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Martin Blaser "Der Urwald in uns"

Antibiotika schaden den guten Bakterien in uns, warnt der US-Biologe. Die Folge: Die Mittel machen uns statt gesund krank – und dick.

Martin Blaser Quelle: NYU School of medicine/Carl Glenn

WirtschaftsWoche: Professor Blaser, die meisten Forscher sorgen sich, dass Antibiotika nicht mehr gegen lebensbedrohliche Krankheiten wirken. Sie dagegen warnen vor diesen Medikamenten, weil sie unseren Darmbakterien schaden. Ist das so tragisch?

Blaser: Ich meine nicht den Durchfall, den Sie nach der Einnahme eines Antibiotikums bekommen. Mir geht es um die Vielzahl von Mikroben in Milliardenstärke, die unser Körper beherbergt und die alle äußerst wichtig für uns sind, nicht nur im Darm. Sie helfen uns bei der Verdauung unseres Essens, sie machen Vitamine für uns, sie schützen uns vor Krankheitserregern, sie trainieren unser Immunsystem. Die Gesamtheit dieser hilfreichen Organismen – das sogenannte Mikrobiom – ist so vielfältig wie ein tropischer Urwald. Doch dieses Biotop in uns verändert sich.

Wie man Antibiotika richtig einsetzt

Und diese Veränderungen sind von Menschen gemacht?

Ja. Ich gehe davon aus, dass viele dieser Veränderungen eine unbeabsichtigte Folge von etwas sehr Positivem sind – den Antibiotika.

Sie halten diese Wirkstoffe also nicht generell für gefährlich?

Es ist wunderbar, dass es sie gibt. Denn sie bekämpfen Mikroben, die uns krank machen und umbringen können. Aber wir erkennen allmählich auch die negativen Konsequenzen: Die Antibiotika schädigen eben auch all diese hilfreichen Mikroben. Eine Art Kollateralschaden. Und diese Folgen hatten wir bisher nicht berücksichtigt.


Sie sprechen dabei aber nicht über Resistenzen?

Nein, dass die krank machenden Keime Resistenzen gegen die Antibiotika entwickeln, ist ein ganz anderes Thema. Dadurch entstehen zwar auch Folgekosten, weil diese Medikamente in der Zukunft unwirksam werden und wir neue Wirkstoffe entwickeln müssen. Aber diese Kosten trägt die Gesellschaft. Die Konsequenzen, die ich meine, trägt jeder Einzelne von uns.

Zur Person

Und wie sehen diese Folgen aus?

Sie betreffen die Art und Weise, wie sich unsere Kinder entwickeln. Ob sie zum Beispiel dick werden oder Diabetes bekommen. Nicht ohne Grund werden Antibiotika als Mastbeschleuniger eingesetzt. Oder ob sie an Allergien, Asthma und Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn, einer chronischen Darmentzündung, leiden, weil ihre Immunabwehr gestört ist. Und ob sich ihr Nervensystem korrekt entwickelt, wenn das Mikrobiom gestört ist, wissen wir auch noch nicht. Es gibt aber Hinweise auf einen Zusammenhang mit Krankheiten wie dem Autismus.

Das klingt ja gruselig.

Das ist es auch.

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