WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Health-i Award Mauern einreißen

Beim Health-i Award in Berlin haben die Krankenkasse „Die Techniker“ und das Handelsblatt gemeinsam innovative Lösungen für die Digitalisierung des Gesundheitswesens ausgezeichnet.

Health-i-Schriftzug an der Musikbrauerei Berlin – dort fand am Donnerstagabend die Preisverleihung statt. Quelle: Marc-Steffen Unger für Handelsblatt

BerlinEs gibt Menschen, die gründen eine Firma, weil sie gern Unternehmer wären. Und es gibt solche, die werden Unternehmer, weil sie etwas in der Welt verändern möchten. Hanna Jakob und Mona Späth gehören zur letzteren Kategorie. Die beiden Sprachtherapeutinnen waren so empört über die Art und Weise, wie Patienten in Deutschland nach einem Schlaganfall behandelt werden, dass sie kurzerhand beschlossen, die Sprechtherapie zu digitalisieren.

„Wir hatten im Studium gelernt, was theoretisch alles möglich ist. In der Praxis saßen wir dann da mit Papierblättern. Das war total frustrierend“, erzählt Jakob. Mit der App Neolexon könnten Therapeuten individueller auf Patienten eingehen, deren Sprachvermögen nach einem Schlaganfall beeinträchtigt ist.

Außerdem könnten die Betroffenen nun auch zu Hause gefördert werden – und zwar so oft wie nötig und möglich. Bislang erhalte ein Schlaganfallpatient im Schnitt nur eine einzige Stunde Therapie pro Woche.

Für ihre Idee gewannen Späth und Jakob den ersten Preis in der Kategorie „Junge Talente“ beim Health-i Award, den die Krankenkasse Die Techniker und das Handelsblatt zum zweiten Mal gemeinsam verliehen haben. „Wir wollen Gründern und Innovatoren eine Plattform geben“, begründet Sven Afhüppe, Chefredakteur des Handelsblatts, die Initiative. Techniker-Chef Jens Baas wünscht sich, dass auf diesem Weg mehr gute Ideen ihren Weg ins Gesundheitswesen finden. „Es gibt Leute im Gesundheitssystem, die wollen gar nicht, dass sich etwas ändert“, sagte Baas im Rahmen der Preisverleihung in der Berliner Musikbrauerei. Wenn man die Digitalisierung voranbringen wolle, müsse man erstmal die Mauern zwischen den Akteuren einreißen, betonte Baas, einander besser kennenlernen.

Die Techniker versucht dies auch im Rahmen ihres Accelerator-Programms, an dem auch Neloxon teilgenommen hat. Unterstützung konnten die beiden Wissenschaftlerinnen, die nebenbei noch ihre Doktorarbeit schreiben, vor allem bei der Unternehmensführung gebrauchen: „Wir waren durch und durch Therapeutinnen. Präsentieren, Rausgehen, Auf-der-Bühne-stehen, das war für uns erstmal ungewohnt“, erzählt Späth. Jetzt seien sie der Beleg dafür, „dass man auch ohne BWL-Kenntnisse gründen kann, nur mit Wikipedia.“

Es sind oftmals die Forschertypen, die inhaltlich Getriebenen, die im Gesundheitswesen gründen. Dazu gehört auch Tom Renneberg, Geschäftsführer von Esanum und erster Preisträger in der Kategorie Unternehmen. Esanum ist ein Netzwerk von Ärzten für Ärzte. Mediziner können sich austauschen und informieren – zum Beispiel über seltene Krankheiten. Anfangs habe er das Forum nur für seinen Onkel aufsetzen sollen, der Chefarzt einer Gynäkologie-Station sei, erzählt Renneberg, selbst ein studierter Molekular-Genetiker. Inzwischen führt er bei Esanum rund 50 Mitarbeiter. Europaweit seien 300.000 Kollegen registriert. In Deutschland seien es 80.000. „Die deutschen Ärzte behalten die besten Behandlungsmethoden gerne für sich“, sagt der Unternehmer. Dabei scheint gerade dies der Schlüssel zu mehr Fortschritt und Effizienz im Gesundheitswesen zu sein: Das Teilen von Informationen.


Start-up „Peak Profiling“ überzeugt beim Pitch

Auch in der Kategorie Start-ups, in der vier Gründer auf der Bühne um Platz eins pitchen mussten, ging es hauptsächlich um das Messen und das Teilen von Daten. Ob Medipee, ein Gerät, das die Urinprobe zu Hause erleichtert, Midge Medical, ein Bluttest für unterwegs, oder Lime Medical, ein Gerät, das die Hand von Verletzten in der Klinik und zu Hause individuell trainiert – bei allen Ideen geht es darum, dass Test-oder Trainings-Ergebnisse ohne aufwändige Wege digital verfügbar gemacht und auf Wunsch an den Arzt übermittelt werden können. Sie können damit nicht nur für eine individuellere und effizientere Behandlung sorgen,  sondern - durch das Sammeln und Analysieren großer Datenmengen – auch für Erkenntnisse, die über den Nutzen für den Einzelnen hinausgehen.

Gemeinsam haben viele dieser Unternehmen übrigens nicht zuletzt das Interesse an der Zusammenarbeit mit den Krankenkassen – nur wenn die Kosten für ihre Lösungen vom Gesundheitssystem getragen werden, lohnt sich der Aufwand.

Am meisten überzeugen konnte beim Pitch-Wettbewerb das Start-up Peak Profiling: Claudio Hasler und seine Kollegen vertreiben eine Anwendung, die mittels Stimmanalyse psychische Krankheiten wie ADHS oder Depressionen diagnostizieren kann. Damit könnten Behandlungserfolge besser gemessen, Über- oder Unterdiagnosen reduziert werden, Prävention betrieben und insgesamt viel Geld im Gesundheitswesen eingespart werden, warb Hasler für das Unternehmen.

Techniker-Chef und Jury-Mitglied Jens Baas wollte wissen, ob sich das Analyse-Tool in erster Linie als Hilfsmittel für Ärzte verstehe – oder als Instrument für die Eltern von ADHS-Kindern, um die Diagnose der Ärzte zu überwachen? Das Interesse  von Privatpersonen sei groß, bestätigte Hasler, im Vertrieb konzentriere man sich dennoch auf Ärzte und Pharmafirmen.

Auf die Information der Patienten konzentriert sich hingegen Marie-Luise Dierks, die von der Jury des Health-i Award zur Persönlichkeit des Jahres gewählt worden ist. Dierks hat in Hannover die Patienten-Universität gegründet, an deren Veranstaltungen, getragen von vielen Ehrenamtlichen, mittlerweile schon 50.000 Menschen teilgenommen haben. „Wie kann ich mich als Bürgerin oder Bürger gut informiert in diesem Gesundheitssystem bewegen? Was sind meine Rechte? Wie finde ich die beste Behandlung?“ ist die Leitfrage von Dierks, Professorin für Bevölkerungsmedizin und Gesundheitswesen an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Patientenuniversität stärke den Patienten in einer Situation, in der sich dieser ohnehin schwach und hilflos fühle, begründete Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe das Urteil der Jury. Dierks selbst wiederum zeigte sich begeistert von den vielen neuen, digitalen Möglichkeiten, die an diesem Abend präsentiert wurden. Diese Ideen würde sie gerne weitertragen: „Ich möchte Sie alle gerne einladen, sich bei unseren Patienten vorzustellen.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%