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Infobriefe ab November Krankenkassen rufen zu Organspende auf

Vom 1. November an werden Krankenkassen Info-Briefe über Organspende verschicken - weil es viel zu wenige Spender gibt. Das platzt mitten in die Ermittlungen zum größten Organspende-Skandal in Deutschland. Was fühlen Ärzte und Patienten dabei? Eine Reise durch Berlin.

Prominente Lebensretter
Frank-Walter SteinmeierDer SPD-Politiker spendete seiner Ehefrau Elke Büdenbender eine Niere. Quelle: dpa
Prinz Daniel Der Ehemann der schwedischen Kronprinzessin Victoria bekam 2009 eine Niere seines Vaters implantiert. Damals hieß er noch Daniel Westling. Er litt an einer angeborenen Nierenerkrankung. Quelle: dpa
Jürgen VogelKein Organ, sondern Knochenmark spendete der Schauspieler in den 1990er Jahren seiner an Leukämie erkrankten Schwester. Quelle: dapd
Herbert Grönemeyer Auch der Sänger 1998 spendete seinem krebskranken Bruder Wilhelm Knochenmark. Zunächst schien die Therapie gut anzuschlagen, doch wenige Wochen später starb Wilhelm Grönemeyer. Quelle: dpa
Niki Lauda Zu den bekanntesten Empfängern eines Spenderorgans gehört der ehemalige Formel-1-Weltmeister. Der Österreicher erhielt 1997 von seinem Bruder Florian eine Niere. Quelle: dpa
Ivan KlasnicAuch der kroatische Fußballstar erhielt von zwei Spendern eine Niere. 2007 wurde ein Organ seiner Mutter eingepflanzt. Weil sein Körper es nicht annahm spendete sein Vater eine Niere. Quelle: dpa/dpaweb
Larry Hagman Der Dallas-Star musste sich 1995 einer Lebertransplantation unterziehen. Quelle: dpa

Barbara Gebings Lebensretter ist so groß wie ein altes Faxgerät. Nachts brummt die weiße, kastenförmige Maschine und erledigt monoton ihre Arbeit. Im Schlaf. Dialyse, acht Stunden lang, zu Hause auf dem Hochbett. Jeden Abend balanciert Barbara Gebing zwei massige fünf-Liter-Plastikbeutel für die Blutwäsche die schmale Holztreppe auf die Empore ihrer Berliner Altbauwohnung, manchmal hilft Tochter Lara bei der Schlepperei. Lara ist 13.
Barbara Gebing ist 41, alleinerziehend. Vor drei Jahren begannen ihre beiden Nieren zu versagen. Wenn es keine Organspende gäbe, blieben ihr mit dieser Maschine vielleicht noch sechs Jahre Leben. Doch ihre Kräfte würden nachlassen. Es ginge bergab, Stufe für Stufe, wie die Treppen des Hochbetts, über die sie die benutzten Blutwäsche-Beutel am Morgen wieder herunterträgt. Sie könnte nicht mehr für das Bezirksamt arbeiten, nicht mehr für ihr Kind sorgen.
Barbara Gebing hat immer gewusst, dass es einmal so kommen wird. Es passiert meist zwischen 40 und 50, wenn seit der Geburt Zysten auf den Nieren sitzen, kleine Zellknubbel, die man nicht wegoperieren kann. „Früher habe ich gedacht, wenn ich an die Dialyse muss, bringe ich mich um“, sagt sie. Nun hat Barbara Gebing einen OP-Termin. Am 30. Oktober setzen Ärzte ihr eine neue Niere ein. Ein Spenderorgan.

Organspenden in Deutschland


Vom 1. November an werden viele Bundesbürger Post von ihrer Krankenkasse bekommen. Ein Schreiben, das über Organspende aufklärt. Es ist Teil des neuen Transplantationsgesetzes, ein Denkanstoß. Es ist der Minimalkonsens, auf den sich die Politik nach langem Ringen geeinigt hat, weil es viel zu wenig Spenderorgane in Deutschland gibt. 12 000 Menschen warten darauf. Viele sterben, bevor sie eine neue Niere, Leber oder ein neues Herz bekommen.
Wer diesen Brief von der Krankenkasse bekommt, soll sich entscheiden. Organspende - ja oder nein. Die Neuerung soll eine fatale Lücke im Verhalten der Deutschen schließen: Viele haben in Umfragen nichts gegen Organspende. Aber sie füllen keinen Spenderausweis aus, orange-blau, nur etwas größer als eine Bankkarte.

Das war schon vor dem Organspende-Skandal an den Uni-Kliniken von Göttingen und Regensburg so. Seit Juli beschäftigen diese Fälle die Justiz, auch eine Münchner Klinik steht inzwischen unter Verdacht. Transplantationsärzte, so die Vermutungen, haben ihre Patienten auf dem Papier bewusst kränker gemacht als sie waren - damit sie früher eine Spenderleber bekommen.

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