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Influenzapublikation Gefährliches Spiel mit der Vogelgrippe

Zwei Forscher-Gruppen dürfen Ihre umstrittenen Arbeiten über gefährliche Vogelgrippe-Viren nun doch veröffentlichen.

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Mehrere Wissenschaftler haben das Vogelgrippe-Virus für eine Forschungsarbeit so verändert, dass auch Menschen sich gegenseitig damit anstecken können. Ihre Ergebnisse durften sie nicht veröffentlichen - bis jetzt. Quelle: dapd

Seit Monaten tobt ein heftiger Streit zwischen Wissenschaftlern und Politikern: Zwei Forschergruppen hatten Ende vorigen Jahres unabhängig voneinander einen extrem gefährlichen Vogelgrippe-Erreger gentechnisch so verändert, dass er sehr leicht auch Säugetiere infizieren kann.

Die bisher grassierende Wildtyp-Variante H5N1 konnte das nicht – und hatte die Welt trotzdem mehrfach in Angst und Schrecken versetzt. Denn unter Vögeln verbreitete sich das tödliche Influenza-Virus mit atemberaubendem Tempo rund um den Globus. Und wer sich als Mensch direkt bei Vögeln ansteckte – etwa, weil er Hühner hielt – der hatte schlechte Chancen: Die Hälfte der Infizierten starb, ohne dass Ärzte irgendetwas zu ihrer Rettung hätten tun können.

Der einzige Lichtblick war bisher: Der Erreger schaffte es nicht aus eigener Kraft, von Säugetier zu Säugetier zu springen. Menschen konnten sich also nicht gegenseitig anstecken, sondern nur bei infizierten Vögeln. Doch genau diese Eigenschaft haben die beiden Forschergruppen mit Hilfe weniger Veränderungen im Erbgut dem Virus nun eingepflanzt. Und diese wissenschaftlichen Arbeiten wollten sie im November 2011 veröffentlichen: Der Niederländer Ron Fouchier und seine Mitarbeiter vom Erasmus Medical Centre in Rotterdam im Fachblatt „Science“, und das von Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison geleitete japanisch-amerikanische Team im Wissenschaftsjournal „Nature“.

Exportverbot wie bei Atomwaffen
Doch bevor die beiden Top-Magazine die Arbeiten drucken konnten, schalteten sich Regierungsstellen ein. In den Niederlanden wurde Fouchiers Arbeit mit einem Exportverbot belegt – wie militärische Güter, etwa Atomwaffen. Und in den USA empfahl das staatliche Beratergremium für biologische Sicherheit, das National Science Advisory Board for Biosecurity (NSABB) den beiden Fachblättern dringend, die Arbeiten nicht – oder jedenfalls nicht vollständig zu veröffentlichen.

Die Sorge von Behörden und Politikern: Zu leicht könnten Terroristen anhand dieser Bauanleitungen den tödlichen Labor-Erreger nachbauen. Beide Magazine beugten sich zunächst der Empfehlung.

Forscherfreiheit kollidiert mit Bioterrorismus-Angst

Bei den vergangenen Vogel-Grippe-Epidemien mussten ganze Zuchtanlagen geräumt und die Tiere getötet werden. Quelle: REUTERS-YOMIURI

Damit kollidierte zum ersten Mal auf internationaler Ebene die Angst vor Bio-Terrorismus mit der Freiheit der Forschung. Die Aufregung in der Forschergemeinde war groß – und durchaus berechtigt. Ist eine US-Behörde legitimiert, Wissenschaftsmagazinen in den USA und in Großbritannien vorzuschreiben, was sie veröffentlichen dürfen und was nicht? Die andere, ebenso wichtige Frage lautet aber: Welches Gremium wäre denn legitimiert, eine entsprechende Kontrolle auszuüben? Tatsächlich gibt es keine entsprechende Instanz, weder innerhalb der Wissenschaftsgemeinde, noch auf politischer Ebene.

Die Gefahr aus dem Labor

Ende Januar verkündeten dann 39 Influenza-Forscher ein Moratorium: Sie wollten freiwillig ähnliche Arbeiten an Grippeviren für 60 Tage unterbrechen. Tatsächlich war mit der geplanten Veröffentlichung der Arbeiten noch ein weiteres Thema wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Wer achtet eigentlich darauf, dass solche tödlichen Viren nicht versehentlich aus den Labors der Forscher entweichen, gestohlen werden oder sonst wie in falsche Hände geraten?

Heute veröffentlichte „Nature“ die Arbeit des Kawaoka-Teams nun doch. Das US-Beratergremium NSABB hatte seine Meinung geändert und mit einer Veröffentlichung keine Probleme mehr. Und das niederländische Wirtschaftsministerium erteilte Fouchier vor zwei Tagen eine offizielle Ausfuhrgenehmigung für das wissenschaftliche Manuskript seiner Arbeitsgruppe. Die Publikation wird wohl bald in „Science“ erscheinen.

Vorangegangen waren zahlreich Debatten und Treffen. Sowohl das NSABB, als auch die Weltgesundheitsorganisation WHO luden die betroffenen Forscher, aber auch eine große Zahl weiterer Wissenschaftler und Experten ein, die zum Thema Bio-Sicherheit etwas zu sagen haben. So konnte Gruppenchef Kawaoka beispielsweise die NSABB-Mitarbeiter davon überzeugen, dass sein Labor allerhöchste Sicherheitsstandards aufweist. Alle Mitarbeiter seien entsprechend darauf eingeschworen, sich an die strengen Sicherheitsregeln zu halten. Und der Niederländer Fouchier hatte Ende Februar klargestellt, dass seine Laborviren sich keineswegs so effektiv über die Luft verbreiteten, wie gewöhnliche winterliche Grippeviren das bei Menschen tun. Die veränderten Viren mussten Versuchstieren – den Frettchen – direkt in die Atemwege oder Nasenlöcher gesprüht werden, um ihre tödliche Kraft entfalten zu können.

Auf der Suche nach Sicherheitsstandards

Der Streit um die Veröffentlichung hat neben dem Ärger über die Beschneidung der verfassungsrechtlich garantierten Freiheit der Forschung innerhalb der Forscherszene auch einen konstruktiven Aspekt: Das 60-tägige Moratorium der 39 Forscher sollte vor allem Gelegenheit dazu geben, darüber nachzudenken, wie verbindliche Sicherheitsstandards weltweit etabliert und vor allem kontrolliert werden können. Denn darüber sind sich auch die Forscher klar: So wichtig diese Art der Forschung ist, um Impfstoffe gegen tödliche natürlich entstehende Influenza-Viren entwickeln zu können – so wichtig ist es auch, die Kontrolle über solche Forschungsergebnisse zu behalten. Und über die entsprechenden Labor-Kreaturen. Solche Bedingungen sind längst nicht überall auf der Welt gegeben.

Neue Richtlinien zur Biosicherheit

Zwar will die WHO nun bald neue Richtlinien zur Biosicherheit erlassen. Doch einhalten müssen sie die Forscher. Insofern hat der monatelange Streit auch sein Gutes: Er hat den Forschern klar gemacht, dass sie sich mit dem Thema intensiver beschäftigen und verbindliche Regeln innerhalb ihrer eigenen Zunft aufstellen müssen. Sonst droht bei nächster Gelegenheit wieder die Gefahr, dass ihnen besorgte Beratergremien und Regierungen einen Maulkorb verpassen.

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