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Krankenhäuser im Ausnahmezustand „Wir kaufen ein, was wir kriegen können“

Team der Notaufnahme der Uniklinik Essen: Appell an die Bevölkerung, daheim zu bleiben.  Quelle: dpa

Deutsche Krankenhäuser stellen sich auf den Höhepunkt der Coronakrise ein. Wie die Leitung an der Uniklinik Essen Betten und Vorräte aufstockt und sogar mit 3-D-Druckern improvisiert.

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Die Uniklinik Essen liegt mitten im Ruhrgebiet, Deutschlands größtem Ballungsraum - und muss sich auf hunderte Coronavirus-Patienten einstellen. Für den ärztlichen Direktor Jochen A. Werner und den kaufmännischen Direktor Thorsten Kaatze ist jetzt jeder Tag ein Tag des Krisenmanagements.

WirtschaftsWoche: Herr Werner, Deutschland bereitet sich auf eine wachsende Zahl schwerer Covid-19-Erkrankungen vor. Wie ist die Lage an Ihrer Klinik?
Jochen Werner: Die Zahl der Patienten nimmt Tag für Tag zu. Aktuell behandeln wir 50 Menschen, ein Drittel davon wird beatmet. Fünf Patienten sind leider gestorben. Und wir rechnen mit einer stetigen Zunahme der Coronavirus-Patienten in den nächsten Wochen.

Wie gut sind Sie vorbereitet?
Aktuell halten wir eine dreistellige Zahl an Betten frei für die Patienten mit Corona-Infektion, die absehbar stationär behandelt werden müssen. Unsere Mitarbeiter haben die Notaufnahme deutlich erweitert, ganze Stationen freigeräumt, weitere Beatmungsgeräte installiert. Und wir schulen viele Ärzte und Pfleger für die Behandlung von Covid-19-Patienten.

Krisenmanager: Jochen A. Werner, der ärztliche Direktor der Uniklinik Essen. Quelle: PR

Was bedeutet die Pandemie für den Krankenhausbetrieb
Jochen Werner: So eine Krise hat es in den vergangenen 75 Jahren nicht gegeben. Wir haben alle operativen Eingriffe, die nicht dringend nötig sind, komplett eingestellt. Seit Wochen tagt das Leitungsteam täglich, um die Lage zu sondieren und das Krankenhaus umzustrukturieren. Viele engagierte Mitarbeiter haben sich freiwillig bereit erklärt, auf den Intensivstationen und in der Notaufnahme mitzuarbeiten. Gleichzeitig müssen wir in der Lage bleiben, Notfall-Patienten etwa mit einem Schlaganfall oder Herzinfarkt zu behandeln. Es besteht die Gefahr, dass Patienten ihre Symptome unterschätzen und zu Hause bleiben. Covid-19 fordert der Uniklinik jeden Tag unheimlich große Anstrengungen ab.

Viele Menschen machen sich Sorgen, dass Krankenhäuser in Deutschland bald mit der Zahl der Patienten überfordert sein könnten.
Jochen Werner: Wir sollten keine übertriebenen Ängste schüren. Auch wenn die Patientenzahl das jetzige Limit übersteigt, können wir noch in mehreren Stufen die Covid-Behandlung erweitern. Aber es wäre auch falsch, sich in Deutschland in einer zu hohen Sicherheit zu wägen. Wichtig ist jetzt, dass die Zahl der Infektionen möglichst langsam steigt.

Wie gut ist die Versorgung mit medizinischer Ausrüstung?
Thorsten Kaatze: Wir haben viele Vorräte, und unsere Einkäufer arbeiten auf Hochtouren. Bestellungen, die früher Wochen Vorlauf hatten, erledigen sie jetzt Tag für Tag direkt am Telefon. Wir kaufen ein, was wir kriegen können. Aber es drängen jetzt auch viele Anbieter auf den Markt mit Produkten, deren Seriosität schwer einzuschätzen ist. Und viele Krankenhäuser müssen überzogene Preise zahlen, weil manche Produkte praktisch nicht mehr zu bekommen sind. Zum Glück haben wir gute, langjährige Beziehungen zu unseren Lieferanten. Gleichzeitig ist die Logistik komplizierter geworden, auch weil die Lieferanten Personalausfälle wegen Corona haben. Wir  beschäftigen Mitarbeiter damit, das Material direkt zu den Stationen zu bringen.

In Italien ist Schutzkleidung Mangelware - sind Sie damit gut ausgestattet?
Thorsten Kaatze: Über unseren Materialbestand hinaus haben wir viele innovative Lösungen entwickelt. Unsere Polsterei, die sonst Möbel repariert, fertigt nun Material für die Mitarbeiter. Gesichtsmasken etwa, so genannte Faceshields, stellen wir jetzt selbst her: Mit 3-D-Druckern, die wir bisher für den Bau von Prothesen benutzt haben, produzieren wir die Stirnbänder. Den Sichtschutz bauen wir aus Laminierfolie, die Ösen prägen wir mit Vierfachlochern hinein.

Und wie sieht es bei Beatmungsgeräten aus?
Thorsten Kaatze: Der Markt an Beatmungsgeräten ist für die nächsten 20 Wochen leergefegt. Sie können vielleicht noch irgendwelche Geräte aus China kaufen, aber auch diese Lieferungen werden jetzt vermutlich umgelenkt in die USA. Wenn wir in Deutschland vernünftig mit dem Abstandsgebot und den weiteren Verhaltensregeln umgehen, sollten wir auf absehbare Zeit mit den Geräten auskommen. Wichtig sind aber nicht nur die Geräte, sondern geschultes Personal, das sie bedienen kann. Da sind wir zum Glück gut vorbereitet.

Der kaufmännische Direktor der Uniklinik: Thorsten Kaatze. Quelle: PR

Die Regierung stellt Krankenhäusern 50.000 Euro bereit für jedes zusätzliche Intensivbett. Reicht das?
Thorsten Kaatze: Mit allem, was daran hängt - Ultraschallgerät, Echogerät, Infusion, Monitoring und mehr - kostet jedes weitere Bett eher 150.000 Euro. Wir stehen vor großen finanziellen Belastungen. Wir gehen aber davon aus, dass Bund und Länder die Mehrbelastung der Kliniken im Nachgang der Krise ausgleichen werden.

In vielen Krankenhäusern wurde zuletzt gespart - ein Fehler?
Jochen Werner: Viele Krankenhäuser werden rein kaufmännisch geführt - und stoßen jetzt an ihre Grenzen bei medizinischen Grundentscheidungen. Darum bin ich sicher: Die deutschen Krankenhäuser müssen von zwei Experten geführt werden: von einem Kaufmann und einem Arzt. Wir praktizieren das seit langem so - und ich als Mediziner kann und muss in dieser Situation die Reißleine ziehen, wenn es medizinisch keine Alternative gibt.

Als Uniklinik behandeln Sie Infektionskrankheiten nicht nur, sondern erforschen sie auch. Wie gut kommen Sie voran in Zeiten von Kontaktsperren? 
Jochen Werner: Unsere Mitarbeiter in der Virologie und der Infektiologie arbeiten uneingeschränkt weiter. Wir haben seit Jahren eine Forschungspartnerschaft mit einer Klinik im chinesischen Wuhan, tauschen Doktoranden aus und haben jetzt ein neues gemeinsames Forschungsprogramm gestartet. Besonders jetzt ist das eine ganz wichtige internationale Partnerschaft.

Es gibt aber auch Länder, die sich abschotten und Atemmasken horten. Wie gut klappt die internationale Kooperation überhaupt noch? 
Jochen Werner: Die Zusammenarbeit kommt im Moment zu kurz, sogar die Bundesländer arbeiten teilweise lieber für sich. Wir gehen einen anderen Weg. Wir  haben Patienten aus Frankreich aufgenommen, um die Krankenhäuser dort zu entlasten. Wir müssen jetzt als Europäer zusammenhalten - und dürfen nicht vergessen, dass es gemeinsam um das große Ganze geht.

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