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Medikamente Kampf gegen Pillen im Abwasser

Geraten Medikamente ins Abwasser, schaden sie Mensch und Natur. Künftig sollen Tabletten so designt werden, dass sie leichter abgebaut oder recycelt werden können.

Umweltsauerei: Medikamentenrückstände machen Fische krank. In Zukunft soll es Tabletten geben, die leichter abbaubar sind.

Schmerztabletten und Antibiotika haben im Klo nichts verloren. Denn die Medikamente können aus dem Abwasser fast ungehindert in die Umwelt gelangen – und dort Schaden anrichten. Lebewesen im Wasser wie etwa Fische bekommen Organschäden. Und die Hormone der Antibabypille lassen Fisch- und Schneckenpopulationen verweiblichen, sodass keine Fortpflanzung mehr möglich ist.

Tonnenweise ins Abwasser

Wie groß die Belastung ist, hat das Umweltbundesamt (UBA) in Dessau gerade dokumentiert. Es schlägt Alarm. Hunderte Tonnen Arzneimittel gelangen in Deutschland pro Jahr ins Abwasser. Für UBA-Präsident Jochen Flasbarth gibt es langfristig nur eine Lösung: „Medikamente müssen umweltverträglicher werden.“

Umweltgerechtes Design

Tatsächlich wird Medizin immer noch oft falsch entsorgt, etwa Säfte und Lösungen. Hier komme der müllsortiererprobte Deutsche in Gewissenskonflikte mit dem Glasflaschen-Recycling, sagt Michael Heising, der Chef des Kölner Entsorgungsunternehmens Vfw, das sich seit Jahren auf die Rücknahme von Altmedikamenten aus Apotheken spezialisiert hat: „Weil Flaschen nur leer zurückgenommen werden, kippen die meisten das Medikament ins Waschbecken.“ Viel besser wäre es, die Flasche samt Inhalt in den Hausmüll zu werfen oder in einer Apotheke abzugeben. Denn diese Abfälle werden verbrannt, was auch die Wirkstoffe unschädlich macht.

Die Altmedikamente stellen aber nur ein Teil des Problems dar. Auch die ordnungsgemäße Einnahme von Pillen und Tropfen führt zur Gewässerbelastung, einfach weil der Mensch die Stoffe beim Gang zur Toilette wieder ausscheidet. Hier könne nur ein umweltgerechtes Design von Medikamenten helfen, zu dem die Pharmaunternehmen per Arzneimittelgesetz verpflichtet werden müssten, fordert Flasbarth.

Bisher können Bakterien in Kläranlagen viele Pharma-Substanzen nicht knacken, weil Chemiker sie gezielt so gestalten, dass sie lange haltbar und wirksam bleiben.

Schwedisches Modell: digitales Apothekenregister

Pillen

An einer Lösung des Problems forscht Klaus Kümmerer, der Direktor des Instituts für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie der Universität Lüneburg: Die Medikamente sollen nichts von ihrer Wirksamkeit verlieren, aber von vornherein so designt sein, dass sie in der Kläranlage leicht abgebaut werden können. In einem von der Deutschen Umweltstiftung aus Osnabrück geförderten Projekt entwickelt sein Team zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum ein neues Krebsmittel, das nicht nur wirksam, sondern auch umweltverträglich ist. Der Beitrag des Chemikers Kümmerer: Aus der Vielzahl chemischer Molekülvarianten, die am Beginn einer Medikamentenentwicklung stehen, die umweltfreundlichste zu identifizieren.

Medikamente zerfallen im Licht

Schon heute gibt es Medikamente, die sich besser als andere in der Natur abbauen lassen. Etwa ein Antibiotikum für Kinder, das aus einem haltbaren Trockenpulver besteht. Es wird bei Bedarf mit Wasser zu einem süßen Saft verrührt. Der muss im Kühlschrank aufbewahrt werden, weil der Wirkstoff in wässriger Lösung bei Zimmertemperatur zerfällt. Ebenso gut denkbar sind laut Kümmerer Medikamente, die sich bei Lichteinfall zersetzen: „Zur Lagerung können sie lichtdicht verpackt oder in dunkle Flaschen gefüllt werden.“

Strenge Qualitätskriterien

In Schweden wird der Nutzen solcher Erkenntnisse schon erprobt. In Stockholm werden Ärzte über die Umweltverträglichkeit von Medikamenten per digitalem Apothekenregister informiert. Stehen mehrere, gleich wirksame Mittel zur Wahl, kann der Arzt das umweltfreundlichste verschreiben. Forscher beobachteten, dass sich seither die Wasserqualität verbesserte. Nun überlegt eine EU-Arbeitsgruppe, ob so ein System europaweit eingeführt werden soll.

Für die Zukunft hat UBA-Chef Flasbarth noch eine andere Vision: „Wir müssen ja nicht nur Dosen recyceln, langfristig sollten wir das auch für Medikamente anstreben.“ Die an sich charmante Idee lässt Pharma-Entwickler aber schaudern, weil die Qualitätskriterien für Medikamente so streng sind, dass sie nie auf einen recycelten Rohstoff zurückgreifen würden.

In Arbeit
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Das Unternehmen Bayer setzt immerhin bei Röntgenkontrastmitteln auf Rückgewinnung: Im Werk Bergkamen werden Produktionsüberschüsse und Fehl-Chargen so verarbeitet, dass sich das enthaltene Jod sammeln lässt. Allerdings wird es an Industriekunden verkauft und nicht wieder zu Kontrastmittel verarbeitet.

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