Grüne Pioniere Gewürzt mit Licht

Der japanische Forscher Hiroyuki Watanabe züchtet das wohl unnatürlichste Biogemüse der Welt.

In japanischen Treibhäusern entsteht der Salat der Zukunft. Er soll besser schmecken und gesünder sein Quelle: AP

Yumesai – ein Traum von Gemüse: Mit diesem japanischen Kunstwort werben frische grüne Salate für sich. Neben dem Markennamen leuchtet auf den transparenten Verpackungen ein Emblem aus roten, grünen und blauen Herzchen mit den drei Buchstaben LED. Eine Kundin greift nach einer der Packungen: „Den Rucola mag sogar mein kleiner Sohn, weil er so mild ist“, erzählt sie. Außer der Rauke ohne Bitterstoffe hat der Supermarkt Odakyu OX am Bahnhof Tamagawamae nahe Tokio noch drei andere Blattsalate mit genau definiertem Geschmack im Angebot, darunter einen hellgrünen Kopf mit besonders knackigen Blättern und eine rotfarbige Sorte mit mehr Vitaminen.

Erfunden hat dieses traumhafte Grünzeug Hiroyuki Watanabe. Der 54-jährige Agrarwissenschaftler arbeitet nur wenige Hundert Meter weiter auf dem Campus der Universität Tamagawa. Dort erforscht der Professor den Einfluss von Licht aus Leuchtdioden, den LEDs, auf das Wachstum, den Geschmack und die Inhaltsstoffe von Salat und Gemüse. Und zwar in hermetisch abgeschlossenen Treibhäusern, unter streng kontrollierten Bedingungen. Inzwischen kann er durch Licht ausgewählter Wellenlängen Süße und Bitterkeit, Struktur und Gehalt an Vitaminen und Nährstoffen beeinflussen – er schmeckt sein Gemüse quasi mit Licht ab. Der Japaner zählt zu den Pionieren einer agrartechnischen Revolution, die keine Pestizide braucht, Dünger spart und kaum Ausschuss erzeugt. Heraus kommt das perfekteste, aber wohl unnatürlichste Biogemüse, das derzeit zu haben ist.

Salat aus dem High-Tech-Treibhaus

Jetzt stehen die hochgezüchteten Treibhäuser vor dem kommerziellen Durchbruch. Japan ist der Vorreiter. Dort gibt es über 150 Fabriken, in denen Gemüse, abgeschottet von der Außenwelt, damit fast keimfrei unter künstlichem Licht und in einer Nährstofflösung aufwächst. Die High-Tech-Gärtner recyceln das verwendete Wasser und reichern die Luft häufig mit Kohlendioxid an, damit die Pflanzen mehr Fotosynthese betreiben können. Hochdrucknatrium-, Neon- oder eben immer häufiger LED-Glühlampen erzeugen das Licht.

Diese Lebensmittel sollten Sie besser Bio kaufen
Saftig, knackig, gesund? Obacht, meint die Umweltorganisation Greenpeace, denn frisches Obst und Gemüse enthält nicht nur viele Vitamine, Ballast- und Mineralstoffe, sondern bringt auch unerwünschte Substanzen auf den Tisch. Das ergab eine aktuelle Auswertung von mehr als 22.000 Proben der deutschen Lebensmittelüberwachung aus den Jahren 2009 und 2010. Die Ergebnisse, in einem Einkaufsratgeber für Obst und Gemüse zusammengefasst, sind nicht immer appetitlich... Quelle: AP
PaprikaAuch wenn momentan darüber diskutiert wird, dass Bio-Lebensmittel nur wenig gesünder als konventionelles Essen sind: Sicher ist, dass sie bei der Belastung mit Pestiziden deutlich besser abschneiden. Die Auswertung von Greenpeace hat ergeben, dass vor allem Paprika aus der Türkei die gesundheitlich bedenklichen Konzentrationen besonders häufig überschreitet. Über 20 Pestizide fanden die Experten in dem Gemüse. Das Online-Magazin „Utopia“ berichtet davon, dass beim Paprikaanbau oft die gefährliche Chemikalie Ethephon verwendet wird, um das Gemüse schneller einzufärben. Im menschlichen Körper soll Ethephon wie ein Nervengift wirken. Quelle: dpa
TafeltraubenAuch Tafeltrauben aus der Türkei enthalten im Schnitt zu viele Pestizide. Darauf weist neben Greenpeace auch das Bundesamt für Verbraucherschutz hin. Nicht selten lassen sich Spuren von zehn Pestiziden in den Trauben nachweisen. Bei Tafeltrauben aus Deutschland sind es im Schnitt weniger als fünf. Quelle: dpa
BirnenUnd auch in Birnen, die aus der Türkei importiert werden, finden sich Substanzen, die den Umweltschützern Sorgenfalten auf die Stirn treiben. In ihrer Analyse konnten die Greenpeace-Experten im Schnitt zehn Pestizide finden. Quelle: ZB
GrünkohlAuch wenn das Wintergemüse Grünkohl nicht jedermanns Sache ist: spätestens wenn man sich die Belastungen mit Pestiziden ansieht, kann einem der Appetit vergehen, denn häufig werden die gesetzlichen Höchstmengen für Pflanzenschutzmittelrückstände überschritten. Quelle: dpa
WeinblätterOb türkisch, griechisch oder orientalisch: Weinblätter bereichern die mediterrane Küche. Allerdings sind auch sie besser mit Vorsicht zu genießen. Darauf weist die Zeitschrift „Ökotest“ hin. Das Fazit ihrer Untersuchung: Häufig lauern in den grünen Blättern so viel chemische Stoffe, dass sie den unbeschwerten Genuss völlig verderben. Die Zeitschrift sprach ein vielen Fällen sogar eine Nicht-Kauf-Empfehlung aus. Wer trotzdem darauf zurückgreifen möchte, sollte es auf jeden Fall Bio kaufen. Quelle: dpa
Kirschen Hohe Rückstände von Pflanzenschutzmitteln tauchen regelmäßig auch in Süß- und Sauerkirschen auf. Von Kirschen aus konventionellem Anbau sollte man lieber die Finger lassen und sie statt dessen aus Nachbars Garten oder vom Biomarkt naschen. Quelle: gms

Der niederländische Elektronikkonzern Philips ist bereits in das Geschäft eingestiegen und bietet spezielle LED-Lampen für die Gemüsefabriken an. Und der Informationstechnik-Riese Fujitsu hat seine Reinraumtechnik aus der Chipfertigung an die Treibhäuser angepasst. Auch außerhalb Japans setzen immer mehr Bauern auf die Technik, etwa in den USA.

"Fabrikgemüse wird den Feldanbau nicht vollständig ersetzen"

Die produktivste Salatfabrik für 15 Millionen Euro steht seit 2008 in Kyoto; sie spuckt täglich 20 000 Köpfe oder eine Tonne Salat aus. Die Pflanzen benötigen 99 Prozent weniger Wasser und drei Viertel weniger Dünger als im Freiland. Da sie in Etagen übereinander wachsen, sinkt der Flächenverbrauch. In Japan wurden die Fabriken nach der Atomkatastrophe von Fukushima populär.

„Fabrikgemüse wird den Feldanbau nicht vollständig ersetzen, aber einen Anteil von 10 bis 20 Prozent bei bestimmten Sorten halte ich für realistisch“, meint der Ökopionier Watanabe. Die neuen Agrarfabriken lassen in den Industrieländern die Grenze zwischen Stadt und Land verschwimmen. In Japan, das ständig von Unwettern heimgesucht wird und unter notorischem Platzmangel leidet, erscheinen die Indoor-Farmen als ideale Lösung. Die Anlagen könnten direkt neben Einkaufszentren stehen und durch die wetterunabhängige Erzeugung die Agrarpreise stabilisieren. „In Wüstengebieten und Entwicklungsländern könnten sie helfen, den Bedarf an Frischgemüse zu decken“, erläutert Watanabe.

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