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Martin Marianowicz Ein Orthopäde kämpft gegen unsinnige Operationen

Ärzte greifen hierzulande zu oft zum Skalpell, findet der Wirbelsäulenspezialist Martin Marianowicz. Vor allem bei Bandscheiben- und Herzoperationen fragt sich der Fachmann, ob die Eingriffe dem Patienten weiterhelfen.

Marianowicz, 59, betreibt vier Orthopädie-Zentren in München und am Tegernsee. Sein Spezialgebiet sind Erkrankungen der Wirbelsäule. Quelle: PR

Herr Marianowicz, Deutschland gehört europaweit zu den Spitzenreitern bei Operationen und Krankenhauseinweisungen. Ein gerade veröffentlichtes Gutachten der Technischen Universität Berlin und des Hamburg Center for Health Economics sollte klären, ob das medizinisch immer notwendig ist. Die Autoren kamen aber zu keinem klaren Ergebnis. Ist das so schwer zu beurteilen?

Nein, im Gegenteil. Es ist in vielen Fällen ganz offensichtlich: Kollegen operieren Patienten, obwohl das medizinisch überflüssig ist. Etwa bei Rückenschmerzen nach einem Bandscheibenvorfall. Da greifen wir Deutschen mehr als fünfmal so oft zum Messer wie die Briten und immerhin doppelt so oft wie die Franzosen. Etwa 80 Prozent der Bandscheiben-OPs in Deutschland sind aber überflüssig.

Ist das Ihre Meinung, oder können Sie das wissenschaftlich begründen?

Mehrere große Studien zeigen eindeutig, dass Beweglichkeit und Wohlbefinden – also die Schmerzfreiheit – von operierten und nicht operierten Rückenpatienten sich schon nach einem halben Jahr nicht mehr unterscheiden. Den Grund kennen die allermeisten Orthopäden: Nach sechs bis zwölf Wochen beginnt die Spontanheilung. Die Schmerzen verschwinden, weil der Körper sich mit der neuen Situation arrangiert. Der von der verschobenen Bandscheibe gereizte und daher schmerzende Nerv hat sich einen neuen Weg gesucht.

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Warum wird dann so oft operiert?

Weil das Honorierungssystem ganz falsche Anreize setzt. Wenn ein Arzt einen Rückenpatienten operiert, bekommt die Klinik etwa 3500 Euro erstattet, versteift er ihm zudem die Wirbelsäule mit Metallplatten, sind es bis zu 15 000 Euro. Behandelt er ihn aber korrekt – also konventionell, bringt das pro Quartal im Kassensystem nur etwa 30 Euro. Doch der Aufwand ist immens. Denn während der Wochen bis zur Spontanheilung muss er versuchen mit Spritzen, Medikamenten oder Massagen die Schmerzen in den Griff zu bekommen und den gereizten Nerv am Leben zu erhalten. Der Patient kommt also oft in die Praxis.

Die Entscheidung für eine Operation hängt also von der Geldgier der Ärzte ab?

Nein, es ist schlicht eine Überlebensfrage für viele Kollegen geworden. Einige geben durchaus zu, einen Teil der Patienten zu operieren, weil sie sonst ihre Praxis dichtmachen könnten. Eine Mischkalkulation. Das System zwingt sie dazu und muss dringend geändert werden.

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Ist der wirtschaftliche Anreiz der einzige Grund für den Griff zum Skalpell?

Nein. Auch ich überweise Patienten zur OP, bei denen die Spontanheilung nicht einsetzt. Und es gibt noch einen anderen Grund: Wir sind bildergläubig geworden. Wenn auf einer Kernspin-Aufnahme ein Bandscheibenvorfall zu sehen ist, sagen viele Kollegen heute: Das müssen wir behandeln. Die Patienten glauben es. Die ärztliche Kunst bleibt dabei auf der Strecke – herauszufinden, ob der Mensch überhaupt Beschwerden hat und wie stark sie sind. Kann er nur nicht mehr seinen Lieblingssport betreiben, oder kommt er ins Trudeln, wenn es zu Fuß nur ein bisschen bergan geht. Oder sind die Schmerzen so schlimm, dass er sich am liebsten das Leben nehmen würde. Aber diese so wichtige Gesprächszeit wird ja auch fast gar nicht mehr honoriert. Deshalb behandeln Ärzte keine Krankheiten mehr, sondern Bilder.

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