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In-Vitro-Fleisch Israel, das Silicon Valley für Laborfleisch

Künstliches Fleisch soll die Umwelt schonen, Tierleiden mindern Quelle: dpa

Die Fleischproduktion ist Teil des weltweiten Treibhauseffekts. Die zukünftige Herstellung müsse nachhaltiger werden. Israelische Unternehmen investieren daher in die Forschung von künstlichem Fleisch.

Israel sieht sich als Vorreiter für Laborfleisch. Das Jerusalemer Bio-Tech-Unternehmen Future Meat Technologies tüftelt an künstlich gezüchtetem Fleisch, um bei wachsender Weltbevölkerung und beklemmender Umweltbelastung auch für künftige Generationen die Ernährung sicherzustellen. „Fleischtechnologien der Zukunft“ lautet der Firmenname übersetzt.

„Die Fleischproduktion ist sehr ineffizient“, sagt Jakob Nahmias, Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Gründer von Future Meat Technologies, über den herkömmlichen Weg zu Steak und Braten. Das im Labor hergestellte Fleisch hingegen brauche in der Produktion zehn Prozent weniger Wasser, weniger Land und weniger Energie. Laut der UN-Ernährungsorganisation FAO ist die Landwirtschaft schätzungsweise für 13 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich, allein zwei Drittel davon stammen aus der Tierzucht.

Das Laborfleisch belaste nicht nur die Umwelt weniger, sondern reduziere auch das Leiden von Tieren, betonen die Befürworter. Und es sei durchaus schmackhaft. Das künstliche Fleisch wird vor allem aus tierischen Muskelzellen gewonnen, die in einer Laborkultur angezüchtet werden.

Bis zum synthetischen In-Vitro-Steak im Supermarkt ist es noch ein langer Weg. Doch mehrere israelische Start-ups sind mit am Ball. Israel entwickele sich zu einem Vorreiter, oder stehe zumindest „auf einer Linie mit Silicon Valley“, sagt Alex Schirasi, der einen Podcast zu dem Thema ins Leben gerufen hat und ein Industrie-Symposium in San Francisco auf den Weg gebracht hat. Israel verfügt über eine lebendige High-Tech-Szene, daher war der Einstieg in die Forschung zur Fleischproduktion laut Experten ein natürlicher Schritt.

Auch die Regierung ist dabei. Die Innovationsbehörde ermutigt Lebensmitteltechnologie-Firmen mit Zuschüssen. Derzeit muss Israel einen Großteil seines Fleisches importieren.

Für das jüdische Land hat die Idee des Laborfleisches aber noch einen weiteren Reiz: Mehrere prominente Rabbis haben bereits erklärt, dass sie so hergestelltes Fleisch als koscher einstufen. Und weil es nicht von geschlachteten Tieren kommt, könnte es nach Ansicht einiger Gelehrter sogar auf einem Cheeseburger verzehrt werden - in einer Kombination aus Fleisch und Milch, deren Vermischung jüdische Speisevorschriften sonst verbieten.

„Israel ist ein fruchtbarer Boden für Technologie im Allgemeinen und für das, was wir alternatives Protein nennen, im Besonderen“, sagt Beni Nofech vom Good Food Institute in Washington. Die Organisation, die die Entwicklung von Fleischalternativen fördert, unterstützt auch israelische Forscher mit Finanzspritzen. Mit seiner von Innovationen getriebenen Wirtschaft und dank seiner Infrastruktur könne Israel die Suche nach „sauberem Fleisch“ vorantreiben.

Bislang ist das, was die Petrischalen hergeben, noch überschaubar. Aleph Farms, ein 2017 gegründetes israelisches Start-up, gab im Dezember bekannt, dass ihm die Herstellung eines Mini-Steaks aus Rinderzellen gelungen sei, das in Textur und Geschmack nahe an das Original komme. Die Steaks indes sind tatsächlich noch winzig, schaffen es gerade mal auf drei Millimeter.

Die meisten Unternehmen sind bislang nicht viel weiter gekommen, als eine Art Fleisch-Granulat zu ernten. Manche kombinieren Tierzellen mit pflanzlichen Proteinen als mögliche Alternativen in Fleisch- und Wurstprodukten.

Erschwinglich ist das In-Vitro-Fleisch bislang höchstens für die Superreichen. Den ersten Burger aus dem Labor präsentierte ein niederländisches Unternehmen im Jahr 2013 zu Kosten von mehr als 300.000 Dollar (265.000 Euro). Als Memphis Meats mit Sitz in den USA im vergangenen Jahr sein alternatives Hackfleisch vorstellte, kostete das Pfund (454 Gramm) auf umgerechnet rund 2100 Euro. Bevor das „saubere Fleisch“ in die Regale kommt, muss es also noch deutlich billiger werden.

Auch Hürden bei den Behörden sowie den Widerstand der Fleischindustrie gilt es zu überwinden. Die größte Herausforderung aber könnte sein, die Verbraucher davon zu überzeugen, sich das Synthetik-Steak auf den Teller zu laden.

Doch Forscher und Umweltschützer sind sich einig: Es führt kein Weg daran vorbei, wenn der Fleischkonsum anhält. „Wenn wir sicherstellen wollen, dass unsere Kinder das essen können, was wir heute essen, müssen wir die Art, wie wir das herstellen, grundlegend verändern“, betont der Jerusalemer Uniprofessor Nahmias.

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