Gesundheit Verheerende Bilanz für neue Medikamente

Seit Anfang des Jahres 2011 bewertet das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) den Zusatznutzen von neuen Medikamenten. Über die Hälfte der Präparate fiel dabei durch.

Was gegen Erkältung hilft - und was nicht
Fast jedes dritte von rund 2000 überprüften rezeptfreien Medikamenten ist laut Stiftung Warentest wenig gegen Erkältungen geeignet. Darunter fallen bekannte Mittel gegen Erkältung, Schnupfen, Halsentzündung, Verstopfung, Durchfall oder Insektenstiche. Oft schneiden die Kombinationen verschiedener Wirkstoffe schlecht ab, etwa von Schmerzmitteln und anregenden Mitteln in Erkältungsmedikamenten. In anderen Fällen bemängeln die Tester hohen Alkoholgehalt etwa bei einem Erkältungsmittel für die Nacht oder ungeeignete Zusammenstellungen bei Tabletten gegen Halsinfektionen. Die 2000 rezeptfreien Medikamente sind Teil einer umfassenderen Datenbank von Stiftung Warentest mit Arzneimitteln. Quelle: dpa
Bei Erkältung und Grippe hat die Apotheke so einiges an rezeptfreien Mitteln zu bieten. Doch viele halten nicht, was sie versprechen. Aspirin Complex Granulat: Nicht sinnvolle Kombination aus einem Schmerzmittel und einem anregenden Mittel, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird. Doregrippin Tabletten: Wie beim Aspirin Complex Granulat stuft die Stiftung Warentest die Kombination der Mittel als nicht sinnvoll ein. Grippostad C Kapseln: Enthält ein müde machendes Antihistaminikum, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird. WICK DayMed und MediNait (Kapseln und Getränke): Nicht sinnvolle Kombination unter anderem aus einem Schmerzmittel, einem Hustenmittel und einem anregenden Mittel. Alternative: Die einzelnen Erkältungssymptome sollten besser getrennt behandelt werden. Gegen Schmerzen und Fieber reicht Parazetamol allein. Bei Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher. Quelle: Fotolia
Schnupfen und AllergienRhinopront Kombi Tabletten: Wenig geeignet bei Schnupfen. Nicht sinnvolle Kombination an Mitteln. Reactine duo Retardtabletten: Hilft kaum bei allergischem Schnupfen. Wenig sinnvolle Kombination aus einem Antihistaminikum und einem anregenden Stoff, der über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird und dabei auch die Schleimhäute abschwillt. Bei Daueranwendung kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. Alternative: Tabletten, Tropfen oder Saft mit Cetirizin oder Loratadin sollen bei akuten Allergie-Beschwerden helfen. Cromoglizinsäure als Nasenspray zur Vorbeugung (früh genug mit der Behandlung beginnen, unkonservierte Präparate bevorzugen). Bei einem normalen Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher. Quelle: dpa
Nahrungsergänzungsmittel mit Zink und Vitamin C sollen das Immunsystem unterstützen. Natürlich braucht der Körper bestimmte Nährstoffe, damit das Abwehrsystem gegen Bazillen und Viren funktioniert. Doch Vitamin C- und Zinktabletten können Erkältungen nicht heilen oder gar verhindern. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für den Nutzen der bunten Pillen. Die Zufuhr ist normalerweise über die Ernährung sichergestellt, Mangelzustände an Vitamin C und Zink kommen in Deutschland nur selten vor. Gute Vitamin C-Lieferanten sind zum Beispiel Orangensaft, Brokkoli, Kiwi oder rote Paprika. Zink ist zum Beispiel in Fleisch, Ei, Vollkorn- und Milchprodukten enthalten. Die empfohlene Tagesdosis wird etwa bereits durch ein Stück Rindfleisch (150 Gramm) und ein Glas Milch gedeckt. Quelle: dpa
Doch nicht nur gegen Erkältungssymptome gibt es rezeptfreie Mittelchen, die leider nichts bewirken. Auch gegen andere Wehwehchen ist nutzloses Kraut gewachsen... Quelle: dpa
SchürfwundenBrand- und Wundgel Medice: Das Gel ist laut Stiftung Warentest wenig zur Wundpflege geeignet. Die therapeutische Wirksamkeit ist nicht ausreichend nachgewiesen. Zudem kann der Inhaltsstoff Benzethonium leicht Allergien auslösen. Alternative: Leichten Verbrennungen mit unverletzter Haut unter fließendem Wasser schnell kühlen. Offene Wunden sollten aber nicht selbst behandelt werden. Pyolysin Salbe: Auch diese Salbe für oberflächliche Wunden verfehlt ihre Wirkung. Alternative: Povidon-Jod-Lösung eignet sich zum Desinfizieren, Dexpanthenol-Salbe zur Pflege bei oberflächlichen Schürfwunden. Quelle: Fotolia
HalsschmerzenDobendan Strepsils Dolo bzw. Dolo-Dobendan Lutschtabletten: Die Kombination der Inhaltsstoffe ist nicht sinnvoll: Antiseptika wie Cetylpyridiniumchlorid sind gegen Viren nur lückenhaft oder gar nicht wirksam. Bakterien in tieferen Schleimhautschichten werden zudem nicht erreicht. Das schmerzstillende Benzokain kann leicht Allergien hervorrufen. Dorithricin Lutschtabletten/ Lemocin Lutschtabletten: Auch diese Tabletten helfen nicht wirklich gegen Entzündungen im Hals. Das Antibiotikum Tyrothrizin wirkt nur oberflächlich und erreicht Bakterien in tieferen Gewebeschichten nicht. Auch hier ist das schmerzstillende Benzokain enthalten, das leicht Allergien auslösen kann. Locabiosol 0,125 mg Spray: Die therapeutische Wirksamkeit des Antibiotikums Fusafungin bei Halsinfektionen ist nicht ausreichend nachgewiesen. Die Anwendung als Spray kann bei empfindlichen Personen zu Asthmaanfällen führen. Alternative: Halsentzündungen werden häufig durch Viren verursacht, bei denen Antibiotika nicht wirken. Zuckerfreie Halsbonbons befeuchten die Schleimhäute und  können Schluckbeschwerden lindern. Lutschtabletten mit Ambroxol oder Lidokain wirken schmerzstillend. Quelle: Fotolia

Für die Pharmaindustrie ist das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln ein rotes Tuch. Das 2004 gegründete Institut bewertet seit Anfang des Jahres 2011 bei fast allen Arzneimitteln mit einem neuen Wirkstoff, ob es sich um eine echte Innovation oder um eine sogenannte Scheininnovation handelt, die gegenüber bereits verfügbaren Präparaten keinen Zusatznutzen hat. Von der Einschätzung des IQWiG hängt auch der spätere Preis ab, den die gesetzlichen Krankenkassen erstatten.

Tatsächlich sieht die Bilanz nach knapp zwei Jahren verheerend aus: Von 48 insgesamt bewerteten neuen Medikamenten konnten die Kölner Prüfer nur bei 22 einen Zusatznutzen ausmachen. Über die Hälfte der neuen Präparate fiel dagegen durch: Bei 23 Mitteln war laut IQWiG „keinerlei Zusatznutzen“ festzustellen, und bei drei Mitteln sei der Nutzen laut IQWiG sogar „geringer“ als bei bisherigen Therapien.

Im Klartext: Diese neuen Mittel richten nach IQWiG-Einschätzung mehr Schaden als Nutzen an und sind schlechter als die Mittel, die heute bereits zugelassen sind. Bewertet wurden neue Arzneimittel gegen Krebs, Diabetes, Multiple Sklerose und andere schwere Krankheiten. Einige Firmen hätten ihre Medikament wieder vom deutschen Markt genommen, nach dem der Zusatznutzen nicht belegt werden konnte, darunter ein Epilepsie-Mittel. Damit weiterbehandelt werden lediglich die Patienten, die schon auf das neue Medikament eingestellt wurden.

Und auch bei den 22 Mitteln mit Zusatznutzen fielen sechs in die Kategorie „geringer Zusatznutzen“. Bei elf der neuen Mittel sei das mehr an Nutzen immerhin „beträchtlich“. Aber nur drei der insgesamt 48 Mittel attestierte das IQWiG, einen „erheblichen Zusatznutzen“ zu besitzen. Elf hätten immerhin noch einen "beträchtlichen" Nutzen.

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Seit einer Arzneimittelreform 2011 müssen Hersteller für Mittel mit neuen Wirkstoffen bei Markteinführung Nachweise über den Zusatznutzen vorlegen. Der Gemeinsame Bundesausschuss von Krankenkassen, Ärzten und Kliniken entscheidet dann auf Basis der Expertise des unabhängigen IQWiG, ob und welchen Zusatznutzen ein neues Präparat tatsächlich hat und unter welchen Voraussetzungen es verordnet werden darf.

Der Chef des IQWIG, Jürgen Windeler, will nun auch medizinische Produkte wie Herzschrittmacher, Implantate und Prothese früher nach ihrem Nutzen bewerten. "Es ist überhaupt nicht zu begründen, warum Arzneimittel anders und strenger behandelt werden als Medizinprodukte, die ja den gleichen Zweck verfolgen wie Medikamente", sagte Windeler gegenüber "Welt Online. So fordern auch die Krankenkassen eine schärfere Zulassung von Medizinprodukten - diese unterliegt allerdings dem EU-Recht.

(Mit Material von dpa)

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