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Hirnforscher Christof Koch „Wir brauchen womöglich ein leistungsfähigeres Gehirn“

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"Es ist wie in den sehr frühen Tagen des Internets"

Gleichzeitig fließen Milliarden an Forschungs- und Investorengeldern in den Bereich. Erleben wir einen Hype in Neurotechnologie?
Es gibt zwei Segmente der Industrie. Die einen fokussieren auf den medizinischen Fortschritt und haben sehr fundierte, aber vorsichtige Wachstumsmodelle. Und dann gibt es Unternehmen, die auf den Konsumentenmarkt zielen, mit großen Dollar-Zeichen in den Augen. Es ist wie in den sehr frühen Tagen des Internets.

Wo gibt es Geschäftsmodelle in dem Bereich?
Bis zu einer allgemeinen Anwendung wird es dauern. Es gibt "Second Sight", eine Firma in Los Angeles, die einen kleinen Chip ins Auge setzen kann. Dessen Entwicklung dauerte etwa 20 Jahre. Das zeigt, wie langfristig dieses Geschäft ist. Nicht nur wegen der technischen Entwicklung, sondern weil sie bei diesen Themen ja auch immer die Regulierung berücksichtigen müssen.

Und die Akzeptanz der Menschen?
Der normale Verbraucher wird eine Technologie am Körper nicht nutzen, wenn sie sein Leben um fünf Prozent verbessert, aber enorme Risiken hat. Wenn es sein Leben dramatisch verbessert, wird er es nutzen. Zum Beispiel, wenn wir uns durch ein neurotechnologisches Gerät direkt mit dem Internet verbinden können. Aber davon sind wir weit entfernt. Heute lassen sich zehn Prozent der Frauen in Los Angeles die Brüste verändern. Weil es plötzlich sicher ist und erschwinglich. Als es in den 50er Jahren aufkam, war das anders. Es dauerte 60 Jahre, bis sich das durchsetzte. Und da ging es um Silikonkissen in Brüsten, nicht darum, Dinge ins Gehirn zu pflanzen.

Der körperliche Eingriff ist das eine. Wird es auch möglich sein, das Bewusstsein nachzubauen?
Software, die auf einer digitalen Maschine läuft, kann das Verhalten von Gehirnen im Prinzip simulieren, aber nicht das Bewusstsein. Das ist wichtig zu unterscheiden. Wir können nun Intelligenz von Bewusstsein trennen. Wir können eine Superintelligenz schaffen, die doch kein Bewusstsein hat. Das ist einmalig in der Weltgeschichte.

Eine Künstliche Intelligenz mit Bewusstsein wird es also nie geben?
Wir werden das nicht mal simulieren können. Das ist wie mit dem Schwarzen Loch ein unserer Galaxie: Man kann es auf dem Rechner simulieren. Aber warum zieht es einen dann nicht rein? Weil man die Kraft, die es hat, eben nicht simulieren kann. So ist es mit dem Bewusstsein auch: Man kann es simulieren, aber nicht die Kraft, die es entfaltet.

Ist vielleicht nicht ein Problem, dass wir Menschen Künstliche Intelligenz zu verstehen versuchen, indem wir unser Verhalten auf das Verhalten intelligenter Maschinen projizieren?
Menschen begegnen Maschinen so, wie sie sich selbst sehen und übertragen ihre Gefühle auf die Maschine. Natürlich werden wir uns in Maschinen verlieben. Besonders Männer scheinen dafür offenbar anfällig, sonst würden sie nicht in den Science Fiction Filmen zum Thema die Hauptrolle spielen. Haben Sie schon mal Alexa ausprobiert?
Ja.
Das ist schon bemerkenswert, wie sich das System in den vergangenen fünf Jahren verbessert hat. Bevor ich sterbe, werde ich vorher eine perfekte Unterhaltung mit Alexa gehabt haben, inklusive Witzen, über die wir beide lachen. Aber sie wird nicht lachen, weil sie mich witzig findet – sondern weil sie gelernt hat, an bestimmten Stellen zu lachen.

Glauben Sie an den freien Willen?
Ja. Auch wenn das nicht das ist, was Menschen darunter verstehen.

Haben wir noch den freien Willen zu entscheiden, ob wir irgendwann mit intelligenten Maschinen fusionieren wollen?
Ich denke schon.

Sie nennen sich in einem Ihrer Bücher einen romantischen Reduzierer. Was heißt das?
Reduzieren in dem Sinn, dass ich Wissenschaftler bin. Und wir Wissenschaftler versuchen das Ganze zu verstehen, indem wir uns die Details anschauen und sie dann wieder zusammensetzen. Romantisch, weil ich glaube, dass ich Teil von einem Universum voller Sinn und Bedeutung bin. Dazu gehört auch die evolutionäre Einsicht, dass wir nicht die letzte Spezies mit einem hoch entwickelten Bewusstsein sind.

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