Mars-Expedition Raumfahrer üben den Ernstfall in den Alpen

Eine Expedition zum Mars will geprobt sein: In den österreichischen Alpen testen Forscher sich an die lange Reise zum Roten Planeten heran und erklimmen die Tiroler Gletscher im Raumanzug.

Inigo Munoz Elorza ist in seinem Raumanzug auf dem Kaunertal-Gletscher zu sehen. Quelle: dpa

Der silbrige Raumanzug der beiden Spaziergänger glitzert unter tiefblauem Himmel. Carmen Köhler aus Berlin und ihr spanischer Kollege Inigo Munoz Elorza haben am Montag auf dem Kaunertaler Gletscher in Tirol als sogenannte Analog-Astronauten ihren ersten größeren Ausflug in voller Montur absolviert. „Das Runterbeugen und das Hochkommen ist schwierig“, sagt die 35-Jährige. 48 Kilogramm wiegt der aluminiumbedampfte Raumanzug aus feuerfestem Kevlar im Wert eines Ferraris. Das Motto der Aktion: Üben für die Reise zum Mars.

Die beiden Forscher gehören zum Team des Österreichischen Weltraum Forums (ÖWF), das auf dem Gletscher im Kaunertal in 2700 Metern Höhe „ideale Bedingungen“ vorgefunden hat, ist Expeditionsleiter Gernot Grömer begeistert. Im unwegsamen Gelände gibt es unter dickem Geröll massenhaft Eis - wie auf dem Roten Planeten. Zwei Wochen lang werden rund 100 Forscher und Mitarbeiter aus 19 Nationen Arbeitsabläufe üben, die zeitverzögerte Kommunikation proben, zwölf Experimente starten.

So plant die Mars-One-Stiftung

Köhler und ihr spanischer Kollege spielen eine zentrale Rolle. Sie haben in einer fünfmonatigen Ausbildung die Lizenz zum Tragen des Raumanzugs erworben und gehören nun zu dem handverlesenen Kreis von acht ÖWF-Analog-Astronauten. Köhler ist eigentlich Mathematikerin und Meteorologin beim Deutschen Wetterdienst. Die Faszination fürs All entstand bei ihr durch die Science-Fiction-Reihe „Star Trek“. „Ich hoffe, dass es woanders auch Leben gibt“, sagt sie nach der Strapaze mit strahlendem Lachen.

Vorbereitung auf die Reise zum Mars

Rund 1000 Tage wird eine Reise zum Mars wohl dauern, knapp die Hälfte davon ist reine Reisezeit. Aktuell laufen weltweit mehrere Experimente zur Vorbereitung der Reise, die als eine der größten technologischen Herausforderungen der Menschheit gilt. Das ÖWF geht davon aus, dass in etwa 20 bis 30 Jahren der Versuch gewagt wird, Astronauten zu dem durchschnittlich 200 Millionen Kilometer entfernten Mars zu schicken.

Curiosity kommt in die Jahre
März 2017Curiosity hat inzwischen deutliche Abnutzungsspuren. Ein Routine-Check der Reifen im März zeigt, dass es am linken mittleren Reifen zwei Brüche der sogenannten Stege im Profil gibt. Der Rover hat während seiner Reise über den Roten Planeten inzwischen etwa 16 Kilometer zurückgelegt. Curiosity-Projektmanager Jim Erickson sagte, alle sechs Reifen hätten trotz der sichtbaren Schäden noch genug Lebenszeit, um den Rover zu allen geplanten Orten zu bringen. Die regelmäßige Überwachung der Reifen wurde eingeführt, nachdem die Forscher im Jahr 2013 deutlich mehr Dellen und Löcher in den Rädern entdeckt hatten, als erwartet worden war. Tests auf der Erde hatten gezeigt, dass der Bruch von drei Stegen zeigt, dass etwa 60 Prozent der Lebenserwartung des Reifens erreicht sind. Curiosity hat aber bereits deutlich mehr als diesen Anteil an der geplanten Strecke zurückgelegt. Quelle: NASA/JPL-Caltech/MSSS
US-Präsident Barack Obama verlässt das Weiße Haus - und auch Curiosity verabschiedet sich. Quelle: Screenshot
Mars: Curiosity untersucht Meteoriten Quelle: NASA, JPL-Caltech, LANL, CNES, IRAP, LPGNantes, CNRS, IAS, MSSS
September 2016Die Kuppen und herausstehenden Felsen aus Schichtgestein am Mount Sharp entstanden wohl aus von Wind abgelagertem Sand. Sie erinnern stark an Wüstenlandschaften auf der Erde, etwa im Grand Canyon oder dem Monument Valley. Quelle: NASA
September 2016Der Rover sendet neue Fotos vom Mars: Im Hintergrund der Aufnahme ist der Rand des Gale-Kraters zu sehen, in dem Curiosity seit 2012 aktiv ist. Geologisch ist die Region besonders interessant, da sie die Untersuchung zahlreicher Gesteinsschichten ermöglicht. Der etwa fünf Kilometer hohe Mount Sharp liegt in der Mitte des Gale-Kraters. Quelle: NASA
Juli 2016Curiosity kann jetzt seine eigenen Ziele für die Laser-Analyse auswählen. Bisher wurden diese von der Erde aus anhand von Fotos ausgewählt. Die Wissenschaftler auf der Erde werden dadurch aber nicht ersetzt: Die neue Funktion soll vor allem dann zum Einsatz kommen, wenn die Nasa-Forscher anderweitig beschäftigt sind. Curiosity sendet auch nicht ständig Bilder, sondern am Ende seiner Wegstrecken. Bisher könnten wichtige Objekte auf Fahrten daher übersehen worden sein. Quelle: NASA
Curiosity: Mars hatte wahrscheinlich einst eine sauerstoffreiche Atmosphäre Quelle: dpa

Während die grobe Organisation des Abenteuers unter Wissenschaftlern schon recht klar sei, hake es bei vielen Alltagsfragen, meint Grömer. Schon die wegen der riesigen Entfernung um 20 Minuten verzögerte Kommunikation sei höchst gewöhnungsbedürftig. „Das ist wie ein langsamer Chat“, sagt Grömer. Dieser Umstand sorge dafür, dass die Mars-Astronauten über viel mehr Entscheidungsfreiheit verfügten als alle Vorgänger - aber auch über noch viel mehr Wissen und Fähigkeiten verfügen müssten.

Wie ticken Menschen unter Extrembedingungen?

Unter den Projekten, die bei „Amadee-15“ auf dem Gletscher erprobt werden, ist auch eine Wasserdampf-Dusche. Bisher wurde die Körperhygiene im All mit feuchten Tüchern erledigt. Daraus könnte ein seelenerfrischender Akt werden, meinen die ÖWF-Experten. Sofern die Dusche bei geringstem Wasserverbrauch wie erhofft funktioniere, sei dies auch eine mögliche Anwendung für wasserarme Regionen auf der Erde.

So stellt sich Mars One die Marsmission vor
Die Siedlung, die Mars One auf dem Roten Planeten plant, soll aus so oder so ähnlichen Dragon-Modulen bestehen. Die ersten Astronauten sollen die Quartiere aufbauen, die nach den Vorstellungen von Mars One relativ geräumig sind. Demnach sollen sie eine Innenfläche von 200 Quadratmetern haben - pro Person 50 Quadratmeter. Quelle: PR
Die Zeichnung des dänischen Architekten Kristian von Bengtson ist ein Entwurf für das geplante Design für die Marssiedlung "Outpost Alpha". Quelle: PR
So stellt sich Mars One die gesamte erste Siedlung vor, die sich die ersten vier Astronauten aufbauen sollen, wenn sie als erste Menschen auf dem Mars gelandet sind. Sie sollen dann zwei Rover zur Verfügung haben, um den Aufbau durchzuführen. Strom soll mithilfe von Solarzellen erzeugt werden. Quelle: PR
Wie eine kleine, futuristische Studentenbude könnte man meinen: Schlafräume, Arbeitsräume, einen Gemeinschaftsraum soll es geben - und natürlich einen Raum, um Pflanzen anzubauen. Auch duschen können sollen die Marssiedler ganz normal und in der Küche kochen - aber eben entsprechend die geringe Auswahl an Pflanzen, die sie selbst anbauen können. Da man laut Mars One sogar normale Kleidung tragen können soll, verspricht die private Stiftung ihren Astronauten-Anwärtern ein recht typisch normales Leben - innerhalb der eigenen vier Wände zumindest. Quelle: PR
Laut Mars One sind Pflanzen in großen Mengen aus zwei Gründen wichtig für die Siedler: als Nahrung und zur Sauerstoffproduktion. Die Sauerstoffgewinnung soll so funktionieren: Aus echten Pflanzen werden sogenannte Chloroplasten – die Zellen zuständig für die Photosynthese – genommen und mit Seidenprotein kombiniert. Dadurch entstehe ein Prozess, der mit der Photosynthese vergleichbar ist. Mithilfe dieses „Blattes“, Wasser und Licht soll also auch auf dem Mars – außerhalb der Erdatmosphäre – Sauerstoff produziert werden können. Nach jetzigem Stand würde die Nahrung, wenn selbst auf dem Mars produziert, vor allem aus Hülsenfrüchten bestehen, da die sich wohl abgewandelt gut heranzüchten lassen. Quelle: PR
Längerfristig gedacht, könnten die Gewächsanlagen laut Mars One dann etwa so aussehen, denn die winzigen Kabinen würden nicht ausreichen - schließlich soll die Siedlung laut Mars Ones Plänen ja zeitnah dann auch wachsen. Transportmittel wären entsprechende Rover, wie der im Bild, die für Expeditionen zu Forschungszwecken rausfahren würden. Quelle: PR
Regelmäßige Lieferungen soll es nach den Plänen der Mars One nicht geben. Die Siedlung soll autark funktionieren. Über einen Satelliten in der Umlaufbahn des Mars' soll der ständige Kontakt zur Erde allerdings gewährleistet werden. Der soll ein Jahr vor den Siedlern zum Mars geschossen werden. Quelle: PR

Psychologen aus Warschau wollen genauer herausfinden, wie Menschen ticken müssen, die unter Extrembedingungen miteinander auskommen sollen. Auch einem besonders lästigen Problem - auf Erden wie im All - widmen sich die Forscher: dem Zahnschmerz. Was passiert, wenn ein Nerv nervt? Ein 3D-Drucker soll bei Zahn-Operationen im Weltraum helfen und den passenden Zahnersatz herstellen.

Die aktuelle Philosophie der extremen Minimierung des Risikos sieht Grömer durchaus zwiespältig. Die legendären Erkundungsabenteuer der Polarforscher und Weltumsegler seien viel gefährlicher gewesen als das, was Astronauten heute erwarte, meint er. „Das Leben beginnt bekanntlich außerhalb der Komfortzone“, sagt der Mann, der auch ein wenig Österreich-Know-How auf den Mars schicken will.

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