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Hirnforscher Christof Koch „Wir brauchen womöglich ein leistungsfähigeres Gehirn“

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Wie in einem Stadion

Ich habe das in Tübingen selbst probiert und habe mehrere Minuten für ein einziges Wort gebraucht.
Das ist genau das Problem. Solche Geräte werden so schnell nicht Realität. Man muss da sehr ruhig, sehr konzentriert sein, damit das funktioniert.

Man muss sich das so vorstellen: Das technische Gerät mit EEG-Elektroden muss durch die Schädeldecke die Signale der Nervenzellen aus dem Gehirn herauslesen. Wenn Sie sich ganz stark auf ein Wort konzentrieren geht das, sobald Parallelprozesse laufen, wird das schwieriger. Das ist wie in einem Stadion: Wenn ein Zuschauer „Tor“ ruft, hören sie ihn nicht aus 80.000 heraus. Schreien alle, verstehen Sie das Wort. Deswegen glaube ich auch: Facebook kann 100 Leute drauf ansetzen oder auch 1000. Sie werden aber die Naturgesetze nicht außer Kraft setzen können.

Elon Musks Firma Neuralink verspricht, dass die Gehirn-Maschine-Schnittstelle kommt.
Jetzt sprechen wir über ferne Zukunft.

Er sagt, wenn wir unsere Gehirne nicht vernetzen und erweitern, werden wir gegen die Künstliche Intelligenz verlieren.
Langfristig hat er damit recht. Warum sind wir Menschen die dominante Spezies auf der Welt? Nicht weil wir die schnellsten und stärksten sondern die cleversten und aggressivsten sind. Wenn man jetzt etwas baut, das eine ähnliche Intelligenz hat wie wir, aber auf leistungsfähigerer Hardware aufbaut, kann uns das überflügeln. Aber das wird länger dauern, als wir denken. Es gibt derzeit 30 querschnittsgelähmte Patienten in den USA mit ins Gehirn implantierten Chips. Das muss aber sehr intensiv klinisch beaufsichtigt werden und funktioniert nicht wirklich. Das braucht alles sehr viel Zeit. Der menschliche Körper ist sehr komplex, und wir müssen sehr vorsichtig sein.

Was kann Künstliche Intelligenz realistisch schon?
Schauen Sie auf autonome Autos. Da habe ich schon vor 20 Jahren Forschungsmittel von Daimler bekommen. Und, was glauben Sie, wann Sie auf der Autobahn ein Auto ohne Fahrer neben sich sehen?

Vermutlich nicht so bald.
Genau. Wenn es gut läuft, werden vielleicht in 15 Jahren zehn Prozent der Fahrzeuge ohne Fahrer unterwegs sein.

Aber grundsätzlich geht das, mit Computern menschliche Intelligenz nachzubauen und beides miteinander zu verbinden?
Och, ich kann mir vieles vorstellen. Wenn man zwei Gehirne verbinden würde …

... dann lesen die zusammen ein Buch?
Es geht eher in die Richtung, dass dann ein gemeinsames Bewusstsein über zwei Köpfe entsteht. Man startet mit zwei Gehirnen und zwei Bewusstsein, man kann sie aber koppeln zu zwei Gehirnen und einem Bewusstsein. Das wären dann nicht Sie und ich, sondern eine seltsame Kombination, in der aus zweien eins wird. Der Traum aller Liebespaare.
Vielleicht aller Liebespaare, aber wenn ich mir das mit jedem möglichen Menschen vorstelle, doch eher ein Alptraum.
Wer weiß das schon? Ich kann mir vorstellen, dass um diese Möglichkeit herum ein neuer Kult entsteht.

Wem gehört eigentlich ein Gedanke, der aus so einem gemeinsamen Bewusstsein entsteht?
Beiden Körpern.

Das wird aber doch die Art, wie wir denken, komplett ändern.
Das wird alles ändern.

Und dann kommt noch die Künstliche Intelligenz ins Spiel.
Wenn wir versuchen, mit Computern mitzuhalten, werden wir mehr und mehr Teil der Maschinenwelt. Das ist ein wenig wie beim Skifahren. Irgendwann wird der Skistock Teil Deines Körpers. Aber ich will auch keine falschen Szenarien befeuern: da reden wir über eine Zukunft in 50 Jahren.

Werden wir das Gehirn jemals komplett verstehen?
Was meinen Sie mit verstehen? Es in Silikon nachzubauen oder als eine Art Software zu replizieren?

Ich meine die Fähigkeit, es zu simulieren.
Prinzipiell wird das gehen, ja. Aber in der Praxis? Lassen Sie mich das schmutzige, kleine Geheimnis der Neurowissenschaft verraten: Das meiststudierte Lebewesen ist der Fadenwurm C. elegans. Der ist einen Millimeter lang und hat 302 Nervenzellen. Die sind komplett kartiert. Und doch können wir daraus bis jetzt nicht ableiten, wie der Wurm sich verhält. Das menschliche Gehirn besteht aus 86 Milliarden Nervenzellen. Es ist gibt also keinen Grund zu hyperventilieren.

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