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Innovationen Wie das Neue in die Welt kommt

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Form folgt Funktion

Erfunden hat das Wort der englische Historiker Horace Walpole (1717–1797). In einem Brief an einen Freund berichtete er von dem persischen Märchen über „die drei Prinzen von Serendip“, die den glücklichen Zufall zu nutzen wussten. Die drei Sagenfiguren hätten, so der Plot des Märchens, auf einer Reise durch Zufall (accident) und Scharfsinn (sagacity) wiederholt Entdeckungen gemacht, die sie gar nicht gesucht hätten. Sie waren die Ersten, die die Signale aus der Zukunft auch im Lärm der Gegenwart entschlüsseln konnten. Der Zufall als Geburtshelfer des Fortschritts – was für eine schöne Idee.

Nun heißt das nicht, dass uns die Muse völlig unverhofft küsst. Man muss ihr zumindest die Tür öffnen. Appetit kommt beim Essen, und Ideen kommen beim Arbeiten. Das lehrt uns auch ein ganz großer Erfinder.

Thomas Edison hat nicht nur die Glühlampe erfunden, sondern auch den Generator, die Brennstoffzelle und den Kinematografen und noch vieles andere. Wie ist das möglich, wenn Erfinderglück oft aus der zufälligen, ungeplanten Begegnung mit dem Neuen entsteht?

Edison hat seiner Muse ziemlich oft die Tür aufgemacht, und außerdem hat er drei Türstopper eingesetzt, damit die Muse nach Belieben in seine Gedankenwelt hinein- und hinausfliegen konnte. Der erste Türstopper heißt „Fokus“. Edison hatte sich schlicht ganz fest vorgenommen, Neues in die Welt zu bringen. Eine kleinere Erfindung alle zehn Tage, eine größere alle sechs Monate.

Der zweite Türstopper sorgte dafür, dass immer genug Luft durch seine Gedankenwelt wehen konnte. Für Edison gab es kein Scheitern, es gab nur Lernerfolge. Wann immer ihm etwas misslang, sagte er sich, er habe ja etwas daraus gelernt und wisse beim nächsten Mal, wie und warum er anders vorgehen musste.

Der dritte Türstopper sorgt dafür, dass der Gedankenverkehr immer auf einer Zweibahnstraße unterwegs ist. Edison schrieb sein Leben lang eine Art Forschungstagebuch. Darin trug er nicht nur ein, was er tat, sondern vor allem, was er gedacht hatte. Edison schrieb auf, was sich im Prozess des Denkens tut, um so nachvollziehen zu können, wie er auf welche Ideen gekommen war, wo verschiedene Ideen miteinander gekämpft und wo er etwas aus seinen Gedanken verloren hatte, was er besser weiterverfolgt hätte.

Nicht jeder geht so konsequent und erfindungsreich vor, um der eigenen Kreativität den Weg zu Innovationen zu öffnen. Im alten Rom nutzten Soldaten Taschen aus Leder, um darin Essen zu transportieren. Gleichzeitig verfügten sie über eine beachtliche Zahl von Fahrzeugen mit Rädern. Trotzdem dauerte es bis in Jahr 1970, bis jemand beides miteinander kombinierte. Warum? Weil die Designer und Entwickler zu sehr damit beschäftigt waren, die Taschen zu verbessern. Sie klebten einen Reißverschluss dran und fertigten sie aus verschiedenen Materialien, Leder oder Nylon etwa. Kurzum: Sie konzentrierten sich auf die Form.

Der Text ist ein Auszug aus dem gerade erschienenen Buch „Serendipity“ (Kein & Aber, 14 Euro). Darin erzählen die WirtschaftsWoche-Herausgeberin Miriam Meckel und der WirtschaftsWoche-Ressortleiter Daniel Rettig die Geschichte hinter 77 zufälligen Entdeckungen – ein Lob auf den Zufall und die Zuversicht, die in ihm steckt. Und ein Ansporn, sich ihm zu stellen. Quelle: Presse

Bis ein gewisser Bernard Sadow durch einen Flughafen ging, in der Hand einen Koffer. Und zufällig einen Arbeiter erblickte, der eine schwere Maschine auf einem Rollbrett durch die Gegend schob. Das nahm Sadow zum Anlass, über eine komfortablere Methode nachzudenken, Dinge mit sich herumzuschleppen. Das war die Geburtsstunde des Rollkoffers – und gleichzeitig eine wertvolle Lektion für alle Erfinderinnen und Erfinder und solche, die es werden wollen: Ignoriert die Form – und konzentriert euch auf die Funktion.

Dazu braucht es vor allem einen anderen Blickwinkel, wie der irische Schriftsteller George Bernard Shaw einst bemerkte: „Du siehst Dinge und fragst: Warum? Doch ich träume von Dingen und sage: Warum nicht?“

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