000 Euro zu haben.

Die Profite sind immens, verglichen mit anderen Fälschungen, rechnet RX-360-Aktivist VanTrieste vor: Während sich aus 1000 Dollar mit gefälschten DVDs oder Gucci-Handtaschen 10 000 Dollar ergaunern ließen, betrage der Gewinn bei Drogen 100 000 Dollar – und bei gefälschten pharmazeutischen Produkten eine Million Dollar.

Darüber hinaus ist das Pharmageschäft eine recht gefahrlose Sache. Jedenfalls im Vergleich zum illegalen Waffen- und Drogenhandel, wo weltweit hohe Strafen drohen und die Gefahr besteht, von einem Kunden oder Konkurrenten erschossen zu werden. Aus dieser Szene stammen die meisten der bisher gefassten und verurteilten Arzneimittelfälscher.

Einen ersten kometenhaften Anstieg erlebte die Schattenwirtschaft der Medikamente mit Lifestyle-Produkten wie der kleinen, blauen Potenzpille Viagra des weltweit umsatzstärksten Pharmakonzerns Pfizer. Sie wird illegal und rezeptfrei vor allem über das Internet vertrieben.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs: Von 60 weiteren Pfizer-Medikamenten wurden in 104 Ländern Kopien gefunden, darunter Mittel zur Behandlung von Krebs, HIV, hohen Cholesterinwerten, Alzheimer, Bluthochdruck, Depressionen, rheumatischer Arthritis oder auch Antibiotika.

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