Grippeimpfstoff Forscher wollen Evolution von Grippeviren voraussagen

Jährlich sterben etwa eine halbe Million Menschen an Grippe. Ein deutsch-amerikanisches Forscherpaar könnte nun im Wettlauf gegen die Erreger einen wichtigen Erfolg erzielt haben.

Was hinter den Gerüchten rund um Grippe und Erkältung steckt
Wer nießende und hustende Menschen meidet, ist vor Grippeviren sicher„Willst du mal von meinem Teller probieren? Ich bin nicht krank.“ – Diesen Worten sollte niemand trauen. Denn schon 48 Stunden vor dem Grippe-Ausbruch sind Menschen ansteckend und bis zu fünf Tagen danach. „Keine Sorge, ich bin wieder gesund“ ist deshalb genauso argwöhnisch zu betrachten. Quelle: obs
Nasensprays machen süchtigTatsächlich sollte abschwellendes Nasenspray nicht länger als fünf Tage hintereinander verwendet werden. Denn mit der Zeit tritt ein gegenteiliger Effekt auf: Anstatt die Nasenschleimhaut abschwellen zu lassen, lässt das Nasenspray sie dann anschwellen. Um wieder Luft zu bekommen sprühen Betroffene immer häufiger nach – und kommen so vom Medikament nicht mehr los. Dieser Suchtfaktor tritt auch bei leichteren Nasensprays für Kinder auf. Quelle: dpa
Eine Grippe-Impfung kann erst recht zur Grippe führenBei einer Grippe-Impfung bekommen Menschen Grippe-Viren gespritzt. Viele meiden daher eine Impfung, da sie befürchten als Nebenwirkung erst recht eine Grippe zu bekommen. Dies ist jedoch ein Irrtum, da tote Grippe-Viren gespritzt werden, die inaktiv sind und sich nicht im Körper vermehren. Quelle: dpa
Wer sich impfen lässt, muss sich keine Sorgen machenEine Impfung schützt nie zu 100 Prozent, sondern bei gesunden Erwachsenen zwischen 70 und 90 Prozent. Bei Älteren senkt eine Impfung die Infektionswahrscheinlichkeit um 60 Prozent. Quelle: dpa
Vor allem chronisch Kranke und ältere Menschen sind gefährdetEin Blick auf die Statistik entpuppt dieses Gerücht als Irrtum. Die Hälfte aller Grippekranken sind berufstätige Erwachsene.  Da eine Grippe jeden treffen kann, ist eine Impfung um so wichtiger. Quelle: dpa
Nach einer Grippe bleibt man erstmal verschontDies gilt nur in einem gewissen Maße, da sich Grippeviren ständig verändern. Daher hält eine Impfung auch nur zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Quelle: dpa
Wer nicht früh genug impft, kann es gleich sein lassenTatsächlich dauert es zwei bis drei Wochen bis eine Impfung wirkt. Aber zu spät ist besser als nie. Schließlich geht die Grippesaison meist bis Ende März. Am besten ist es, sich zwischen September und November zu impfen. Quelle: dpa
Vitamin C beugt Erkältungen vorStudien zeigen, dass Vitamin-C-Pillen Erkältungen weder verhindern noch verkürzen. Stattdessen kann übermäßige Vitamin-C-Einnahme  zu unerwünschten Nebenwirklungen führen, wie Durchfall. Quelle: AP
Antibiotika helfen gegen GrippeAntibiotika bekämpfen zwar Bakterien, sind jedoch gegenüber Grippeviren machtlos. Auch antivirale Medikamente können eine Grippe maximal ein bis zwei Tage verkürzen – und das nur, wenn sie innerhalb von 48 Stunden nach der Ansteckung eingenommen werden. Quelle: dpa
Mit einer leichten Erkältung können Kinder trotzdem zu Schule gehenDas stimmt. Allerdings sollten Kinder mit starken Beschwerden oder Fieber auf jeden Fall zu Hause bleiben, um sich auszukurieren  und Mitschüler und Lehrer nicht anzustecken. Quelle: dpa
Bei einer Erkältung hilft viel TrinkenDafür, dass es hilft, wenn Kranke mehr Flüssigkeit einnehmen, als ihr Durst verlangt, gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Widerlegt wurde das Gerücht jedoch auch nicht. Quelle: AP

Wissenschaftler aus Köln und New York haben gemeinsam ein Modell erarbeitet, um die Evolution von Grippeviren von einem Jahr auf das nächste vorauszusagen. Dieses könnte künftig dabei helfen, passendere Grippeimpfstoffe herzustellen. Es handele sich bei seiner Arbeit um Grundlagenforschung, sagte der Kölner Professor Michael Lässig der Nachrichtenagentur dpa. „Bis man beweisen kann, dass das Modell tatsächlich zu verbesserten Impfstoffen führt, ist es noch ein langer Weg.“ Der Physiker und die Biologin Marta Luksza von der Columbia University in New York stellen ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature“ vor.

Das Bild der Universität Köln zeigt Professor Michael Lässig. Nach einem Bericht in der Fachzeitschrift «Nature» haben Forscher aus Köln und New York ein neues Modell erarbeitet, um die Evolution von Grippeviren von einem Jahr auf das nächste vorherzusagen. Quelle: dpa

„Luksza und Lässig konnten vorhersagen, welche Virenstämme die optimale Kombination aus Innovation und Erhaltung haben“, heißt es in der Pressemitteilung der Universität zu Köln. Grundlage dafür sei das von Charles Darwin beschriebene Evolutionsprinzip, wonach nur die fittesten Individuen überleben. Aber was bestimmt die Fitness eines Grippevirus?

„Bekommt ein Mensch die Grippe, wird er als Individuum für den Rest seines Lebens gegen diesen Grippestamm immun“, sagte Lässig. Das bedeute, jeder Grippestamm könne jeden Menschen nur einmal infizieren. Würde sich der Grippestamm also nicht verändern, gingen ihm nach und nach die Wirte aus, da er jeden nur einmal nutzen könne. Das Virus verändere also ständig seine Eigenschaften. Damit kann das menschliche Immunsystem das Virus nicht mehr erkennen und der Mensch bekommt wieder eine Grippe.

„Erfolgreiche Mutanten sind jedoch auch konservativ, sie müssen alle wichtigen Funktionen des Grippevirus erhalten“, schreibt die Kölner Uni. Lässig ergänzt: „Anhand von Genomdaten können wir vorhersagen, welches Virus eine höhere Fitness hat als andere.“

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Die Methode ermöglicht nach Uni-Angaben eine neue, systematische Auswahl von Impfstämmen. Inwieweit das zu verbesserten Impfstoffen führt, wird sich jedoch erst nach weiteren umfangreichen Tests mit weltweiten Influenza-Daten zeigen. Es gehe bei der Forschungsarbeit auch um die grundsätzliche Frage, ob aus der Evolutionsbiologie eine vorhersagende Wissenschaft gemacht werden könne, sagt Lässig. „In einigen glücklichen Fällen ja, sicher aber nicht für alles.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beobachtet die Evolution der Grippeviren seit 60 Jahren und wählt jeweils auf dieser Grundlage Grippe-Stämme für die Produktion von Impfstoffen aus. Da sich das Virus schnell verändert, ist dies eine schwierige Herausforderung für die weltweite Gesundheitsvorsorge. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) in Berlin hatte beispielsweise der Grippe-Impfstoff für die Saison 2012/2013 nur eine „moderate“ Wirksamkeit in Deutschland.

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