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Interview mit Viren-Experten Hartmut Hengel: "Auch bei Erwachsenen haben Masern oft einen sehr schweren Krankheitsverlauf"

Masern ist eine Kinderkrankheit - aber keinesfalls harmlos. Hartmut Hengel, Virologie-Professor an der Uni Freiburg und Mitglied der Ständigen Impfkommission, spricht über die Vor- und Nachteile einer Impfung.

Aktuell bekommen fast 95 Prozent der Kleinkinder in Deutschland die erste Masern-Impfung, das ist ein guter Wert, meint Hengel. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Schon wieder ist eine Schule in Nordrhein-Westfalen tagelang geschlossen, weil die Masern ausgebrochen sind und sich 29 Menschen angesteckt haben. Warum macht ausgerechnet die Kinderkrankheit Masern immer wieder Schlagzeilen?

HENGEL: Weil es zwar eine Kinderkrankheit ist, aber keine von der harmlosen Sorte. Wer Masern hat, fühlt sich nicht nur elend und krank. Die Masern rufen auch in 20 bis 30 Prozent der Fälle Begleiterkrankungen wie Lungen-, Mittelohr- oder Hirnhautentzündungen hervor. Sie können vor allem bei sehr kleinen Kindern auch einen tödlichen Verlauf nehmen. Immerhin einer von ungefähr zehntausend Masern-Infizierten stirbt. Besonders heimtückisch ist die sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis, die noch Monate und Jahre nach der Masernerkrankung auftreten kann und immer tödlich endet. Auch wer die Erkrankung im Erwachsenenalter bekommt, hat oft einen sehr schweren Krankheitsverlauf.

Gerade vor der Masern-Impfung schrecken viele Eltern aber zurück, weil sie Angst vor Nebenwirkungen haben. Wie begründet ist die Sorge?

Gegen Masern werden Kinder ab dem elften Lebensmonat seit vielen Jahren in einer Kombinationsimpfung geimpft, die auch vor Mumps, Röteln und den Windpocken schützt. Anders als bei den meisten Kinderimpfungen handelt es sich um einen Lebendimpfstoff, der tatsächlich etwas häufiger Nebenwirkungen wie Unwohlsein oder leichtes Fieber hervorruft als die anderen Grundimmunisierungen für Kinder. Im Vergleich mit der Zahl schwerer Komplikationen bei einer echten Masern-Ansteckung sind diese Nebenwirkungen aber so harmlos, dass wir alles daran setzen sollten, die Menschen von den Vorteilen einer Impfung zu überzeugen. Denn auch nur dann, wenn mindestens 95 Prozent der Menschen geimpft sind, lassen sich die Masern völlig ausrotten.

Zehn Krankheiten, die in jedem Büro vorkommen
DUMENZBeschreibung:Fehlendes Erinnerungsvermögen, auf welche Anredeform man sich mit erfolgreich verdrängten Kollegen einst geeinigt hatte Diagnose: Leichte Form: Die Erkrankten stehen offen zu ihrem Leiden: „Waren wir eigentlich beim Du?“ Schwere Form: Konsequente Verwendung von Indefinitpronomen: „Man hat sich ja schon lange nicht mehr gesehen! Wie geht‘s einem denn so?“ Behandlungsmöglichkeit:Gegen Dumenz wurde bislang leider kein wirksames Sierum gefunden. Quelle: Fotolia
AKW – ABKÜRZUNGSWAHNSymptome:„Wir möchten Sie darum bitten, f. QX-Vorgänge künft. ausschl. den Vordr. PD zu verwenden! Form. TJ gilt somit nur noch f. NF-, VB-, UL u. FiK-Aktivit. der FB FK, SO u. HÜ, die NICHT über ein CR abgew. werden können (m. Ausn. v. LM- u. AA-Prozessen)! Bei Fr. wenden Sie sich über die SeS (Maske QU) an den f. Sie zust. FU od. CK. EOM. MfG, FE“ Verwandte Krankheiten:Fachidiotie, Tastenneurose Behandlungsmöglichkeit:Ausschr. d. Worte. Quelle: Fotolia
CHARTWAHNBeschreibung:Unvermögen, Dinge ohne Balken-, Linien- oder Kreisdiagramme zu verstehen Verbreitung:Der Chartwahn tritt fast ausschließlich im höheren Management bzw. auf Geschäftsführer- oder Vorstandsebene auf. Behandlungsmöglichkeit:Malen nach Zahlen Quelle: Fotolia
FLOSKELIEBeschreibung:Maßlose Verwendung inhaltsleerer Sprachhülsen, oft in Kombination mit pathologischer Unlustigkeit Symptome:Gerne gratulieren Erkrankte mit den Worten „Herzlichen Glühstrumpf“, stücken ein Rück oder müssen mal für kleine Königstiger. Dabei holen sie gerne noch weitere Kollegen mit ins Boot. Sie verbringen ihre Arbeitstage zum Bleistift damit, grüne Wiesen auf dem Schirm zu haben, Klarheiten zu beseitigen und gemeinsam mit anderen Pfarrerstöchtern Projekte einzutüten. Klappen die Erkrankten gegen 17 Uhr ihre Schlepptops endlich zu, verabschieden sie sich mit „Tschüssikowski!“ Verwandte Krankheit:Verbaler Durchfall Quelle: Fotolia
HEIMWEHBeschreibung:Quälende Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden oder dem eigenen Balkon; beginnt in der Regel mit dem Betreten des Firmengebäudes Verstärkende Faktoren:Schönes Wetter und sportliche Großereignisse während der Arbeitszeit Behandlungsmöglichkeit:Home-Office, Urlaub, Vorruhestand, Lottogewinn Quelle: Fotolia
KATEGORISCHER KONJUNKTIVBeschreibung:Verbale Arbeits- und Verantwortungsvermeidungsstrategie; äußert sich durch die inflationäre Verwendung von Indefinitpronomen und Konjunktiven Symptome:In E-Mails und Besprechungen häufen sich Formulierungen wie „irgendjemand müsste“, „man sollte“ oder „einer könnte ja mal“. Verwandte Krankheit:Dumenz Quelle: Fotolia
KLEBTOMANIEMeist beginnt die Klebtomanie mit einem einzigen am Rahmen des Monitors angebracht Klebezettel, auf den der Betroffene Dinge wie „Chef anrufen“ schreibt. Da sich aus dem Telefonat mit dem Vorgesetzten gleich mehrere wichtige To-Do‘s ergeben, werden diese umgehend auf weiteren Zetteln notiert, die der Erkrankte anschließend an die (noch) freien Stellen am Bildschirmrand anheftet. Unglücklicherweise fehlt aufgrund der Dringlichkeit der Aufgaben jedoch die Zeit, nicht mehr benötigte Notizen zu entfernen – der Beginn eines fatalen Teufelskreislaufs (daher die Redewendung „sich verzetteln“). Behandlungsmöglichkeit:Hirn einschalten, und nicht jeden Blödsinn sofort aufschreiben! Quelle: Fotolia

Gesundheitsminister Bahr drohte bereits damit, dass er eine Impfpflicht einführen wolle. Und bei einer aktuellen Forsa-Umfrage sprachen sich sogar 80 Prozent der über 1000 befragten Erwachsenen dafür aus, weil viele Eltern zu sorglos mit dem Thema umgingen. Braucht es diesen Zwang, um Masern in den Griff zu bekommen?

Ich glaube nicht. Denn die Impfraten sind in den letzten Jahren immer besser geworden. Aktuell bekommen fast 95 Prozent der Kleinkinder in Deutschland die erste Masern-Impfung, das ist ein guter Wert. Nur bei der Nachimpfung liegt die Rate mit unter 70 Prozent noch deutlich zu niedrig. Das Hauptproblem, das wir derzeit haben, ist eine große Impflücke bei den jungen Erwachsenen . Die damals nicht geimpften Kinder sind heute als Jugendliche und Erwachsene völlig ungeschützt. Und was noch fataler ist: Wenn solche Frauen, die weder als Kind an Masern erkrankt waren noch geimpft sind, ein Baby bekommen, ist dieser Säugling in den ersten Lebensmonaten völlig schutzlos.

Hartmut Hengel:

Ist das nicht generell so?

Nein, denn normalerweise vererbt die Mutter einen Teil ihrer im Laufe des Lebens erworbenen Abwehrkräfte, nämlich Antikörper, auf ihr Kind – den sogenannten Nestschutz.

Könnten solche Säuglinge nicht mit einer frühen Impfung geschützt werden?

Leider nein. Weil der Masernimpfstoff erst ab dem elften Monat zugelassen ist und es keinerlei Daten dazu gibt, wie etwa Neugeborene auf die Impfung reagieren würden, können Säuglinge ohne Nestschutz in diesen frühen Lebensmonaten auch nicht gegen Masern geimpft werden. Frauen, die Kinder bekommen möchten und ohne Antikörper gegen Masern sind, sollten sich deshalb auch im Blick auf ihr Kind unbedingt gegen Masern impfen lassen. Das kann man problemlos auch noch im Erwachsenenalter nachholen. Bei Erwachsenen verlaufen Masern wie gesagt besonders schwer, so dass diese Empfehlung generell gilt, also auch für Männer ohne Immunschutz.

Gerade in anthroposophischen Kreisen gilt das Durchleben einer Krankheit wie Masern aber als Wert an sich, der den Körper stärkt und reinigt. Auch die aktuell betroffene Schule in Erftstadt bei Köln ist eine anthroposophische Waldorfschule, wo offensichtlich viele Kinder nicht geimpft waren. Gibt es einen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass der Körper an einer Krankheit wächst?

Nein, ich halte diese Haltung bei einer gefährlichen Infektionskrankheit für Darwinismus. Denn wer sich mit den Masern oder irgendeiner anderen ansteckenden Krankheit infiziert – und es ohne Schaden überlebt – ist anschließend nicht gestärkt oder gereinigt, sondern lediglich immun gegen eine weitere Maserninfektion. Nicht mehr und nicht weniger. Derselbe Schutzeffekt lässt sich aber völlig gefahrlos mit der Impfung erreichen.

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