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Künstliches Fleisch Hightech me(a)ts Hack

Fleischersatz: Hightech-Frikadellen von Impossible Foods. Quelle: Presse

Ob aus Pflanzen oder nachwachsenden Fleischzellen: Kunstfleisch wird massenkompatibel. Entwickelt von Start-ups und finanziert von der Techelite, könnte dem einstigen Nischenprodukt der Durchbruch gelingen.

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David Chang, New Yorker Spitzenkoch und stadtbekannter Fleischfetischist („Wir servieren hier nichts für Vegetarier“), ist neuerdings vom Glauben abgefallen. Die Sensation auf der Mittagskarte seines Trend-Restaurants Momofuku Nishi ist derzeit der Impossible Burger, der kommt völlig ohne Fleisch aus.

Gäste halten für zwölf Dollar im Momofuku nun ein gut gebräuntes Sesambrötchen in den Händen mit einer knusprig gegrillten Bulette darin, die in der Mitte noch leicht rosa schimmert und wie ein echter Burger aussieht. Drücken sie es behutsam zusammen, quillt sogar noch ein wenig Fett heraus. Es gibt den Burger medium oder gut durchgebraten. Die Testesser von der US-Zeitschrift „Vogue“ haben ihn kürzlich probiert. Das Fazit des Magazins für höhere Ansprüche: „Er schmeckt wie der echte.“

Changs Geheimnis? Die Rezeptur stammt vom Start-up Impossible Foods aus dem Silicon Valley. Statt Rinderhack brutzelt ein Mix aus Weizen, Kokosöl, Kartoffelprotein und im Labor entwickelten pflanzlichen Zutaten. Es ist eine so überzeugende Alternative zu echtem Rindfleisch, dass Impossible Foods von Microsoft-Gründer Bill Gates und Google Ventures finanziert wird.

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Die Techelite ist zu einer neuen Mission aufgebrochen: Nach Kolonien auf dem Mars (Tesla-Chef Elon Musk) und Zufluchtsorten auf dem Ozean (Facebook-Investor Peter Thiel) pumpen Vordenker wie Gates ihre Millionen neuerdings lieber in ein bodenständiges Projekt: wie die Menschheit vor dem Untergang bewahrt werden könnte – durch die Abschaffung der Massentierhaltung.

Weil sich so aber der Fleischbedarf der Weltbevölkerung nicht mehr decken ließe, verfolgen die Protagonisten nachhaltiger Ernährung zwei ebenso innovative wie gegensätzliche Strategien. Die einen wollen – wie Impossible Foods – Fleisch auf pflanzlicher Basis perfekt nachempfinden, die anderen Steaks und Filets über selbst wachsende Fleischzellen nachbauen.

Hauptzutat: Pfiffiges Marketing

Ob aus Pflanzen hergestellt oder aus Tierzellen gezüchtet, ob im Labor oder in der Hipster-Küche: Mit Investorenmillionen ausgestattet, hat sich eine neue Generation Gründer weltweit aufgemacht – und bereits gewaltige Fortschritte erzielt. Ihr Kunstfleisch wird echtem immer ähnlicher, und es wird immer billiger produziert.

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Vor allem aber bringen die Techies jene Zutat mit, die bisher fehlte – pfiffiges Marketing. Gelingt den Food-Revoluzzern in der kommenden Dekade der Durchbruch, wäre das wohl einer der gewaltigsten Umbrüche in der Ernährungsgeschichte der Menschheit.

Allen voran träfe es die Fleischindustrie, die ähnlich durchgeschüttelt würde wie die alte Autoindustrie durch den Elektroflitzer Tesla. Allein in den USA setzte das Fleisch produzierende Gewerbe 2014 noch 212 Milliarden Dollar um. Auch für die Pharma- und Chemiehersteller steht viel auf dem Spiel: Der größte Teil der produzierten Antibiotika wird heute an Tiere verfüttert. Braucht es keine Tiere mehr zur Fleischproduktion, entfiele dieses Geschäft.

Große Veränderungen für Agrarindustrie

Auf die Agrarindustrie käme eine Umverteilung von kaum abschätzbarer Dimension zu. Mehr als ein Drittel der nicht von Eis bedeckten Landmasse der Erde wird heute für Viehzucht und Futteranbau verwendet, schätzen die Vereinten Nationen. Alleine mit dem in den USA nicht verfütterten Getreide und Mais ließen sich mehr als 800 Millionen Menschen ernähren.

Selbst der Kampf gegen den Klimawandel käme weit voran. Die Fleischindustrie alleine verursacht rund 18 Prozent der globalen Treibhausgasemission. Einer Studie der American Chemical Society zufolge würde etwa die Herstellung von synthetischem Fleisch aus Tierzellen 7 bis 45 Prozent weniger Energie erfordern und 78 bis 96 Prozent weniger Treibhausgas produzieren als die von herkömmlichem Fleisch.

Blutiges Kunstfleisch

Aufgaben wie geschaffen für notorische Weltverbesserer aus Kalifornien: Impossible-Foods-Gründer Pat Brown etwa war früher Stanford-Professor und hat seinen Arbeitsplatz nun nach Redwood City verlegt, einem unscheinbaren Nachbarort. Dort ist ihm und seinem Team seit der Gründung vor fünf Jahren eine Sensation gelungen: Ihr aus pflanzlichen Rohstoffen hergestellter Fleischersatz simuliert den Fleischgeschmack bis hinab auf die molekulare Ebene.

So krank macht Fleisch
Vegetarische Wurst Quelle: dpa
Geringeres Risiko für LeberkrebsEine Studie, die im Journal " Alimentary Pharmacology & Therapeutics" veröffentlicht wurde, zeigt, dass der Verzehr von sogenanntem weißen Fleisch (Geflügel) und Fisch das Risiko von Leberkrebs senken kann. Die Forscher werteten Daten aus Langzeitbeobachtungen von 1956 bis 2013 aus und kamen zu dem Ergebnis, dass die Leberkrebs-Gefahr so um 31 Prozent (hoher Anteil von Geflügelfleisch) beziehungsweise 22 Prozent (hoher Fischkonsum) sinkt. Zwischen rotem Fleisch (z.B. Rind, Lamm, Schwein) oder stark verarbeiteten Fleischwaren und Leberkrebs fanden die Forscher keinen Zusammenhang. Viele andere Studien belegen hingegen die gesundheitlichen Risiken des Fleischkonsums: Quelle: dpa
Mehr als zehn Prozent der deutschen Bevölkerung ernähren sich ohne Fleisch, wie die Gesellschaft für Konsumforschung ermittelt hat. Viele Menschen essen jedoch permanent zu viel Fleisch und zu wenig Gemüse oder Obst – und zwar quer durch alle Altersgruppen. Laut dem Fleischatlas 2014 des BUND liegt der Pro-Kopf-Verzehr derzeit bei 60 Kilogramm im Jahr. Rund 40 Prozent der Kalorien, die wir in Deutschland täglich zu uns nehmen, stammen aus tierischen Lebensmitteln. Zum Vergleich: In Italien machen Fleisch- und Milchprodukte nur 24 Prozent der täglichen Energiezufuhr aus. Besonders der Verzehr von sogenanntem roten Fleisch, dazu zählen Rind- Schweine- und Lammfleisch, wird von Ernährungsexperten kritisch gesehen. Quelle: dpa
Brustkrebs-RisikoEine aktuelle Studie aus den USA zeigt die Gesundheitsrisiken durch den regelmäßigen Verzehr von roten Fleischwaren wie Steak, Bratwurst, Burger und Co. auf. Die Studie vom Juni 2014, die von Forschern der Universität Harvard verfasst wurde, untersuchte über einen Zeitraum von 20 Jahren rund 88.800 Frauen. Es wurden Ernährungsprotokolle und Fälle von Brustkrebs dokumentiert. Über die Jahre wurden 2830 Brustkrebs-Erkrankungen dokumentiert. Dabei zeigte sich, dass ein höherer Konsum von rotem Fleisch mit einem erhöhten Risiko für Brustkrebs einhergeht. Bei hohem Konsum von Geflügelfleisch, Fisch, Eiern, Hülsenfrüchten und Nüssen wurde hingegen keinerlei Verbindung zu Brustkrebserkrankungen festgestellt. Im Gegenteil zeigte sich, dass der Ersatz von Mahlzeiten aus rotem Fleisch durch eine der anderen Eiweiß-Quellen das Risiko für Brustkrebs um bis zu 24 Prozent senken konnte. Quelle: dpa
Darm- und MagenkrebsDie sogenannte EPIC-Studie ( European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition) ist eine breit angelegte Studie, an der zehn europäische Länder beteiligt sind. Darin werden rund 520.000 Personen mit signifikanten Unterschieden in der Ernährungs- und Lebensweise untersucht. Die Studie richtet ihr Augenmerk auf den Einfluss der Ernährung auf die Entstehung von Krebs und anderen chronischen Erkrankungen, und bezieht neben Ernährungsweise und -status auch den Lebensstil sowie genetische und Stoffwechsel-Faktoren mit ein. Die Studienergebnisse weisen darauf hin, dass rotes und verarbeitetes Fleisch das Risiko für Darm- und Magenkrebs erhöht. Zugleich weisen die Ergebnisse auf eine mögliche Senkung des Risikos für Darmkrebs durch Ballaststoffe und Fisch hin.Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weist auf die positiven Auswirkungen von Ballaststoffen sowie die Risiken durch Fleisch für den Darm hin. Die DGE beruft sich auf eine Studie der internationalen Krebsforschungsorganisation (World Cancer Research Fund, WCRF) aus dem Jahr 2011. In Deutschland ist Dickdarmkrebs derzeit die zweithäufigste Krebskrankheit. Aus der Studie ergeben sich die Ernährungsempfehlungen, zur Senkung des Dickdarmkrebsrisikos weniger Fleisch und Fleischprodukte sowie weniger Alkohol zu konsumieren. Pflanzliche Lebensmittel mit geringem Verarbeitungsgrad und hohem Ballaststoffgehalt sollten bevorzugt werden. Quelle: dpa
HerzversagenDas Augenmerk auf Männer legte eine Studie aus Polen. Der Konsum von verarbeitetem roten Fleisch (also etwa Hack für Burger, Bacon, Würste etc.) und das Risiko für Herzversagen wurden in einer Zusammenarbeit der Warschauer University of Life Sciences und dem Karolinska Institut Stockholm untersucht. Die Untersuchung, die im April 2014 veröffentlicht wurde, nahm eine schwedische Kohortenstudie über rund 37.000 gesunde Männer im Alter von 45 bis 79 Jahren, die in ihrer Krankheitsgeschichte bisher weder Krebs noch Herzkrankheiten aufwiesen, unter die Lupe. Mithilfe eines Fragebogens wurde der Fleischkonsum erhoben. In den folgenden rund zwölf Jahren wurden 2891 Fälle von Herzversagen dokumentiert, von denen 266 tödlich endeten. Beim Vergleich der Fälle von Herzerkrankungen mit den Ernährungsgewohnheiten zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: Männer, die täglich 75 Gramm oder mehr an verarbeiteten Fleischwaren zu sich nahmen, hatten ein um 28 Prozent höheres Risiko für Herzversagen als die, die weniger als 25 Gramm Fleischwaren täglich verspeisten. Das Risiko für einen tödlichen Ausgang war sogar mehr als doppelt so hoch... Quelle: dpa
...das zeigt, dass bereits ein moderater Konsum von rotem, verarbeitetem Fleisch zu einem erhöhten Risiko führt. Die Fleischprodukte sind häufig geräuchert, gepökelt, gesalzen oder mit Konservierungsstoffen versetzt, um sie haltbar zu machen. Auch Forscher der Uni Harvard zogen bereits 2010 aus der Auswertung von rund 1600 Studien den Schluss, dass verarbeitetes Fleisch das Risiko für Herzerkrankungen um bis zu 42 Prozent erhöht und auch die Wahrscheinlichkeit für Diabetes um 19 Prozent steigt. Ein täglicher Konsum von 50 Gramm verarbeiteten Fleischwaren würde hierzu ausreichen, schlussfolgerten die Harvard-Experten. Da diese Studie keine Effekte von unverarbeitetem rotem Fleisch nachweisen konnte, schlossen die Wissenschaftler daraus, dass nicht die Fettsäuren im Fleisch für die gesundheitsschädlichen Wirkungen verantwortlich sind, sondern Schadstoffe, die bei der Verarbeitung und durch zugesetzte Stoffe wie Nitritpökelsalze entstehen. Eine Krebsgefahr durch diese Stoffe wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Quelle: dpa/dpaweb

Das ist bei Fleisch besonders schwierig, da sich dessen Geschmack aus nahezu 1000 Komponenten zusammensetzt, die in verschiedensten Kombinationen auftreten. Die meisten pflanzlichen Geschmäcker hingegen lassen sich, wie etwa Pfeffer, mit nur einem Molekül nachahmen.

Brown weiß, dass Geschmack nicht alles ist. Um Essgewohnheiten zu verändern, muss er alle Sinne ansprechen. Deswegen kommt sein Hightechhack im Rohzustand sogar blutig daher. Hierzu hat das Start-up eine Gensequenz aus Sojawurzeln in Hefepilze eingepflanzt, die nun Leghämoglobin produzieren – eine Substanz ähnlich tierischem Hämoglobin. Wie dieses transportiert es Eisen und färbt rot, so wie Hämoglobin das beim Blut macht. Dabei enthält das Pflanzenfleisch vergleichbar viel Eisen wie Biorindfleisch, etwas mehr Fett, kein Cholesterin und einen ähnlichen Mix von Spurenelementen.

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Kunstfleisch, das wie echtes blutet – das hat auch die Investoren überzeugt. 182 Millionen Dollar Wagniskapital hat Impossible Foods seit der Gründung eingesammelt. Alphabet, wie Google inzwischen heißt, soll schon angeboten haben, das Unternehmen für 200 bis 300 Millionen Dollar zu übernehmen. Brown aber will höher hinaus: In Oakland, im Osten von San Francisco, lässt er eine Fabrik bauen, in der schon dieses Jahr in größeren Mengen künstliches Hack produziert werden soll. Seine Strategie hat er sich bei Tesla abgeschaut. Impossibles Burgerbulette soll als teures Nischenprodukt starten und über die Jahre den Massenmarkt erobern, erzählte er jüngst Reportern.

80 Euro pro Kilo künstliches Hack

Impossible Foods sind nicht die einzigen, die von der Techelite im Kampf gegen die Schlachthofindustrie finanziert werden. Die Twitter-Gründer Evan Williams und Biz Stone haben Geld beim Start-up Beyond Meat aus Los Angeles investiert, zu dessen Investoren auch Bill Gates zählt. Beyond Meat verkauft sein Chicken Curry oder Chili bereits in ausgewählten US-Supermärkten. Kritikern zufolge hat es das Start-up aber – anders als Impossible Foods – noch nicht geschafft, dass der aus Soja und Erbsen bestehende Ersatz wie das reale Vorbild schmeckt.

Dafür gibt es bei der Konkurrenz, die auf im Labor gezüchtetes Fleisch statt auf pflanzlichen Ersatz setzt, mächtige Fortschritte zu vermelden.

Die größten Ernährungsmythen
Verlängern Chili-Schoten das Leben? Quelle: REUTERS
Schokolade Quelle: dpa
Je mehr Vitamine desto besser Quelle: dpa
Brot macht dick und ist ungesundGerade für die Verfechter kohlehydratarmer Nahrung steckt der Teufel im Brot: Es mache dick und trage sogar Mitschuld an Diabetes. Das ist so allerdings nicht richtig: Gerade Vollkornbrot (echtes Vollkornbrot, kein mit Malz eingefärbtes Weißbrot) hat sehr viel Ballaststoffe. Die sind gesund und machen satt. Außerdem liefert es verschiedene Vitamine sowie Iod, Flur, Magnesium und Zink. Quelle: dpa
"Light", "Leicht" oder "Fettarm" - das ist gut für die schlanke LinieDie Lebensmittelindustrie hat den Trend zu bewusster Ernährung entdeckt und nutzt ihn mit Fitness- und Wellness-Begriffen gezielt aus. Doch die Verbraucherorganisation Foodwatch warnt: Oft werden so Lebensmittel beworben, die alles andere als kalorienarm sind. Der Verein hat das Nährwertprofil von sogenannten Fitness-Müslis, Wellness-Wasser oder Joghurt-Drinks überprüft und kam zu dem Ergebnis, dass die scheinbar "gesunden" Lebensmittel Softdrinks oder Fast-Food-Snacks beim Zucker-, Salz- oder Fettgehalt oftmals in nichts nachstehen. Bei fettarmen Produkten wird der Geschmacksmangel häufig durch zahlreiche andere Inhaltsstoffe, etwa Stärke und Zucker, ausgeglichen - der Kaloriengehalt unterscheidet sich kaum, ist manchmal durch den hohen Zuckergehalt sogar höher - und gesund ist das Light-Produkt noch lange nicht. Quelle: dpa
Kartoffeln machen dick Quelle: dpa
Öko-Lebensmittel sind gesünder Quelle: dpa

Mark Post, Medizinprofessor an der Universität Maastricht, ließ im August 2013 vor laufenden Kameras den ersten Burger überhaupt braten, der aus tierischen Stammzellen gezüchtet wurde. 250.000 Euro hatte er für dessen Aufzucht allein von Google-Gründer Sergey Brin erhalten – in der Pfanne landeten am Ende nur 140 Gramm künstlichen Hacks. „Wir haben jede einzelne der 20.000 Muskelfasern des Burgers per Hand in einer separaten Petrischale hergestellt“, erklärte sein Partner Peter Verstrate. Nur drei Jahre später bekommen die Niederländer die gleiche Menge Fleisch für 80 Euro je Kilo hin.

Im Mai dieses Jahres gründeten Post und Verstrate daher ihr Start-up Mosa Meat. Sie produzieren ihr Hack nicht mehr in Handarbeit, sondern in Bioreaktoren – wie sie seit Jahrhunderten zum Brauen von Bier eingesetzt werden. Wo sonst Hopfen und Malz gären, wächst nun in einer Nährlösung das künstliche Fleisch.

Die Deutschen stehen auf Wurst und Fleisch

Sieben Jahre bis zum künstlichen Hähnchenfleisch

Noch fasst der Fleischreaktor der Niederländer gerade einmal 1,5 Liter. Ihr Ziel: ein Tank etwa von der Größe eines olympischen Schwimmbeckens, der eine Stadt mit 40.000 Einwohnern kostengünstig versorgen könnte. Derzeit ist Mosa Meat in Verhandlungen für frisches Kapital, um unter anderem einen Prototyp eines größeren Tanks entwickeln zu können. „Unser Traum ist, dass jeder es sich leisten kann, Fleisch zu kaufen, für das kein Tier sterben musste“, sagt Verstrate.

Umbraten im Kopf

Dafür suchen die Forscher aber noch nach einem Alternativnährboden für ihre falschen Buletten. Denn um das Fleisch in der Petrischale wachsen zu lassen, brauchen sie bisher noch Kälberserum, das aus den Herzen ungeborener Kälber abgesaugt wird. Verstrate will das schnellstmöglich ersetzen, etwa durch eine aus Algen gewonnene Nährlösung.

Das Start-up SuperMeat aus Jerusalem behauptet, genau das schon hinzubekommen – auch wenn Gründer Yaakov Nahmias, ein Medizinprofessor, nicht verrät, woraus er die pflanzliche Lösung generiert. SuperMeat verspricht, binnen zwei Jahren den ersten Prototyp eines Broiler-Generators zu bauen, der künstliches Hähnchenfleisch liefern soll. In sieben Jahren will SuperMeat dann in Serie produzieren und damit auf den Massenmarkt. Die Zielgruppe: Supermärkte, Restaurants und Hobbyköche.

Um die Akzeptanz des Kunstfleisches am Markt zu testen, haben die Israelis eine Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo gestartet. Ihr Ziel – 100.000 Dollar – haben sie problemlos erreicht. Die Gründer von SuperMeat sehen das als Beweis, dass die Verbraucher bereit seien, Kunstfleisch gegen echte Steaks einzutauschen.

Ganz so einfach ist es aber nicht. Das Bundesforschungsministerium etwa lässt derzeit die Akzeptanz von künstlichem Fleisch prüfen. Erstes Ergebnis: „Technisiertes Essen wird als künstlich angesehen und problematisiert“, sagt Arianna Ferrari, Wissenschaftlerin am Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe, das diese Studie für das Ministerium durchführt. Untersuchungen aus anderen Ländern deuteten aber darauf hin, dass jüngere Menschen Kunstfleisch gegenüber offener seien als ältere.

Fallende Preise, Geschmack fast wie beim Original – die größte Herausforderung auf dem Weg in eine fleischlose Zukunft dürfte somit für die Food-Techies sein, den Menschen ihre Vorbehalte vor Hightechfleisch zu nehmen.

Die zehn größten Bio-Mythen
Mythos 1: Bioprodukte sind gesünderZwar gibt es Studien, die belegen, dass ökologische Lebensmittel mehr Vitamine und Nährstoffe enthalten – doch andere Untersuchungen widersprechen hier. Daher gibt es keinen eindeutigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass Bio mit „gesünder“ gleichzusetzen ist. Anders sieht das bei der Pestizidbelastung aus: Hier schneiden Bio-Lebensmittel in der Regel wesentlich besser ab.   Quelle: Welt.de Quelle: dpa
Mythos 2: Bioprodukte sind teurerDer Mehraufwand, etwa für artgerechte Tierhaltung, muss bezahlt werden: 30 bis 100 Prozent kosten Bio-Produkte im Durchschnitt mehr. Doch in vielen Bereichen ist der Preisunterschied zwischen Produkten aus ökologischer und denen aus konventioneller Landwirtschaft kaum noch spürbar – erst recht, seitdem es auch immer mehr Bio-Ware in den Discountern gibt. Bei Obst und Gemüse, etwa bei Karotten oder Äpfeln,  ist der Preisunterschied oft schon verschwunden. Deutlich spürbar bleibt er jedoch bei Fleisch. Quelle: dpa
Mythos 3: Bio-Produkte sind transparentDas stimmt so nicht. Die Vielzahl an unterschiedlichen Siegeln, vom deutschen über das europäische Bio-Siegel bis zu Demeter oder Bioland, ist für Verbraucher kaum zu überschauen – zumal bei allen Kennzeichnungen unterschiedliche Richtlinien gelten. Anbauverbände wie Demeter stellen in der Regel die strengsten Anforderungen, das europäische Bio-Siegel bietet hingegen nur den Mindeststandard.     Quelle: dpa
Mythos 4: Bio ist ein NischenproduktDas galt nur in den Anfangsjahren. 2013 kletterten die Umsätze der Bio-Branche um stattliche 7,2 Prozent auf 7,55 Milliarden Euro, meldet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Im Öko-Barometer des Bundesernährungsministeriums heißt es, dass inzwischen drei von vier Verbrauchern beim Lebensmitteleinkauf auch nach ökologisch hergestellter Ware greifen. Dabei sind die Konsumenten vor allem junge Verbraucher unter 30 Jahren. Für Gerald Herrmann, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Organic Services, keine Überraschung: „Die jungen Generationen sind vielfach damit aufgewachsen, für sie ist Bio selbstverständlich geworden." Quelle: dpa
Mythos 5: Bio ist bei Bauern beliebtLandwirte, die Bio-Landbau betreiben wollen, haben mit vielen Hürden zu kämpfen. Zum Beispiel mit dem Flächenproblem: Durch die Subventionierung von Energiemais für Biogasanlagen, die durch das EEG festgelegt ist, können sich viele Öko-Betriebe die teuren Pachtpreise nicht mehr leisten. Zudem gibt es Umstellungsfristen von zwei bis drei Jahren, in denen die Landwirte zwar ökologisch produzieren, ihre Ware aber nur zu den Preisen für konventionelle Ware verkaufen dürfen. Quelle: dpa
Mythos 6: Bio ist regional und nachhaltigDie Nachfrage nach Bio-Produkten wächst schnell – die Größe der Anbaufläche und die Zahl der Bauern können da hierzulande nicht mithalten. Deutschland fehlen Tausende Biobauern. Dadurch wird viel importiert: Jede dritte Bio-Kartoffel stammt aus dem Ausland, bei Möhren, Äpfeln und Gurken ist es etwa die Hälfte. Besonders krass ist es bei Bio-Tomaten und –Paprika, sie stammen zu 80 beziehungsweise über 90 Prozent aus allen Ecken der Welt. Wie nachhaltig eine Bio-Kartoffel aus Ägypten, die intensiv bewässert werden muss, dann noch ist, ist äußerst fraglich. Quelle: dpa
Mythos 7: Bio-Produkte enthalten keine ZusatzstoffeDas kann man pauschal so nicht sagen. Insgesamt 50 der knapp 320 zugelassenen Zusatzstoffe wie Aromen oder Konservierungsmittel sind nach der EU-Öko-Verordnung auch für Bio-Lebensmittel zugelassen, sofern das Produkt ohne diese Zusätze nicht hergestellt oder haltbar gemacht werden kann. Quelle: dpa

Künstliche Fleischbällchen für Toprestaurants

Die dafür nötige Portion Größenwahn bringen die Hightechfleischer jedenfalls mit. Memphis Meats, ein Start-up aus San Francisco, züchtet aus Stammzellen Rind- und Schweinefleisch. Demnächst sollen die ersten daraus bestehenden künstlichen Fleischbällchen ausgerechnet in ausgewählten Toprestaurants in Memphis, Tennessee, auf den Tisch kommen. Die Stadt, in der die jährliche Weltmeisterschaft im Barbecue-Grillen ausgefochten wird, gilt bei Fleischenthusiasten als der härteste Markt der Welt.

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