Helmut Dubiel "Ich kam mir vor wie ein Versuchskaninchen"

Der Soziologe Helmut Dubiel hat Parkinson. Per Hirnschrittmacher kann er regeln, ob er laufen oder sprechen kann - beides zugleich geht nicht. Auch seine Laune wird beeinflusst. Eine kritische Betrachtung.

Helmut Dubiel Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Herr Dubiel, Sie waren einer der schärfsten Kritiker von Hirnschrittmachern, die Ihre Parkinsonkrankheit lindern sollten. Wo lag das Problem?

Die beiden Elektroden, die die Ärzte mir ins Gehirn implantiert haben, dämpften mit ihren Stromstößen zwar die Anfälle, die abwechselnd meinen Körper schüttelten oder einfrieren ließen. Aber ich war wochenlang depressiv und konnte nur noch nuscheln. Ich lehrte damals noch als Professor in Gießen. Doch so konnte ich keine Vorlesungen halten. Die Mediziner wussten nicht weiter.

Und dann?

Spielten wir am externen Steuergerät mit der Stromstärke und der Impulsfrequenz so lange herum, bis wir eine Einstellung gefunden hatten, die mir das Sprechen erlaubte und die Depressionen linderte. Allerdings fing dann das Zittern und Zappeln wieder an. Seither konnte ich wählen, ob ich sprechen oder gehen, gute oder schlechte Laune haben wollte.

Zur Person

Body-Hacker wollen genau das – zum Cyborg werden und per Knopfdruck ihre Persönlichkeit, Wahrnehmungen und Gehirnleistung steuern.

Ich wollte das aber nicht und fand es schockierend, wie einfach es war. Ich kam mir vor wie ein Versuchskaninchen – ein Cyborg wider Willen.

Haben Sie sich heute damit arrangiert?

Ja, denn seit ich nicht mehr lehre, erneut geheiratet und eine kleine Tochter bekommen habe, weiß ich diese Neuroprothese sehr zu schätzen. Ohne sie wäre ich ein körperliches Wrack. Ich habe auch mit dem Hin- und Herstellen aufgehört. Im Herbst habe ich mir sogar einen moderneren Schrittmacher einsetzen lassen, als der alte den Geist aufgab.

Kann er mehr als das alte Modell?

Das weiß ich noch nicht genau. Aber ich experimentiere wieder an den Einstellungen herum, obwohl mir meine Ärzte das natürlich streng verboten haben.

Wieso machen Sie das denn?

Weil es so spannend ist. Tatsächlich habe ich eine Einstellung gefunden, mit der ich wunderbar einschlafen kann. Und mit einer anderen Tastenkombination bin ich zwei Stunden lang geistig topfit.

Sie betreiben also Hirntuning?

In gewissem Sinne ja.

In Arbeit
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Elektro-Implantate boomen gerade. Werden sie bald ganz normal sein?

Ja, auch wenn das beim heutigen Preis und Aufwand schwer vorstellbar ist. Wie verlockend es ist, die Möglichkeiten auszutesten, erlebe ich ja an mir selbst.

Geraten bald Menschen ohne elektronisches Upgrade ins Hintertreffen? Oder werden Vorgesetzte oder Politiker uns vorschreiben, wie wir zu sein haben?

Doch, diese Gefahr besteht. Ich halte sogar massive elektronische Übergriffe auf die eigene Persönlichkeit für möglich. Ich fürchte nur, dass wir wie bei jeder neuen und faszinierenden Technik auch deren Risiken in Kauf nehmen müssen. Wir sollten deshalb rechtzeitig über die ethischen und rechtlichen Regeln für den Umgang mit ihnen nachdenken. Das wird derzeit völlig vernachlässigt.

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