Klon-Paper Warum Forscher immer öfter Fehler publizieren

Zum zweiten Mal binnen weniger Jahre droht eine als bahnbrechend eingestufte Forschungsarbeit über das Klonen in einem Wissenschaftsskandal zu enden. Über die Wissenschaft und ihre Skandale.

Diese Tiere begeistern die Forscher
Forscher haben in den Anden in Peru eine neue Wasserfroschart entdeckt. Der "Telmatobius ventriflavum", also der "Gelbbauch" gehört zur bedrohten Gattung der "Telmatobius", die beispielsweise in Ecuador bereits als ausgestorben gelten. Quelle: A. Catenazzi
Wissenschaftler aus den USA haben 2013 eine neue Tierart entdeckt, den "Olinguito (Bassaricyon neblina)". Ein brauner Pelz, dunkle Knopfaugen, runde Ohren und eine stupsige Schnauze mit Barthaaren – wie eine Mischung aus Teddybär und Hauskatze sieht der Olinguito aus. Das neu entdeckte Tier lebt in den Nadelwäldern der Anden. Allerdings ist der Lebensraum der Olinguitos bedroht. 42 Prozent ihres Lebensraums ist bereits Feldern oder Wohnraum gewichen, heißt es in der Veröffentlichung. Quelle: Reuters
Ein nur sieben Millimeter großer Frosch ist seit Sommer 2013 das kleinste bekannte Wirbeltier der Welt. Der Frosch mit dem lateinischen Namen Paedophryne amauensis lebt im Regenwald von Papua-Neuguinea. Er wurde von der Universität von Arizona in Tempe für die Liste ausgewählt. Viele der dort genannten Tiere und Pflanzen wurden schon vor langer Zeit entdeckt, aber erst 2012 als neue Art beschrieben. Quelle: dpa
Erstmals seit 28 Jahren stießen Biologen in Afrika auf eine noch unbekannte Affenart. Das Lesula-Äffchen (Cercopithecus lomamiensis) lebt versteckt in der Lonami-Region des Kongo. Es hat „menschenähnliche“ Augen, männliche Tiere fallen außerdem durch einen leuchtend blauen Hautstreifen über ihrem Hinterteil und dem Geschlecht auf. Männchen wie Weibchen sollen das Morgengrauen lautstark mit einer ihnen eigenen Art von Affentanz begrüßen. Quelle: dpa
Ein fleischfressender Schwamm begeisterte die Forscher mit seinen harfenähnlichen Armen. Es ist kein Wunder, dass er bisher verborgen blieb - Chondrocladia lyra lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Quelle: dpa
Diesen Schmetterling mit durchsichtigen Flügeln und einem spinnenförmigen Fleck darauf, entdeckten Biologen auf der Internetseite des Fotodienstes Flickr. Über Umwege identifizierten sie das Insekt als neue Art und benannten es nach der Tochter (Jade) des Fotografen: Semachrysa jade. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Quelle: dpa
Eine fluoreszierende Kakerlake vom Tungurahua Vulkan in Ecuador schaffte es 70 Jahre nach ihrem Fund auf die Artenliste. Inzwischen könnte das leuchtende Insekt ( Lucihormetica luckae), das seine Feinde ähnlich abschreckte wie ein giftiger Käfer, nach Meinung der Autoren schon ausgestorben sein. Quelle: Presse
Viola lilliputana, ein Veilchen, das nicht einmal einen Zentimeter aus der Erde herausragt, hatte bisher unerkannt auf einer Ebene hoch in Perus Anden geblüht. Es dauerte ein halbes Jahrhundert, bis Biologen Proben aus den 1960er Jahren analysierten.
Auf der Liste steht auch eine Schlange, die Wissenschaftler des Frankfurter Senckenberg-Instituts in Mittelamerika entdeckt hatten. Die Biologen stellen die ungiftige Schneckennatter im Fachmagazin „Zootaxa“ vor. Mit dem wissenschaftlichen Namen Sibon noalamina für dieses Tier wollten die Forscher ein Zeichen für die Umwelt setzen - der spanische zweite Teil bedeutet so viel wie "Nein zur Mine". Die Schlange stehe mit ihrem Namen gegen den Raubbau an der Natur und für die Erhaltung der Bergwälder im Westen Panamas. Der Name soll darauf aufmerksam machen, dass der Lebensraum der harmlosen Schneckennatter durch menschliche Eingriffe akut bedroht ist. Quelle: dpa
Ein Insekt, das vor 165 Millionen Jahren lebte, hatten Forscher in fossilen Sedimenten in China entdeckt. Es sah aus wie das Blatt eines Baums - wahrscheinlich um so leichter an Beute zu gelangen. Die Forscher nannten das Tier Juracimbrophlebia ginkgofolia. Im Bild zu sehen ist eine Animation, wie das Tier ausgesehen haben könnte. Quelle: Presse
Ein schwarzer Pilz bedroht die prähistorischen Wandmalereien in Frankreichs Lascaux-Höhle, heißt es weiter. 2001 entdeckt, ist der Fungus seit 2012 beschrieben und als Ochroconis anomala bekannt. Quelle: Presse
Auf der Insel Madagaskar (die Vakinankaratra-Region im Bild) stießen Forscher auf die unbekannte Version eines weit über Afrika hinaus verbreiteten Busches: Das immergrüne Gewächs Eugenia petrikensis gedieh einst prächtig an Madagaskars Ostküste, schreiben die Autoren, sei durch deren Besiedlung aber selten geworden. Quelle: REUTERS

Die Forscherwelt ist mal wieder sprachlos. Zum zweiten Mal binnen weniger Jahre droht eine als bahnbrechend eingestufte Forschungsarbeit über das Klonen in einem Wissenschaftsskandal zu enden. Auslöser ist eine Veröffentlichung des Reproduktionsbiologen Shoukhrat Mitalipov und seiner Kollegen von der Oregon Health & Science University im renommierten Wissenschaftsmagazin „Cell“.

17 Jahre nach der Geburt von Klon-Schaf Dolly sei es gelungen, nun auch menschliche Zellen zu klonen, um Stammzellen für Therapien gegen schwere Krankheiten zu gewinnen, schreiben die Forscher in dem Aufsehen erregenden Fachaufsatz. Nach rekordverdächtigen vier Tagen Prüfung akzeptierte die „Cell“-Redaktion den Text und veröffentlichte ihn im Mai online. Doch kaum war die Arbeit publik, meldete PubPeer Zweifel an, eine Internet-Plattform, auf der sich Wissenschaftler anonym zu Veröffentlichungen äußern können. Einige Fotos seien mehrfach verwendet, aber unterschiedlich beschriftet, andere Abbildungen fehlten.

„Nicht schon wieder“, stöhnen Klonforscher wie Miodrag Stojkovic auf. Einst verließ er Deutschland, um in England Versuche zum Klonen von menschlichen Zellen unternehmen zu können. Nun sieht er starke Parallelen zum großen Betrugsskandal vor acht Jahren. Damals hatte der südkoreanische Klonforscher Hwang Woo-suk seine frei erfundenen Ergebnisse von angeblich geklonten menschlichen embryonalen Stammzellen im renommierten Wissenschaftsjournal „Science“ veröffentlicht.

Aufgeflogen war die Sache – genau wie jetzt – anhand von Fotos, die mehrfach auftauchten, um unterschiedliche Sachverhalte zu belegen. „Das ist eine unglaubliche Schlamperei“, wettert Stojkovic.

Sein Stammzellforscher-Kollege Jürgen Hescheler vom Institut für Neurophysiologie der Universität Köln hält Unstimmigkeiten wie im Mitalipov-Paper zudem nur für die Spitze des Eisberges: „Der hohe Druck auf die Wissenschaftler führt zu solchen unerwünschten Auswirkungen.“

Der Effekt: Obwohl die Möglichkeiten, Fehler aufzudecken, heute sehr viel besser ist als noch vor 100 Jahren, nimmt die Zahl der veröffentlichten Falschinformationen stetig zu. Und die Beiträge schaffen es bis in hochrangigste Fachzeitschriften.

Sechs Thesen, warum das so ist.

  • Publikationszwang

    „Die Publikation ist die Währung der Wissenschaft“, sagt Wolfgang Löwer, Jura-Professor in Bonn und Sprecher des Ombudsgremiums der Deutschen Forscher. Wer seine Ergebnisse nicht veröffentlicht und damit der Forschergemeinde präsentiert, gelte als nicht existent. Löwer ist einer der wichtigsten Experten, wenn es um mögliche oder tatsächliche Betrugsfälle in der deutschen Wissenschaft geht.

    Dabei hat sich die Veröffentlichungskultur in den letzten Jahren dramatisch verändert, hat Armin Himmelrath festgestellt. Der Fachbuchautor hat in seinem Buch „Der Sündenfall“* deutsche Wissenschaftsbetrugsfälle aufgearbeitet. Die Zeiten seien vorbei, als auch zweite Arbeiten als sehr verdienstvoll galten, sagt Himmelrath. Dabei sind es gerade Zweitveröffentlichungen, die die ersten Ergebnis bestätigten und damit erst wertvoll und glaubhaft machten. „Heute zählt nur noch, wer die erste Publikation einer neuen Technik oder Erkenntnis hat.“

  • Produktionsdruck

    Mehr denn je gilt daher: Wer sich profilieren will, muss schnell sein. Im Zweifel besser schnell als genau. Das führt – mindestens – zu Flüchtigkeitsfehlern. Und möglicherweise scheint es sich beim aktuellen Fall auch eher um eine Panne als um eine bewusste Täuschung zu handeln. Zumindest stellt Biologe Mitalipov, der das Forscherteam in Oregon leitet, es so dar. Er räumte die Fehler – anders als seinerzeit Hwang – umgehend ein. Der Zeitdruck beim Zusammenstellen der Unterlagen für die Publikation sei der Grund gewesen, warum Fotos vertauscht worden seien. Alles andere sei korrekt, beteuert Mitalipov: „Die Ergebnisse sind echt, alles ist echt.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%