Marlene Mortler Mehr als eine halbe Million Menschen ist onlinesüchtig

Bei der Vorstellung des jährlichen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung warnt die Drogenbeauftragte Marlene Mortler vor Internetsucht als großer Gefahr. Insbesondere junge Deutsche sind betroffen.

Laut der Bundesdrogenbeauftragten können von den 14- bis 64-jährigen Deutschen etwa 560.000 Menschen als internetabhängig bezeichnet werden. Quelle: dapd

Nach Erfolgen beim Kampf gegen Alkohol und Tabak greift nun eine neue legale Droge um sich: Computerspiele und Internet. In Deutschland gibt es mehr als eine halbe Million onlinesüchtige Menschen. Bis zu einer weiteren halben Million Nutzer sind gefährdet. Das geht aus dem Drogen- und Suchtbericht 2016 hervor, den die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) am Donnerstag in Berlin vorstellte.

Demnach können von den 14- bis 64-Jährigen etwa 560.000 Menschen als internetabhängig bezeichnet werden, die täglich mindestens vier bis fünf Stunden am Computer verbringen, wie Mortler auf Basis der jüngsten verfügbaren Zahlen erläuterte.

Das entspricht etwa einem Prozent dieser Gruppe. Jüngere seien häufiger betroffen. So zeigten in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen etwa 250.000 oder 2,4 Prozent Anzeichen einer Abhängigkeit, unter den 14- bis 16-Jährigen seien es sogar vier Prozent.

Mortler machte die Computerspiel- und Internetabhängigkeit zu einem Schwerpunktthema ihres diesjährigen Berichts. Nach ihren Worten gehen Mädchen und Frauen eher in den sozialen Netzwerken „verloren“. Jungs seien auf Computerspiele konzentriert.

Zehn Wege, um die Handy-Sucht zu besiegen
Alternative zum Smartphone findenAuf dem Handy gibt es viel zu tun: WhatsApp, Facebook, Twitter, E-Mails oder News-Portale checken. Suchen Sie sich eine Alternative, die einen ähnlichen Charakter wie das Smartphone mitbringt. Greifen Sie etwa stattdessen zu Hause oder in der Bahn mal zu einem Buch. Das Lesen löst den ständigen Blick aufs Smartphone ab und senkt mit der Zeit das Bedürfnis, immer wieder draufzuschauen. Quelle: dpa
Eine Armbanduhr tragenViele verzichten mittlerweile auf Armbanduhren und schauen auf ihr Handy, um die Uhrzeit zu erfahren. Wenn Sie sich vom Smartphone unabhängiger machen wollen, dann ist das der falsche Weg. Tragen Sie eine Armbanduhr und nutzen Sie sie nicht nur als Modeaccessoire, sondern dafür, wofür sie gemacht ist. Quelle: dpa
Online-Profile ausdünnenMan muss nicht auf jeder Hochzeit tanzen: Weniger soziale Netzwerke bedeuten weniger Statusmeldungen. Wer sich mehr Zeit für die Welt jenseits des Smartphone-Displays wünscht, sollte seine Apps kritisch prüfen - und sich von ein paar Online-Profilen lösen. Quelle: dpa
Nicht mit dem Smartphone bezahlenMit dem Smartphone zu bezahlen ist im Supermarkt, in Hotels oder Restaurants auf dem Vormarsch. Dieser Trend bedeutet allerdings noch mehr Griffe zum Handy. Stattdessen sollten Sie die dazugehörigen Apps löschen und lieber auf das gute, alte Portemonnaie setzen. Quelle: AP/dpa
Schlichte Höflichkeitsformen beachtenWer beim Essen oder im Gespräch mit anderen zum Smartphone greift, ist schlichtweg unhöflich. Vermeiden Sie das und konzentrieren Sie sich lieber auf Ihr Umfeld und Ihre Gesprächspartner. Sie werden es Ihnen danken. Quelle: Fotolia
Feste Handy-Pausen nehmenWer beruflich ständig über dem Smartphone hängt, sollte sich über den Tag verteilt immer wieder feste Handy-Pausen verordnen. Die Zeit lässt sich für einen kurzen Spaziergang oder zum Kaffeeholen nutzen. Quelle: dpa
Klingelton oder Vibration ausschaltenAus den Ohren, aus dem Sinn: Wer seinen Klingelton oder die Vibration abschaltet, ist gelassener und kann sich besser auf andere Dinge konzentrieren. Quelle: dpa
Noch besser: Offline-Modus wählenDer Offline-Modus bringt noch mehr Vorteile mit sich, als das Handy lediglich lautlos zu schalten. Er spart Energie und selbst bei einem automatischen Blick auf das Smartphone sieht man keine neu eingegangenen Nachrichten und Statusmeldungen. Quelle: dpa
Das Smartphone nicht als Ticket benutzenSeine online gebuchten Tickets für Bahn- oder Flugreisen muss niemand mehr ausdrucken - das Handy reicht. Das ist aber wenig hilfreich, wenn Sie sich von Ihrem Smartphone distanzieren wollen. Also greifen Sie lieber zum ausgedruckten Ticket. Quelle: obs
Beim Warten: Hände weg vom HandyÜber Generationen haben Menschen ihre Arme verschränkt, ihre Hände in die Hosentaschen gesteckt oder hinterm Rücken zusammen gefaltet. Heute greifen sie beim Warten lieber zum Smartphone. Wer das vermeiden und seine Hände nicht einfach seitlich runter baumeln lassen will, kann sie auf die alte Weise beschäftigen. Quelle: dpa

Beim Alkohol- und Tabakkonsum sind seit geraumer Zeit Erfolge zu verzeichnen. Auch das jugendliche Rauschtrinken sei zurückgegangen. Dennoch werden jedes Jahr mehr als 15.000 Kinder und Jugendliche von 10 bis 17 Jahren mit Alkoholvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert, beklagt Mortler. Zwischen 42.000 und 74.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen übermäßigen Alkohols. Bei etwa drei Vierteln dieser Fälle ist eine Kombination aus Trinken und Rauchen Todesursache.

Ein Viertel der Deutschen raucht zwar immer noch. Doch der Trend ist rückläufig. Bei den 12- bis 17-Jährigen seien es nur noch 7,8 Prozent - ein historische Tiefstand, wie Mortler erklärte. Allerdings sterben am Rauchen nach wie vor jährlich 120.000 Menschen. Mortler kritisierte, dass die Tabakindustrie zuletzt fast 200 Millionen Euro für Werbung ausgegeben habe. Sie bekräftigte ihre Forderung nach einem Außenwerbeverbot für Tabakprodukte sowie bei Kinofilmen, zu denen Kinder und Jugendliche zugelassen seien.

Bereits beim Jahresbericht zur Rauchgiftkriminalität Ende April stellten Mortler und der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, fest, dass nach Jahren des Rückgangs Handel und Konsum illegaler harter Drogen wie Heroin und Kokain im vergangenen Jahr wieder deutlich zunahmen. 1226 Menschen sind 2015 an ihrem Drogenkonsum gestorben, rund 19 Prozent mehr als im Vorjahr.

Künstlichen Drogen wie Crystal Meth blieben weiter eine Herausforderung, insbesondere in den Grenzregionen zu Tschechien, erläuterte Mortler. Um die Neuen Psychoaktiven Substanzen (NPS), sogenannte Legal Highs, besser in den Griff zu bekommen, sollen in Zukunft nicht mehr nur einzelne Wirkstoffe verboten werden, sondern ganze Stoffgruppen. Das erleichtere die Feststellung, ob Rauschmittel noch legal sind oder schon illegal und damit strafbar. Das Kabinett hat inzwischen einen entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%