Innere Uhr Jetlag führt zu Übergewicht

Menschen schlafen nachts und sind tagsüber wach. Normalerweise. Bei Schichtarbeit oder Reisen kommt der Rhythmus aber durcheinander - auch bei der Darmflora. Das kann gesundheitliche Folgen haben.

Zehn Tipps gegen den Jetlag
Flugrichtung beachtenWer Richtung Osten fliegt, sollte versuchen, im Flugzeug zu schlafen - denn man fliegt sozusagen dem Morgen entgegen oder überholt ihn sogar. Bei Flügen gen Westen ist es umgekehrt. Dort hilft es, im Flugzeug wach zu bleiben. Quelle: dpa
Flug vorbereitenUm einige Tage vor der Abreise die innere Uhr schon mal auf die zukünftige Ortszeit einzustellen, sollten Reisende nach Westen ihren Tag verlängern und Reisende Richtung Osten ihren Tag verkürzen. Bei einer Tagesverlängerung kann man etwa schrittwiese später ins Bett gehen, bei einer Verkürzung immer etwas früher aufstehen. Quelle: dpa
Ernährung beachtenInsulin hilft unserer inneren Uhr, sich der Zeitumstellung anzupassen. Bei Flügen Richtung Osten sollten Reisende viele Kohlenhydrate zu sich nehmen – beispielsweise in Form von Nudeln. Das fördert die Insulinausschüttung und regt den nötigen Schlaf an, haben japanische Forscher herausgefunden. Bei Flügen nach Westen sollte stattdessen Eiweiß auf dem Speiseplan stehen. Das hält die Fluggäste in Form von Fisch, Fleisch oder Milchprodukten wach. Quelle: dpa
Kaffee und Alkohol bewusst einsetzenOb Passagiere beim Kaffee- und Alkoholangebot im Flieger zugreifen sollten, hängt davon ab, ob sie bei einem Langstreckenflug besser schlafen oder wach bleiben sollten. Ist bei einem Flug Richtung Osten Schlaf angebracht, sollte auf Kaffee und Alkohol lieber verzichtet werden. Alkohol fördert zwar das Einschlafen, rächt sich aber in der zweiten Schlafhälfte. Dann sorgt er für einen unruhigen Schlaf. Quelle: dpa
Cool bleiben Die Klimaanlage im Flugzeug ist oft lästig und zu kalt eingestellt. Das sehen gerade Deutsche so, die Klimaanlagen weniger gewöhnt sind als Amerikaner oder Asiaten. Aber gerade bei Flügen Richtung Osten, die ein Nickerchen ratsam machen, ist Kälte hilfreich um den Schlaf zu anzuregen. Laut einer französischen Studie, die Autor David Randell in seinem Buch „Dreamland: Adventures in the Strange Science of Sleep“ zitiert, liegt die beste Schlaftemperatur zwischen 16 und 19 Grad Celsius. Quelle: dpa
Uhr umstellenSchon im Flugzeug sollten Reisende die Uhren auf die neue Zeit umstellen und sich nach ihr richten. So können sie sich früh dem neuen Rhythmus anpassen. Quelle: dpa
Filme meidenSo verlockend das Unterhaltungsprogramm im Flieger auch sein mag – wer schlafen will, sollte zuvor auf einen Film verzichten. Denn das blau-weiße Licht der Bildschirme kann unser Körper als Tageslicht auffassen, schreibt David Randell. Das erschwert es, dass Menschen nach einem Film einschlafen. Quelle: dpa

Auch Darmbakterien leben nach einer inneren Uhr. Gerät sie infolge von Schichtarbeit oder eines Jetlags aus dem Takt, kann das beim Menschen womöglich Übergewicht und Stoffwechsel-Erkrankungen zur Folge haben. Das berichten israelische Wissenschaftler im Fachmagazin „Cell“. Ihre Erkenntnisse könnten dazu beitragen, Mittel zur Prävention oder Behandlung dieser Krankheiten zu entwickeln.

Die innere Uhr des Menschen wird durch den Tag-Nacht-Rhythmus gesteuert, genauer gesagt durch den Wechsel von Licht und Dunkelheit. Es ist bekannt, dass Störungen, wie sie etwa bei Schichtarbeitern vorkommen oder bei Menschen, die häufig von einer Zeitzone in andere fliegen, Herzkreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht verursachen können. Warum das so ist, wissen Fachleute nicht genau.

Falsche Volksweisheiten rund um den Schlaf

Die Forscher um Christoph Thaiss vom Weizmann Institute of Science in Rehovot prüften nun, ob die Darmflora damit etwas zu tun haben könnte. Sie ist nicht an der Verdauung beteiligt, sondern beeinflusst auch unsere Gesundheit erheblich. Aktuelle Untersuchungen legen zum Beispiel nahe, dass sie an der Entstehung von Asthma, Allergien, Übergewicht oder Diabetes beteiligt sein könnte.

Die Wissenschaftler untersuchten, wie sich die Zusammensetzung der Bakterien im Laufe des Tages ändert - zunächst bei Mäusen. Sie fanden, dass die Häufigkeit verschiedener Arten von Bakterien im Verlauf des Tages zu- und abnimmt. Auch spezifische Funktionen der Darmflora veränderten sich rhythmisch. Bei den nachtaktiven Nagern dominierten in der Dunkelphase etwa Stoffwechselwege, die mit dem Energiehaushalt, der Nahrungsverwertung oder dem Wachstum in Verbindung stehen. In der hellen Phase stand unter anderem die Entgiftung im Vordergrund.

Getaktet werde die innere Uhr der Bakterien auch über den Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme, berichten die Wissenschaftler. Veränderten die Forscher die Fütterungszeiten der Mäuse und den Hell-Dunkel-Wechsel, geriet die Darmflora durcheinander. Eine fetthaltige Ernährung führte unter diesen Bedingungen zu Übergewicht und Glukoseintoleranz, die als Vorstufe von Diabetes gilt. Bei den normal getakteten Mäusen geschah das nicht.

Übertrugen die Wissenschaftler die Darmflora von „Jetlag-Mäusen“ auf keimfreie Mäuse, legten diese ebenfalls an Gewicht und Körperfett zu. Auch ihr Blutzuckerspiegel stieg. Die Darmflora von Kontrolltieren bewirkte dies wiederum nicht.

Anschließend zeigten Thaiss und seine Mitarbeiter, dass auch die Darmflora des Menschen rhythmischen Schwankungen unterliegt und ein Jetlag ebenfalls die Zusammensetzung der Bakterien verändert. Mäuse, die Bakterien aus dem Darm solcher Probanden erhielten, nahmen zu und ihr Blutzuckerspiegel stieg.

Ihre Ergebnisse seien als vorläufig zu betrachten, schreiben die Wissenschaftler. Sie legten jedoch nahe, dass Störungen der inneren Uhr beim Menschen die mikrobielle Gemeinschaft im Darm veränderten, was wiederum Stoffwechsel-Probleme möglich mache. Dies könne die Verbindung zwischen Schichtarbeit, häufigen Flugreisen und Erkrankungen erklären. Zur Behandlung biete sich möglicherweise eine gezielt probiotische oder antimikrobielle Therapie an, schreiben die Forscher.

In Arbeit
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„Dass sich die Darmflora in Abhängigkeit vom Zeitpunkt der Nahrungsaufnahme ändert, ist für mich als Mikrobiologen erst mal nicht so erstaunlich“, sagte Michael Blaut, Leiter der Abteilung Gastrointestinale Mikrobiologie am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam. Allerdings komme die Studie zu interessanten Ergebnissen. Sie liefere überzeugende Argumente dafür, dass ein Organismus auch in seiner Mikroflora abgebildet werde. Blaut betonte, dass Veränderungen der Darmflora wie die nach einem Jetlag innerhalb kurzer Zeit umkehrbar seien.

Eine Forschergruppe um Blaut hatte kürzlich gezeigt, dass das im menschlichen Darm vorkommende Bakterium Clostridium ramosum Übergewicht fördert. Es begünstigt scheinbar die Zucker- und Fettaufnahme aus dem Dünndarm.

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