Hanf als Medizin Boom bei Cannabis auf Rezept lässt nach

Mehr als 7000 Patienten in Deutschland bekommen Cannabis auf Rezept. Doch das anfängliche Wachstum der Nachfrage schwächt sich ab.

Unverarbeitete Cannabisblüten wurden in Deutschland seit der Freigabe zum medizinischen Einsatz März 2017 am wenigsten verordnet. Vor allem Fertigarzneimittel waren gefragt. Quelle: AP

FrankfurtSeit bald einem Jahr haben schwer kranke Patienten in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen einen Anspruch auf die Erstattung von Cannabis-Medikamenten durch die gesetzliche Krankenversicherung: Seit März vergangenen Jahres ist das entsprechende Gesetz in Kraft. Rund 3500 Rezepte wurden direkt im März vergangenen Jahres ausgestellt, bis Oktober erhöhte sich die Zahl um mehr als das Doppelte auf rund 7300 Rezepte. Das zeigen aktuelle Zahlen des Marktforschungsinstituts IQvia.

Nach zweistelligen Zuwachsraten bis in die Sommermonate vergangenen Jahres hinein hat sich die Wachstumskurve zuletzt allerdings abgeschwächt. Im Oktober etwa stiegen die Zahlen der abgerechneten Rezepte noch um etwa fünf Prozent. Die Forscher von IQVia (vormals IMS Health) führen das unter anderem auch auf die Ablehnung eines Teil der Anträge durch die gesetzlichen Krankenkassen zurück.

Vor der Freigabe von Cannabis zu medizinischen Zwecken hatten rund 1000 Patienten in Deutschland eine Ausnahmegenehmigung. Eine bundesweite Statistik über Patientenzahlen, die Cannabis mittlerweile verordnet bekommen, gibt es in Deutschland nicht. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen ist auf die Erhebungen seiner Mitgliedskassen angewiesen, von denen allerdings auch nicht alle melden.

Nach den letzten verfügbaren Zahlen von September lagen mehr als 10.000 Anträge auf Genehmigung der Versorgung mit Cannabinoiden vor. Konkret spricht der GKV-Spitzenverband von einer Zahl im niedrigen fünfstelligen Bereich. Etwa 57 Prozent wurden damals von den Krankenkassen, die ihre Zahlen übermittelten, genehmigt. Viele Kassen gaben als Problem an, dass die Anträge nicht vollständig oder fehlerhaft waren.

Ob Cannabis als Therapie in Frage kommt, entscheidet der Arzt. Bei der ersten Verordnung muss die Kostenübernahme vorab von der Krankenkasse genehmigt werden. Die Krankenkassen dürfen die Kosten nur unter sehr eng gefassten Voraussetzungen übernehmen. Dazu gehört, dass es sich um eine schwerwiegende Erkrankung handelt, bei der es zu einer Behandlung mit Cannabis-Arzneimitteln keine Alternative gibt.

Außerdem muss es eine Aussicht darauf geben, dass sich der Krankheitsverlauf oder schwerwiegende Symptome positiv beeinflussen lassen. Nach Aussage des GKV-Spitzenverbandes bezog sich die Mehrheit der gestellten Anträge im vergangenen Jahr auf die Behandlung von Schmerzen.

In Deutschland werden verschiedene Cannabis-Medikamente angeboten, aber auch die Blüten kommen zum Einsatz. Nach den Zahlen von IQvia entfällt das Gros der abgerechneten Rezepte (51 Prozent im Oktober 2017) aber auf Fertigarzneimittel wie etwa das Spray Sativex, das vielfach bei Multiple-Sklerose-Patienten eingesetzt wird oder das Medikament Canemes. Die Kapseln sind zugelassen zur Behandlung von erwachsenen Krebspatienten mit Übelkeit und Erbrechen infolge einer Chemotherapie.

Cannabishaltige Zubereitungen mit dem Wirkstoff Dronabinol, den die Firma Bionorica vertreibt, wurden am zweihäufigsten verordnet: Im Oktober 2017 waren das etwa 35 Prozent der Rezepte. Unverarbeitete Cannabisblüten werden von den Ärzten am wenigsten verordnet: Im Oktober 2017 wurde sie knapp 1000 mal per Rezept verordnet. Allerdings wurde in der Branche im vergangenen Jahr auch zwischenzeitlich von Lieferengpässen bei Cannabis-Blüten berichtet.

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