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In ständiger Alarmbereitschaft Warum die Militärforschung in Israel so erfolgreich ist

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Flache Hierarchien, schnelle Entscheidungen

So pickt die IDF sich das beste Prozent Mathe- und Coder-Cracks aus jedem Jahrgang. Das wäre in Deutschland oder den USA schon deswegen nicht möglich, weil es keine allgemeine Wehrpflicht gibt. Wer die rigorosen Tests besteht, muss nur eine kurze Grundausbildung durchlaufen und bleibt ansonsten von Kampfeinsätzen verschont. Dafür bekommen die Elitesoldaten sofort reale Aufgaben: Zum Beispiel, sich in die Computernetze von Behörden verfeindeter Staaten zu hacken. „Sie bilden kleine Teams, acht oder zehn Leute, die sofort konkrete Aufgaben bekommen“, sagt Ofer Tziperman, Co-Gründer der auf die Auswertung von Geodaten spezialisierten Anagog aus Tel Aviv, „man muss das Problem lösen – wie, ist den Vorgesetzten egal, Hauptsache man macht es möglichst schnell.“

In anderen Armeen undenkbar: Kein Major, kein Sergeant schreibt den jungen Technikern etwas vor. „Auf diese Weise lernen sie, früh Verantwortung zu übernehmen“, sagt Cohen. Diese Prägung und das technische Know-how nehmen die 8200er später mit ins Berufsleben.

Schnelles, fokussiertes Arbeiten an Problemlösungen und flache Hierarchien – das sind Tugenden, die auch Start-ups dringend brauchen, wenn sie sich gegen die finanziell und personell gut ausgestatteten Forschungsabteilungen großer Technikkonzerne behaupten wollen. Früher waren es bessere Granaten, Mörser, Panzer und Raketen, an denen die 8200 forschte. Meist zusammen mit dem engsten Verbündeten, den USA. Seit den Achtzigerjahren aber gilt Israels Armee auch als führend in der Bekämpfung von Hackerangriffen.

In Hod HaSharon, einem typischen Vorort von Tel Aviv, hat sich Karamba Security mit etwa 40 Mitarbeitern angesiedelt. Wie viele, eigentlich fast alle, israelischen Hightech-Gründer hat auch das Führungspersonal von Karamba Security eine militärische Vergangenheit: Chief Scientist Assaf Harel und Forschungschef Tal Ben-David sind beide Ex-Elitesoldaten der legendären Einheit 8200. CEO Ami Dotan arbeitete früher für Rafael Defense Systems (RDS). RDS entstand als Projekt im National Research & Development Defense Laboratory, dem wichtigsten Forschungslabor der IDF. Ihr beim Militär erworbenes Wissen und ihre Kontakte nehmen viele mit ins zivile Geschäftsleben. So auch die Karamba-Founder, die sich heute um die Sicherheit im Auto kümmern - genauer gesagt: um die Cyber-Security. Elektronik und Software im zivilen Pkw seien zwar an sich nichts Neues, erklärt Karamba-Chairman Barzilai. „Aber früher war ein Auto ein geschlossenes System, das höchstens einmal im Jahr, bei der Inspektion, wenn der Fehlerspeicher ausgelesen wurde, mit anderen Computern in Berührung kam.“

Heute sei das völlig anders, und in einigen Jahren werden unsere Autos quasi ständig über das mobile Internet mit anderen Rechnern vernetzt sein. Tesla etwa nutzt schon länger so genannte Over-the-air-Updates, um seinen Kunden neue Softwareversionen und Updates aufzuspielen – über mobiles Internet via GSM, UMTS oder LTE.  „Wenn Autos erst autonom fahren und in Smart Cities unterwegs sind, senden und empfangen sie permanent große Menge von Daten“ erklärt Barzilai; in die Cloud, zu anderen Verkehrsteilnehmern, zum Hersteller oder zu Fahrdienstvermittlern wie Gett und Uber.

Wie viele, eigentlich fast alle, israelische Hightech-Gründer hat auch das Führungspersonal von Karamba Securiy eine militärische Vergangenheit: Chairman David Barzilai, Forschungschef Tal Ben-David, CEO Ami Dotan und Chief Scientist Assaf Harel (von links nach rechts). Quelle: Presse

Mit der zunehmenden Vernetzung der Autos steigt auch die Gefahr von Cyberattacken erheblich. Das Problem: Ist ein Hacker erst im Auto drin, etwa über die Infotainment-Schnittstelle, kann er über das Bordnetz auch die sicherheitskritischen Steuergeräte im Auto manipulieren, etwa Bremsen, Gas und Lenkung.
In einem Büro steht ein mannshoher Metallrahmen; daran aufgehängt ist das komplette elektronische Innenleben eines deutschen Premiumautos: Schalter, Armaturen, unzählige Meter Kabelbaum, ein Dutzend Prozessoren und Platinen. Einen Raum weiter haben fünf Männer die deutsche Autoelektronik in einen Spielzeugtruck gebaut. Chefwissenschaftler Assaf Harel hat eine handelsübliche Modellbau-Fernbedienung in der Hand. Das Auto führt brav seine Befehle aus: beschleunigt, bremst, lenkt – aber nur, bis einer der anderen Männer von seinem Laptop aus über das mobile Internet einen Virus in das Infotainmentsystem des Trucks schickt. Plötzlich beschleunigt der Wagen. Er wird immer schneller. Harel kann nun machen, was er will, das Auto reagiert nicht mehr.

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