Krebsforscherin Cornelia Ulrich Mit Kopfschmerzmittel gegen Tumore

Einer neuen Studie zufolge schützt Aspirin vor Krebs. Wie das funktioniert, weiß Cornelia Ulrich vom Deutschen Krebsforschungszentrum.

Mit Aspirin soll es möglich werden Krebserkrankungen vorzubeugen Quelle: dpa

Professor Ulrich, eine neue Studie belegt, dass Aspirin Krebs vorbeugen kann. Wie funktioniert das?

Chronische Entzündungen im Gewebe können die Krebsentstehung fördern, das ist eindeutig belegt. Etwa für Darmkrebs, Leberkrebs und Speiseröhrenkrebs, aber vermutlich auch andere Tumore. Aspirin greift primär in die Prostaglandinsynthese ein, und kann dadurch entzündliche Prozesse hemmen. Gleichzeitig ist die Dosierung, bei der diese Effekte gefunden wurden, allerdings geringer als die allgemein zur Entzündungshemmung notwendige. Man vermutet daher, dass es noch andere Mechanismen gibt, zum Beispiel durch Einfluss auf die Blutplättchen.

Zur Person

Wo setzt Aspirin an, um Tumore gar nicht entstehen zu lassen? Was genau verursacht die krebshemmende Wirkung?

Konkret hemmt Aspirin das Cyclooxygenase-Enzym, das in der Prostaglandinsynthese zentral ist.

Auch Obst und Gemüse sollen Krebs verhindern. Ist Aspirin vergleichbar in seiner tumorhemmenden Wirkung oder effektiver?

Professor Cornelia Ulrich Quelle: Presse

Das kann man so direkt nicht vergleichen. Vermutlich ist die Wirkung von Obst und Gemüse mindestens in der gleichen Größenordnung – die Zufuhr lässt sich nur viel schwerer messen und auch in klinischen randomisierten Studien nur unter sehr hohem Kostenaufwand testen – deshalb können wir hier den Effekt nicht so gut definieren. Obst und Gemüse sind vor allem für Magenkrebs, Lungenkrebs, aber auch Darmkrebs auf der Präventionsliste. ASS scheint bevorzugt auf Tumore des Magen-Darmtrakts zu wirken. Interessanterweise enthalten manche Gemüsearten auch entzündungshemmende Stoffe, die ASS ähnlich sind – es gibt hier also gemeinsame Wirkmechanismen.

Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus? Kann Aspirin bei Dauereinnahme nicht auch schädliche Effekte wie Magenblutungen verursachen?

Die Effekte von ASS auf die Krebsprävention sind inzwischen sehr überzeugend – und dennoch hat dies seinen Preis. Auch wenn die Dosierung, die krebspräventiv wirkt, recht gering ist (etwa 80-100mg/Tag), können Blutungen auftreten. Diese können vor allem bei Menschen über 70 Jahren öfter schwerwiegend sein. Allerdings sind die meisten Blutungen behandelbar und treten innerhalb der ersten 2 Jahre von einer regelmässigen Einnahme von ASS auf – man kann also danach relativ sicher sein, dass nichts mehr passiert.   

Was an den Krebs-Mythen dran ist
Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen hat sich laut eines Expertenberichts seit 1970 fast verdoppelt Quelle: dpa
Krebs ist ansteckendDieses Vorurteil hält sich standhaft. Dabei ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen, dass Krebs weder über den normalen Umgang mit Patienten noch über die Pflege, nicht einmal über Sex, übertragen werden kann. Denn Patienten scheiden die Krebszellen nicht aus. Kommt ein Mensch versehentlich mit Tumorgewebe direkt in Berührung, erkennt das Immunsystem die fremden Körperzellen und eliminiert sie. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass dieser Schutzmechanismus sogar funktioniert, wenn man eine Bluttransfusion mit dem Blut eines Krebskranken verabreicht bekommt. Quelle: Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums Quelle: dpa/dpaweb
Abtreibung löst Brustkrebs ausDieses Gerücht ist eine echte Belastung für alle Frauen, die sich im Laufe ihres Lebens einmal gegen ein Kind entscheiden mussten. Ausgangspunkt ist eine Studie aus den USA, die weltweit in den Medien zitiert wurde. Diese legte nahe, dass Abtreibungen das Risiko für ein Mammakarzinom erhöhe. Kritiker bemängelten, dass mit der Studie keine Krebshäufung unter betroffenen Frauen nachgewiesen werden konnte. Auch ließe sich gar nicht ablesen, dass Abtreibung und Brustkrebs ursächlich etwas miteinander zu tun hätten. Mittlerweile wurden fundierte Studien durchgeführt, die zeigen, dass Schwangerschaftsabbrüche und auch ungewollte Fehlgeburten als Risiko für Brustkrebs relativ sicher ausgeschlossen werden können. Quelle: dpa
Zu enge BHs verursachen BrustkrebsAuch diesen Mythos schürte ein Buch aus den USA. Darin hieß es, dass das Abklemmen der Lymphbahnen dazu führe, dass der Stoffwechsel nicht gut funktioniere und Schadstoffe nicht abwandern könnten. Ein Beweis oder eine wissenschaftliche Quelle für diese Behauptung konnten die Autoren jedoch nicht liefern. Inzwischen ist klar: Das Tragen von Büstenhaltern beeinflusst das Brustkrebsrisiko nicht, egal ob zu eng oder gut passend, mit Bügel oder ohne. Quelle: dpa
Viele Lebensmittel sind für Krebspatienten giftigSo viele Ratschläge Freunde und Bekannte auch auf den Lippen haben, eine sogenannte "Krebsdiät" gibt es nicht. Häufig wird vor Kartoffeln, Tomaten oder Schweinefleisch gewarnt, die angeblich giftig für Krebspatienten seien. Tatsächlich enthalten die Nachtschattengewächse Kartoffeln und Tomaten in ihren grünen Pflanzenteilen das schwach giftige Solanin. Krebs fördert dieser Stoff jedoch nicht. Das Gerücht, Schweinefleisch sei schädlich, scheint eher einen weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund zu haben. Wissenschaftliche Belege, dass das Fleisch ungesund ist, gibt es jedenfalls nicht. Quelle: dpa
Krebsrisiko steigt nach einer SterilisationFührt eine Durchtrennung der Eileiter oder Samenstränge zur Empfängnisverhütung zu Krebs? Hierauf ist die Antwort nicht so eindeutig zu geben. Bei Frauen konnte die Vermutung, eine Unterbindung der Eileiter führe zu Eierstockkrebs, bislang nicht durch Studien belegt werden. Bei Männern sieht die Sache etwas anders aus: Jahrelang galt eine Vasektomie als ungefährlich. Das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, scheint tatsächlich nicht anzusteigen. Bei Prostatakrebs hingegen sehen die Wissenschaftler noch offene Fragen. Eine US-Studie die im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht wurde und 50.000 Männer über einen Zeitraum von 24 Jahren beobachtete, wies auf einen leichten Anstieg aggressiver Prostatakarzinome nach einer Vasektomie hin. Der Mechanismus dahinter ist aber noch unklar. Quelle: dpa
Übergewicht macht krebskrankEs gibt Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Körpergewicht und Brustkrebs gibt. Und tatsächlich müssen Frauen, die nach den Wechseljahren deutlich übergewichtig sind, mit einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit leben. Für jüngere Frauen wurde dieser Zusammenhang bisher nicht bestätigt. Laut dem Krebsinformationsdienst laufen hierzu aktuell noch weitere Studien. Quelle: dpa
Verletzungen können Zellveränderungen auslösenBisher gibt es keinen Beleg dafür, dass Traumata des Gewebes wie Stöße, Schläge, Blutergüsse oder Quetschungen Krebs fördern. Ausgenommen sind Menschen, die lange Jahre unter einem Lymphödem leiden - einer chronischen Gewebeschwellung durch Flüssigkeitseinlagerung. Dadurch steigt das Risiko einer Form von Weichteiltumoren. Diese Tumore sind jedoch sehr selten. Quelle: dpa/dpaweb
Zucker füttert den Krebs"Verzichte bloß auf Zucker!" Diesen Ratschlag hören krebskranke Menschen oft. Denn Zucker ist der Energielieferant schlechthin für unsere Zellen. Die Beobachtung des Energiestoffwechsels von Tumorzellen und ob sich dieser von gesunden Zellen unterscheidet, ist eine wichtige Frage der Krebsforschung. Bislang gibt es keine Studienergebnisse, die diese Theorie klar be- oder widerlegen könnten. Für eine zuckerfreie Ernährung von Krebspatienten fehlt daher die wissenschaftliche Grundlage. Krebsforscher warnen im Gegenteil vor allzu strengen Diäten, um den Körper und den Appetit, der ohnehin unter der Krankheit und der Therapie leidet, nicht zu überfordern. Quelle: dpa
HPV-Impfung kann Krebs auslösenDie Befürchtung tauchte bereits vor acht Jahren auf. Damals wurde ein Impfstoff gegen sogenannten humanen Papillomviren (HPV) auf den Markt gebracht. Diese Erreger sind an der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs beteiligt und an weiteren Tumoren im Intimbereich bei Frauen und Männern. Seit einiger Zeit weiß man, dass sie auch bei Krebs im Mund-Rachen-Raum eine Rolle spielen.  In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO), Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren zu impfen. Experten gehen davon aus, dass nicht nur Mädchen, sondern auch erwachsene Frauen, Jungen und Männer von einer Impfung profitieren: Sie kann vor vielen, wenn auch nicht allen virusbedingten Zellveränderungen bewahren, die langfristig zu Krebs führen. Das Impfen selbst kann keine HPV-Infektion hervorrufen. Voraussetzung für eine Ansteckung wäre, dass der Impfstoff Erbmaterial der Papillomviren enthielte. Dies ist aber nicht der Fall. Quelle: dapd
Wer fünf Jahre krebsfrei ist, ist geheilt Quelle: dpa

Wäre eine solche Prävention mit Aspirin für alle Menschen, Altersgruppen und Tumorarten gleich sinnvoll?

Diese Art der Prävention ist mit Sicherheit nicht für alle Menschen angebracht und ein Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin sollte vor Einnahme auf jeden Fall stattfinden. Der Nutzen einer Einnahme in Relation zu den Kosten (also z.B. Nebenwirkungen) ist am höchsten bei Personen zwischen 50 und 69 Jahren.  Hier scheint sich die Krebsentstehung eindeutig verzögern zu lassen, mit relativ selten auftretenden und gut behandelbaren Blutungen. Aspirin kann am ehesten Tumore verhindern, die im Magen-Darmtrakt entstehen. Aber auch für andere Tumorarten gibt es keine Risiken, sondern eher Nutzen oder keine Effekte.

Alle Menschen sind unterschiedlich – und genetische Faktoren können bestimmen, wie gut man ASS verträgt und wie wirksam es ist. Am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT)  in Heidelberg arbeiten wir an Untersuchungen für einen Bluttest, mit dem sich vorhersagen lässt, ob jemand Nutzen oder eher Schaden von einer Aspirineinnahme hat.

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