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Influenza Warum niemand die wahre Zahl der Grippe-Fälle kennt

Die Grippewelle ist auf dem Höhepunkt. Zehntausende Fälle werden jede Woche gemeldet. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher sein.

Deutschland erlebt derzeit seine stärkste Grippewelle seit vielen Jahren erlebt. Quelle: dpa

Düsseldorf, FrankfurtDie diesjährige Grippewelle hat mit rund 40.000 gemeldeten Influenza-Fällen in der vergangenen Woche einen neuen Höhepunkt erreicht. Seit Jahresbeginn steigt die Zahl der Erkrankten stetig an.

Eine Grippewelle dauert normalerweise zwischen drei und vier Monate. „Demnach müssten wir den Gipfel jetzt erreicht haben“, sagte eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts am Montag. Für eine Entwarnung sei es aber noch zu früh, solange die Zahl der Erkrankten Woche für Woche steige.

Bei der gemeldeten Zahl handelt es sich nicht um Hochrechnungen auf der Basis von Stichproben, sondern ausschließlich um Krankheitsfälle, bei denen das Virus im Labor zweifelsfrei nachgewiesen wurde.

Doch genau dies geschieht in der Realität gar nicht, wie Recherchen des Handelsblatts in mehreren Städten und Bundesländern zeigen. Deshalb ist die Dunkelziffer an Grippefällen um ein vielfaches höher. Wer Arztpraxen in den vergangenen Tagen besucht hat, kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland Anfang März 2018 seine stärkste Grippewelle seit vielen Jahren erlebt.

Ob München, Düsseldorf, Neuss, Essen, Bremen oder Hamburg: Aus allen Großstädten berichteten Betroffene von langen Warteschleifen am Telefon und langen Menschenschlangen in den Wartezimmern, an der Rezeption und sogar im Treppenhaus vor den Eingangstüren der Hausärzte.

Tatsächlich weiß niemand, wie viele Menschen sich derzeit mit dem Grippe-Virus plagen. Der Grund: Kaum eine Arztpraxis führt angesichts des hohen Andrangs überhaupt noch Tests durch, um Grippe bei Erwachsenen nachzuweisen. Ausnahme sind Kinder bis zwölf Jahren, bei denen die meisten Kinderärzte nach wie vor Schnelltests durchführen, um den Virus zu identifizieren.

„Wenn wir auf den Grippevirus testen, bleiben wir auf den Kosten sitzen“, klagt eine Neusser Ärztin. Sie will anonym bleiben. Angesichts der Vielzahl an Neuerkrankten und übervoller Wartezimmer reiche das Budget und die Zeit einfach nicht aus, um die Tests durchzuführen.

Auch ihre drei Kollegen in der Gemeinschaftspraxis veranlassen keine Grippetests. Im Essener Stadtteil Steele sieht es genauso aus. Übervolle Wartezimmer und Flure, wo Patienten auf dem Boden sitzen, zwingen die Ärzte zum raschen Handeln, um möglichst viele Neuerkrankte rasch zu versorgen. Für Labortests bleibt keine Zeit.

Darüber hinaus stehe der finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen, heißt es in Essen. Der Grund: Ob grippaler Infekt oder echte Grippe, die anschließende Therapie bleibt dieselbe – auch wenn die echte Grippe meist länger dauert und größere Schmerzen samt Übelkeit bereitet.

Dennoch, außer Schmerzmittel, Hustenlöser und homöopathische Hausmittel wie heiße Tees und Wadenwickel gibt es kaum Behandlungsmöglichkeiten. Antibiotika helfen weder beim grippalen Infekt noch bei der echten Grippe.

„Die seit Dezember andauernde Grippewelle bringt viele unserer Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenze“, sagte Jochen Brink, Präsident der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-Westfalen (NRW). Von der Grippewelle betroffen sind inzwischen alle 16 Bundesländer, am stärksten – so legen es die gemeldeten Fälle nahe – Nordrhein-Westfalen (NRW), Rheinland-Pfalz, Saarland und Sachsen.

Sogar einzelne Krankenhäuser sind betroffen: Im Rhein-Maas-Klinikum in Würselen bei Aachen musste der Kreißsaal vorübergehend geschlossen werden, ebenso der Kreißsaal im Malteser Krankenhaus in Bonn. Insgesamt starben in diesem Jahr bislang 216 Menschen an den Folgen der Grippe.


Ärzte kritisieren Impfpolitik

Kritik an den gesetzlichen Krankenkassen und deren Impfpolitik übt die Ärztekammer. Das Problem: Der vorwiegend verwendete günstigere Dreifach-Impfstoff gegen die Grippe hilft in dieser Saison nur Wenigen.

Drei Viertel der Erkrankungen werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts durch einen Influenza-B-Erreger verursacht. Gegen diesen Virentyp „Yamagata“ schützt aber nur der im Herbst verabreichte Vierfach-Impfstoff. Dieser wurde aber nur von wenigen Krankenkassen bezahlt. Eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission, die bereits im November zur Verwendung der Vierfach-Impfung geraten hatte, verhallte weitgehend ungehört. Die Kassen selbst verweisen auf mehrjährige Verträge mit den Pharmakonzernen.

Die Impfstoffhersteller wiederum argumentieren seit Jahren, dass der vierstämmige Impfstoff einen besseren Schutz bietet. „In Deutschland wird fast nur der dreistämmige Grippeimpfstoff verabreicht, weil die gesetzlichen Krankenkassen vorrangig auf den alten Rabattverträgen beharren“, sagt Anke Helten, Sprecherin des Impfstoffherstellers Glaxo Smithkline (GSK).

Nicht nur Deutschland, auch die USA kämpfen mit der schwersten Grippewelle seit 13 Jahren. In Großbritannien ist das Gesundheitssystem National Health Service (NHS) überlastet. Die Europäische Kommission rief die Bevölkerung auf, sich impfen zu lassen.

Das Problem bei Grippeviren ist, dass sie sehr wandlungsfähig sind. Das erschwert die Mixtur der Grippeimpfung, die in Europa und Nordamerika bereits im Sommer, also Monate vor der Erkältungssaison von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen wird.

Grundlage dafür sind Erfahrungen der vorangegangenen Grippesaison in Australien. Vier Virenstämme stehen im Fokus: jeweils zwei Viren vom Typ A und zwei vom Typ B. Die A-Viren kommen am häufigsten vor und werden für die schweren Grippewellen verantwortlich gemacht. Vor allem der Subtyp H3N2 sorgt aktuell in Amerika und Großbritannien für Zehntausende Erkrankungen.

Für die Hersteller sind die Grippeimpfstoffe ein wichtiger Markt, der weltweit in die Milliarden geht. Fünf Unternehmen haben Grippeimpfstoffe im Programm: Der größte Impfstoffhersteller GSK, der französische Sanofi-Konzern, der US-Konzern Mylan sowie der zur australischen CSL-Gruppe gehörende Seqirus. Der britische Konzern Astra-Zeneca bietet zudem einen Impfstoff zum Inhalieren für Kinder an. GSK beispielsweise setzte mit seinem Grippeimpfstoff Fluarix 2016 umgerechnet knapp eine halbe Milliarde Euro um.

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