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Gesundheit Nächste Runde im Streit um die E-Zigarette

Ob und wie gefährlich elektronische Zigaretten tatsächlich sind, darüber ist in Deutschland ein handfester Streit zwischen Behörden, E-Zigaretten-Vertreibern und E-Zigaretten-Nutzern – den sogenannten E-Dampfern – entbrannt. Nun will der Verband des eZigarettenhandels (VdeH) mit einer Untersuchung des Ausatemdampfes zumindest beim Passiv-E-Rauchen Klarheit schaffen.

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Jemand raucht mit einer E-Zigarette Quelle: dapd

Die vereinigten deutschen E-Zigarettenhändler jubelten auf, als die Ergebnisse der von ihnen beauftragten Untersuchung zum Passiv-Rauchen von E-Zigaretten vor wenigen Tagen vorlag.

Das Analyselabor Wessling aus Altenberge bei Münster habe keine Giftstoffe im Dampf von elektrischen Zigaretten gefunden, teilte der Verband des eZigarettenhandels (VdeH) aus Seevetal mit – und zog den Schluss: „Die neue Studie beweist: Kein Passivrauch bei eZigaretten!“

Der erst im vorigen Dezember gegründete Lobby-Verband versucht nach eigenen Angaben sowohl die Absatzchancen für E-Zigaretten als auch die Interessen seiner gut zwei Millionen Kunden in Deutschland zu wahren. Nach Ansicht des Verbandes sei das dringend nötig, denn die E-Dampfer, die ihr Nikotin in verdampfter und vernebelter Form inhalieren, statt es aus verbranntem Tabak einzuatmen, gerieten zunehmend unter Beschuss.

Zum einen hat die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) kurz vor Weihnachten darauf hin gewiesen, dass die nikotinhaltige Liquids, die in Form kleiner Kartuschen in die E-Zigaretten eingelegt werden, unter das Arzneimittelrecht fielen: Ein freier Verkauf sei strafbar.

Vertreiber gehen gegen Ministerium vor

Daraufhin taten sich die sechs größten deutschen E-Zigarettenvertreiber Ende Dezember zum Interessenverband VdeH zusammen und ließen Ministerin Steffens von einem Anwalt sogleich eine Unterlassungserklärung zuschicken. Das Ministerium solle die aus Sicht des VdeH falschen Aussagen über die elektronischen Zigaretten zurücknehmen.

Ein einzelnes Unternehmen ging sogar juristisch gegen das Ministerium vor. Es wollte dem Ministerium bestimmte Äußerungen und Warnungen vor E-Zigaretten auf dem Wege einer einstweiligen Anordnung untersagen lassen. Diesen Antrag hat das Verwaltungsgerichts Düsseldorf allerdings abgewiesen.

Auch bundesweit droht Gegenwind: Seit die E-Zigaretten boomen, werden zum Schutz der Nichtraucher immer mehr Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Büros, Restaurants, Bahnen und Bussen erlassen. So empfiehlt das Bundesinstitut für Risikobewertung: Für elektronische Zigaretten sollten in Räumen die gleichen Regeln gelten wie für normale Zigaretten.

Freispruch für die E-Zigarette?

Raucher die auf die E-Zigarette umsteigen fühlen sich oft besser. Quelle: dpa

Zwar fühlen sich viele der Menschen, die von den stinkenden Glimmstengeln auf die E-Zigaretten umsteigen deutlich besser, zum Beispiel weil sie weniger Husten, keine gelben Finger mehr haben und ihre Mitmenschen deutlich weniger einnebeln als mit ihrem bisherigen Gequalme. Doch wo die gesundheitlichen Vor- und Nachteile liegen, scheint nur recht unklar zu sein.

Tatsächlich sei die Datenlage in vielen Punkten noch sehr dünn oder widersprüchlich, sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Kein Wunder: Während über die Gefahren des Rauchens seit Jahrzehnten geforscht wird, liegen über das vor sechs Jahren aufgekommende Inhalieren von Nikotin- und Aromen kaum Erkenntnisse vor.

Hier wollte der Interessenverband der E-Zigarettenhändler aus Seevetal Abhilfe schaffen. Er ließ das beauftragte Wessling Laboratorium nach vier typischen Schadstoffen fahnden, die beim Verbrennen von Tabak entstehen und sich auch im Zigaretten-Qualm nachweisen lassen: Formaldehyd, Nikotin, Acrylamid und Acrolein.

Außerdem wurde untersucht, ob sich in der Atemluft eines E-Zigaretten-Dampfers Spuren des Liquid-Bestandteils Propylenglykol befinden. Denn gerade diese Substanz wird wegen des potenziellen Gesundheitsrisikos debattiert.

Lösungsmittel verursacht Reizungen

BZgA-Chefin Pott rät gerade deshalb von den Hightech-Zigaretten ab, weil der Hauptbestandteil der Kartuschen, die in die E-Zigaretten eingelegt werden, Propylenglycol ist. Dieses in Kosmetika, Lebensmitteln und Medikamenten gebräuchliche Konservierungs- und Lösemittel könne, wenn man es inhaliert, Atemwegsreizungen auslösen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie (DPG) warnt mit Hinweis auf eine vor wenigen Wochen im Fachmagazin „Chest“ veröffentlichte Studie an E-Zigaretten-Rauchern: Darin werde erstmals der vermutete schädliche Effekt von E-Zigaretten auf die Atmungsorgane nachgewiesen, wofür die Autoren in erster Linie Propylenglykol, aber auch andere Substanzen in den inhalierten Dämpfen verantwortlich machten.

Für die vom E-Zigarettenhandel initiierten Untersuchung wurden laut VdeH unterschiedliche Aroma-Liquids in verschiedenen Nikotinstärken getestet – und E-Zigaretten von unterschiedlichen Anbietern benutzt, deren Produkte alle im deutschen Handel erhältlich sind. Insgesamt sechs Probanden atmeten den Dampf der E-Zigaretten dann durch einen Schlauch in eine Gaswaschflasche aus.

Jeder Teilnehmer habe mindestens 30 Züge genommen. Und auch die Atemluft zwischen den Dampfzügen wurde durch den Schlauch in die Gaswaschflasche geleitet, die mit einem Liter Wasser gefüllt war. Danach wurde dieses Wasser im Labor untersucht.

Neue Ergebnisse

Eine E-Zigarette Quelle: dpa

Das Resultat des neuen vom E-Zigarettenhandel initiierten Gutachtens, das der WirtschaftsWoche vorliegt, kommt zu ganz anderen Ergebnissen als alle bisher verfügbaren Studien: Die getesteten Stoffe liegen laut Prüfbericht unterhalb der Nachweisgrenze. Der VdeH interpretiert das so: Die neue „Studie“ beweise: „E-Zigaretten stellen keine Belastung für die Raumluft oder Nichtraucher in der Umgebung dar.“

Für viele Forscher, die den neuen Trend sehr kritisch unter die Lupe nehmen, ist diese vom VdeH als Studie titulierte Untersuchung noch sehr dünn. So fehlt Martina Pötschke-Lange, der Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention im Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, eine wissenschaftliche Veröffentlichung der Daten.

Pötschke-Langer hält das Inhalieren von Propylenglykol für brandgefährlich: „Wer würde schon freiwillig Frostschutzmittel inhalieren“, fragte die Krebsforscherin kürzlich in einem Interview mit der Wirtschaftswoche. Genau das machten all jene Nutzer von E-Zigaretten, denn die darin vernebelte Nikotinlösung besteht laut Pötschke-Langer zu 90 Prozent aus der Trägersubstanz Propylenglycol.

Und das sei nichts anderes als Frostschutzmittel. Tatsächlich kommt Propylenglykol als solche zum Beispiel in Sonnenkollektoren, Hydraulikanlagen und Wärmepumpen zum Einsatz.

Datenlage ist unzureichend für eine Freigabe

Auch für Dennis Nowak, den früheren Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie,  hat die kritische Einschätzung seines Verbandes und des DKFZ „unverändert und uneingeschränkt Bestand“. Nowak, der  das Institut und die Poliklinik für Arbeits- und Umweltmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet, hält die aktuelle Datenlage für völlig unzureichend für eine "Freigabe" des E-Schmauchens.

Interessanterweise betrachtet selbst das Labor, das die Daten für den E-Zigarettenverband erhoben hat, die Ergebnisse nicht als Studie: „Bei unserem Prüfbericht handelt sich nicht um eine toxikologische Studie, sondern  um eine analytische Untersuchung der genannten Verbindungen", betont Christophe Goldbeck, Leiter Produktsicherheit der Wessling GmbH.

„Eine Beurteilung dieser Ergebnisse wurde nicht beauftragt und daher auch nicht durchgeführt“, so Goldbeck. Sein Labor hatte Mitte Januar die Ausatemluft von sechs Probanden untersucht und dazu zuvor in eine Gaswaschflasche geleitet. Das Prinzip der Untersuchungsmethode erläutert Goldbeck so: "Alle Stoffe, die untersucht werden sollten, sind wasserlöslich; insofern können die Verbindungen aus dem Wasser analysiert werden.“

Methode mit Schwächen

Eine E-Zigarette Quelle: dpa

Allerdings sehen andere Forscher genau in der Wasserwäsche ein Manko, etwa Tunga Salthammer, der Fachbereichsleiter Innenluftchemie und Partikeldynamik am Fraunhofer Wilhelm-Klauditz-Institut in Braunschweig. Er misst mit seiner Arbeitsgruppe derzeit ebenfalls Substanzen, die beim E-Dampfen entweichen, allerdings bestimmen seine Mitarbeiter sie direkt im Luftgemisch.

Gegen die Gaswäsche hat Salthammer Vorbehalte, denn wie bei einer Wasserpfeife, durch die der Rauch hindurch gezogen wird, bleibe eventuell nur ein Teil der Inhaltstoffe im Wasser zurück, meint der Chemiker. Bei der Wasserpfeife ist tatsächlich ganz leicht mit bloßem Auge zu erkennen, wie die die Gaswäsche funktioniert: Je länger geschmaucht und geblubbert wird, desto stärker färbt sich das Wasser braun.

Genauso offensichtlich ist aber auch: Ein gewisser Teil des auf der einen Seite verbrannten Tabaks kommt trotz Wasserbad noch dort an, wo der Wasserpfeifenraucher auf der anderen Seite genussvoll saugt.

Zu kurze Nutzung für Normen und Standards

Weshalb das Wessling-Labor die Stoffe nicht direkt in der Gasphase gemessen hat, erkläre sich daraus, dass die Methode für solch eine Fragestellung üblich und geeignet sei. Nach Stand der Technik sei sie das ideale Verfahren, um Giftstoffe im E-Zigaretten-Dampf zu analysieren, teilte das Unternehmen mit.

Forschung



Das Problem dabei ist: Die ersten E-Zigaretten wurden vor knapp sechs Jahren aus China nach Europa importiert. Für Analyse-Standards und DIN-Normen ist das ein relativ kurzer Zeitraum. Und deshalb gibt es noch keine verbindlichen Regeln, wie beispielweise der E-Dampf untersucht werden soll.

Auch wie die anschließende gesundheitliche Bewertung von Statten gehen soll und welche Methoden sich dafür am besten eignen, müssen Labors und Forschergruppen in nächster Zeit erst dringend noch herausfinden.

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