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Medizin der Zukunft "Fit bis zum Schluss"

Elias Zerhouni, der Forschungschef von Sanofi-Aventis glaubt, dass wir vor einer völlig neuen Generation von Arzneimitteln stehen - und Krankheiten anders definieren müssen.

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Der Forschungschef von Sanofi-Aventis, Elias Zerhouni, im Interview mit Wirtschaftswoche. Quelle: Kai Jünnemann für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Zerhouni, die Pharmaforschung steckt in einer Krise: Sie wird laufend teurer, trotzdem kommen immer weniger innovative Medikamente dabei heraus. Sie kamen als Quereinsteiger zu Sanofi-Aventis. Wie wollen Sie Ihr Unternehmen wieder kreativer und produktiver machen?

Elias Zerhouni: Wir brauchen dringend Innovationen, vor allem bei chronischen Erkrankungen und Krankheiten des Alters. Sonst fressen uns die Gesundheitskosten auf. Sie steigen in unserer alternden Gesellschaft schneller als die Inflation. Dagegen müssen wir etwas tun. Es ist mein Ziel, die Medikamentenforschung in Zukunft zielgerichteter, effektiver und kostengünstiger zu machen.

Sie könnten Ihre Pillen billiger machen.

Nein, selbst wenn wir sie verschenken würden, wären wir in drei Jahren wieder beim selben Niveau der Ausgaben. Denn Medikamente machen nur einen kleinen Teil der Gesundheitskosten aus. In Deutschland sind es gerade einmal 17 Prozent der Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Mehr als die Hälfte der Kosten entfällt auf die Krankenhausbehandlung und die ärztliche Versorgung.

Was gegen Erkältung hilft - und was nicht
Fast jedes dritte von rund 2000 überprüften rezeptfreien Medikamenten ist laut Stiftung Warentest wenig gegen Erkältungen geeignet. Darunter fallen bekannte Mittel gegen Erkältung, Schnupfen, Halsentzündung, Verstopfung, Durchfall oder Insektenstiche. Oft schneiden die Kombinationen verschiedener Wirkstoffe schlecht ab, etwa von Schmerzmitteln und anregenden Mitteln in Erkältungsmedikamenten. In anderen Fällen bemängeln die Tester hohen Alkoholgehalt etwa bei einem Erkältungsmittel für die Nacht oder ungeeignete Zusammenstellungen bei Tabletten gegen Halsinfektionen. Die 2000 rezeptfreien Medikamente sind Teil einer umfassenderen Datenbank von Stiftung Warentest mit Arzneimitteln. Quelle: dpa
Bei Erkältung und Grippe hat die Apotheke so einiges an rezeptfreien Mitteln zu bieten. Doch viele halten nicht, was sie versprechen. Aspirin Complex Granulat: Nicht sinnvolle Kombination aus einem Schmerzmittel und einem anregenden Mittel, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird. Doregrippin Tabletten: Wie beim Aspirin Complex Granulat stuft die Stiftung Warentest die Kombination der Mittel als nicht sinnvoll ein. Grippostad C Kapseln: Enthält ein müde machendes Antihistaminikum, das über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird. WICK DayMed und MediNait (Kapseln und Getränke): Nicht sinnvolle Kombination unter anderem aus einem Schmerzmittel, einem Hustenmittel und einem anregenden Mittel. Alternative: Die einzelnen Erkältungssymptome sollten besser getrennt behandelt werden. Gegen Schmerzen und Fieber reicht Parazetamol allein. Bei Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher. Quelle: Fotolia
Schnupfen und AllergienRhinopront Kombi Tabletten: Wenig geeignet bei Schnupfen. Nicht sinnvolle Kombination an Mitteln. Reactine duo Retardtabletten: Hilft kaum bei allergischem Schnupfen. Wenig sinnvolle Kombination aus einem Antihistaminikum und einem anregenden Stoff, der über die Blutbahn im ganzen Körper verteilt wird und dabei auch die Schleimhäute abschwillt. Bei Daueranwendung kann es zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. Alternative: Tabletten, Tropfen oder Saft mit Cetirizin oder Loratadin sollen bei akuten Allergie-Beschwerden helfen. Cromoglizinsäure als Nasenspray zur Vorbeugung (früh genug mit der Behandlung beginnen, unkonservierte Präparate bevorzugen). Bei einem normalen Schnupfen ist die kurzzeitige Anwendung von abschwellenden Nasentropfen verträglicher. Quelle: dpa
Nahrungsergänzungsmittel mit Zink und Vitamin C sollen das Immunsystem unterstützen. Natürlich braucht der Körper bestimmte Nährstoffe, damit das Abwehrsystem gegen Bazillen und Viren funktioniert. Doch Vitamin C- und Zinktabletten können Erkältungen nicht heilen oder gar verhindern. Laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) gibt es keine wissenschaftlichen Beweise für den Nutzen der bunten Pillen. Die Zufuhr ist normalerweise über die Ernährung sichergestellt, Mangelzustände an Vitamin C und Zink kommen in Deutschland nur selten vor. Gute Vitamin C-Lieferanten sind zum Beispiel Orangensaft, Brokkoli, Kiwi oder rote Paprika. Zink ist zum Beispiel in Fleisch, Ei, Vollkorn- und Milchprodukten enthalten. Die empfohlene Tagesdosis wird etwa bereits durch ein Stück Rindfleisch (150 Gramm) und ein Glas Milch gedeckt. Quelle: dpa
Doch nicht nur gegen Erkältungssymptome gibt es rezeptfreie Mittelchen, die leider nichts bewirken. Auch gegen andere Wehwehchen ist nutzloses Kraut gewachsen... Quelle: dpa
SchürfwundenBrand- und Wundgel Medice: Das Gel ist laut Stiftung Warentest wenig zur Wundpflege geeignet. Die therapeutische Wirksamkeit ist nicht ausreichend nachgewiesen. Zudem kann der Inhaltsstoff Benzethonium leicht Allergien auslösen. Alternative: Leichten Verbrennungen mit unverletzter Haut unter fließendem Wasser schnell kühlen. Offene Wunden sollten aber nicht selbst behandelt werden. Pyolysin Salbe: Auch diese Salbe für oberflächliche Wunden verfehlt ihre Wirkung. Alternative: Povidon-Jod-Lösung eignet sich zum Desinfizieren, Dexpanthenol-Salbe zur Pflege bei oberflächlichen Schürfwunden. Quelle: Fotolia
HalsschmerzenDobendan Strepsils Dolo bzw. Dolo-Dobendan Lutschtabletten: Die Kombination der Inhaltsstoffe ist nicht sinnvoll: Antiseptika wie Cetylpyridiniumchlorid sind gegen Viren nur lückenhaft oder gar nicht wirksam. Bakterien in tieferen Schleimhautschichten werden zudem nicht erreicht. Das schmerzstillende Benzokain kann leicht Allergien hervorrufen. Dorithricin Lutschtabletten/ Lemocin Lutschtabletten: Auch diese Tabletten helfen nicht wirklich gegen Entzündungen im Hals. Das Antibiotikum Tyrothrizin wirkt nur oberflächlich und erreicht Bakterien in tieferen Gewebeschichten nicht. Auch hier ist das schmerzstillende Benzokain enthalten, das leicht Allergien auslösen kann. Locabiosol 0,125 mg Spray: Die therapeutische Wirksamkeit des Antibiotikums Fusafungin bei Halsinfektionen ist nicht ausreichend nachgewiesen. Die Anwendung als Spray kann bei empfindlichen Personen zu Asthmaanfällen führen. Alternative: Halsentzündungen werden häufig durch Viren verursacht, bei denen Antibiotika nicht wirken. Zuckerfreie Halsbonbons befeuchten die Schleimhäute und  können Schluckbeschwerden lindern. Lutschtabletten mit Ambroxol oder Lidokain wirken schmerzstillend. Quelle: Fotolia

Was ist der Grund?

Wir werden immer älter. Während man früher vielleicht mit 40 Jahren einen Herzinfarkt bekam und mit 50 tot war, nehmen Patienten heute viele Jahre lang sehr wirksame Medikamente ein, sodass sie über lange Zeit ein fast normales Leben führen können. Aber ganz am Ende, da überleben sie nur noch mit sehr aufwendigen Therapien und intensiver Pflege. Wir müssen also für die Alterserkrankungen neue Arzneimittel entwickeln, die die Menschen fit halten bis zum Schluss.

Und wie wollen Sie das schaffen?

Wir müssen bessere Medikamente entwickeln, die exakt in die zugrunde liegenden molekularen Mechanismen der Krankheit eingreifen.

Warum gibt es die nicht längst?

Es gibt ja schon einige Präparate, die ganz spezifisch wirken, etwa bei rheumatoider Arthritis. Bei einigen Patienten fiel auf, dass ihr Körper vermehrt eine bestimmte Substanz produziert, die das Immunsystem so stark ankurbelt, dass es den eigenen Körper schädigt. Medikamente wie Remicade, Enbrel oder Humira blockieren die Herstellung dieser Substanz und halten so das Immunsystem davon ab, den eigenen Körper zu zerstören. Diese Medikamente haben das Leben von Rheuma-Kranken in den letzten zehn Jahren dramatisch verbessert. So müssen die Arzneimittel der Zukunft aussehen.

Helfen die Mittel allen Rheuma-Kranken?

Nein, sie wirken nur bei den Patienten, deren Körper zu viel von der Substanz produziert. Und das lässt sich vor der Behandlung genau feststellen. Dieser Biomarker gibt also Auskunft darüber, ob das Medikament dem Patienten helfen wird oder nicht. Das ist genau jene Präzisionsforschung, die ich meine. Sie macht zielgerichtete – personalisierte – Medikamente erst möglich.

"Wir können uns nicht nur auf Mäuse verlassen"

Spannende Entdeckungen
Higgs-Boson entdecktAuch wenn Physiker den Begriff "Gottesteilchen" nicht gerne hören, das Elementarteilchen Higgs-Boson ist von derart fundamentaler Bedeutung für die Physik, dass sich der Spitzname letztlich durchgesetzt hat. Der Nachweis dieses lange vorhergesagten Grundbausteins im Standardmodell der Teilchenphysik gelang Wissenschaftlern des europäischen Kernforschungszentrums CERN. Die Redaktion von "Science" sieht in dieser Entdeckung den wichtigsten Forschungsdurchbruch des Jahres 2012 - auch wenn die beteiligten Forscher noch nicht hundertprozentig sicher sind, dass ihr Fund tatsächlich das lang gesuchte Gottesteilchen ist. Mehr zur Entdeckung des Higgs-Bosons finden Sie hier. Quelle: dpa
Genom des Denisova-Menschen entschlüsseltViel ist es nicht, was Wissenschaftler bislang vom Denisova-Menschen gefunden haben, der nach dieser Höhle in Sibirien benannt wurde: Ein Stück Finger, ein Stück Zeh, ein Backenzahn - mehr ist von dieser vor 40.000 Jahren lebenden Urmenschen-Spezies bislang nicht entdeckt worden. Immerhin genug Material, um Forschern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig eine umfassende Erbgutanalyse zu ermöglichen. Sie belegt, dass sich die Entwicklungslinien von Denisova- und modernem Menschen vor spätestens 780.000 Jahren getrennt haben müssen - viel früher als etwa beim Neandertaler, dessen Entwicklungslinie sich spätestens vor 320.000 Jahren von der unseren abspaltete. Mehr zum Denisova-Menschen finden Sie hier. Quelle: Presse
Fruchtbare Eizellen aus Stammzellen gewonnenDieser Schnappschuss einer Maus mit Nachwuchs markiert ein weiteres Forschungs-Highlight 2012. Japanischen Wissenschaftlern ist es gelungen, bestimmte Gene in Mäuse-Stammzellen so zu aktivieren, dass sie sich zu Vorstufen von Eizellen verwandelten. Mäuse, denen diese künstlichen Geschlechtszellen eingepflanzt wurden, brachten gesunden Nachwuchs zur Welt. Mehr zu dieser Entdeckung finden Sie hier. Quelle: dpa
Der "Himmelskran" des Marsrovers CuriosityDank der gut geölten PR-Maschine der US-Weltraumbehörde Nasa ist die Mission des Marsrovers Curiosity weit über die Grenzen der Wissenschaft hinaus bekannt geworden. Auch den "Science"-Redakteuren war die erfolgreiche Landung auf dem Roten Planeten eine Auszeichnung wert: Sie kürten Curiositys Landeshilfe, den "SkyCrane" zu einem Forschungs-Highlight 2012. An den Seilen dieses Himmelskrans wurde Curiosity in der letzten Phase der Landung langsam auf den Marsboden niedergelassen. Die aufwendige Technik war nötig, weil der Rover zu schwer gewesen wäre, um einen Aufprall mit dem sonst üblichen Schutz durch Airbags heil zu überstehen. Mehr über die Mission Curiosity finden Sie hier. Quelle: dpa
Röntgenlaser liefert Waffe gegen die Schlafkrankheit60 Millionen Menschen sind - vor allem im südlichen Afrika - von der gefährlichen Schlafkrankheit bedroht. Ein Protein des Erregers Trypanosoma brucei könnte als Waffe zu einer erfolgreichen Bekämpfung der Krankheit dienen. Doch dazu musste zunächst die molekulare Struktur des Proteins mit hoher Genauigkeit entschlüsselt werden. Mit dem stärksten Röntgenlaser der Welt am US-Forschungszentrum SLAC in Kalifornien ist deutschen Forschern dies gelungen. Quelle: Presse
Gene leichter abschaltenUm zu untersuchen, wie unser Erbgut funktioniert, nutzen Wissenschaftler Techniken, mit denen sich einzelne Gene gezielt abschalten lassen. Ein neues und deutlich einfacheres Verfahren für diesen "Gen-Knockout" haben Bonner Forscher entwickelt. TALENS (Transcription activator-like effector nucleases) heißt die Technik, die von der Science-Redaktion als ein Forschungs-Highlight 2012 gewürdigt wurde. Quelle: Presse
Majorana-Fermion nachgewiesenNein, mit der bekannten Gewürzpflanze hat das Majorana-Fermion nichts zu tun. Seinen Namen verdankt dieses Elementarteilchen dem italienischen Physiker Ettore Majorana (1906-1938), der seine Existenz schon 1937 voraussagte. Doch erst 2012 veröffentlichten niederländische Wissenschaftler eine Untersuchung, welche die Existenz des Majorana-Fermions - dem eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Quantencomputern zukommen könnte - definitiv bestätigte. Quelle: Presse

Noch ist die Zahl solch maßgeschneiderter Arzneimittel recht überschaubar.

Nur auf den ersten Blick. Viele moderne Krebsmedikamente wie Glivec, Tarceva oder Iressa greifen ebenfalls gezielt in die für manche Tumoren typischen Stoffwechselwege ein, mit denen diese ihr ungebremstes Wachstum steuern. Die Mittel schaden nur Krebszellen, nicht aber den gesunden Körperzellen. Auch hier lässt sich vor der Behandlung mit einem Gentest feststellen, wie die Krebszellen des Patienten ausgestattet sind – und ob das jeweilige Präparat genau den Stoffwechselweg blockiert, der für sie wichtig ist.

Trotzdem ist Krebs immer noch eine tödliche Krankheit. Wie kann das sein?

Leider haben Tumorzellen die Fähigkeit, sich schnell zu verändern. Sie fahren dann im Streckennetz der Stoffwechselwege sozusagen eine Umleitung. Wir arbeiten daran, herauszufinden, welche der dafür zugrunde liegenden genetischen Veränderungen von zentraler Bedeutung sind. Von den Hunderten Genmutationen, die existieren, scheinen das nur etwa zwölf zu sein. Wir sind dabei, eine Art Landkarte dieser Interaktionen zu erstellen – und dabei herauszufinden, welche die wichtigsten Biomarker sind, die die anderen steuern. Denn genau dort müssen wirksame Medikamente ansetzen.

Obwohl riesige Summen in biomedizinische Forschung fließen und das menschliche Genom schon seit 13 Jahren entschlüsselt ist, gibt es noch viele weiße Flecken auf der Landkarte der Medizin?

Das Problem ist: Wir wissen heute mehr über die Biologie des Menschen als je zuvor – doch je tiefer wir vordringen, desto komplexer wird die Sache. Als ich Medizin studierte, kannten wir gerade einmal zwei Signalmoleküle für Immunzellen. Heute sind es mehr als zwei Dutzend. Ebenso bei den Blutzellen: Damals kannten wir die roten und die weißen Blutkörperchen, heute unterscheiden wir knapp 50 Zelltypen im Blut. Und trotz der Entschlüsselung des menschlichen Genoms verstehen wir immer noch nicht so recht, warum der eine Mensch Alzheimer bekommt und der andere nicht. Warum der eine Übergewichtige zuckerkrank wird, der andere nicht. Oder warum ein Schmerzmittel beim einen Patienten alle Qualen beseitigt, das Mittel bei einem anderen aber überhaupt nicht wirkt.

Kuppler zwischen Patient und Pille - Gentests zeigen, welche Medikamente wirken Quelle: Presse

War denn die Entschlüsselung des Erbguts hilfreich, die Vielfalt zu verstehen?

Natürlich. Aber es ist nicht allein die Genetik, es ist auch die Umwelt, die einen großen Einfluss hat. Das müssen wir verstehen. Selbst eineiige Zwillinge haben oft nicht dieselben Krankheiten, obwohl sie genetisch völlig identisch sind. Deshalb vergleichen Forscher zurzeit die Genomdaten von Menschen, die sich in Alter, Geschlecht, Gewicht und Biografie gleichen, aber in einem Punkt unterscheiden: Der eine ist krank, der andere nicht. Wir müssen die Biologie der menschlichen Krankheiten verstehen – im Menschen, nicht in Mäusen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir brauchen die Mäuse trotzdem. Aber wir können uns nicht nur darauf verlassen. Wir müssen näher ran an den Menschen.

Wie wirkt sich das auf das Design von Medikamentenstudien aus?

Wir werden in der Zukunft immer mehr Biomarker finden, die den Patienten besser und besser charakterisieren. Sodass wir dem richtigen Patienten das richtige Medikament in der richtigen Dosierung zur rechten Zeit geben können. Alle unsere Medikamenten-Forschungsprogramme arbeiten heute mit Biomarkern.

"Wir müssen die Art, Krebs zu betrachten, wesentlich verändern"

Die am häufigsten falsch behandelten Krankheiten
Platz 10: Uterus myomatosusKnapp zwei Drittel aller Fehler, die von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer anerkannt wurden, ereigneten sich in Krankenhäusern. Auf Platz 10 der dort am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten ist Uterus mymatosus. Dahinter verbergen sich Myome der Gebärmutter, die am häufigsten gutartigen Tumore bei Frauen. 21 Mal behandelten Krankenhaus-Ärzte diese Krankheit vergangenes Jahr falsch. Woran die zahlreichen Fehler in Krankenhäusern liegen, hat die WirtschaftsWoche bereits im April analysiert. Quelle: Fotolia
Platz 9: Gallenstein23 Mal wurden in Krankenhäusern Gallensteine, also Cholelithiasis, falsch behandelt. Quelle: Fotolia
Platz 8: Oberflächliche VerletzungenWunden und Schrammen wurden in deutschen Krankenhäusern 26 mal falsch behandelt – womit sie auf Platz 8 landen. Bei Fehlbehandlungen in Arztpraxen erreichen oberflächliche Verletzungen Platz 10. Niedergelassene Ärzte behandelten sie nur zehn Mal falsch. Quelle: REUTERS
Platz 7: HandfrakturKnochenbrüche an der Hand behandelten Krankenhausärzte vergangenes Jahr 30 Mal falsch. Damit erreichen Handfrakturen Platz 7. Bei Fehlbehandlungen durch niedergelassene Ärzte erreichen Handfrakturen Platz 8. Sie behandelten diese Knochenbrüche zwölf Mal falsch. Quelle: dapd
Platz 6: Schulter- und OberarmfrakturNur einmal mehr fuschten Krankenhaus-Ärzte bei Brüchen an Schulter und Oberarm: Hier gab es 31 Fehlbehandlungen. Bei niedergelassenen Ärzten kommen  Fuschereien in diesem Bereich gar nicht in den Top 10 vor. Quelle: Fotolia
Platz 5: Unterschenkel- und SprunggelenkfrakturGanze 21 Mal häufiger wurden Brüche an Unterschenkel- und Sprunggelenken falsch therapiert. Hier gab es in deutschen Krankenhäusern 52 Fehlbehandlungen. In Praxen gab es bei Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen sogar mit 15 Fällen die zweithäufigsten Fehlbehandlungen. Quelle: dpa-tmn
Platz 4: OberschenkelfrakturMit 63 Fuschereien in Krankenhäusern landen Oberschenkelfrakturen auf Platz 4. In niedergelassenen Praxen kommen Oberschenkelfrakturen nicht in den Top 10 der Fehlbehandlungen vor. Quelle: dpa

Ist diese Art zu forschen auch schon bei den Zulassungsbehörden angekommen?

Oh ja. Sowohl die US-Behörde FDA als auch die europäische EMA verlangen heute solche diagnostischen Biomarker-Tests, die sicherstellen, dass das Medikament dem Patienten wirklich hilft. Dasselbe gilt für Nebenwirkungen. So gibt es Menschen, denen zum Beispiel ein bestimmtes Leberenzym fehlt, um ein Medikament abzubauen. Dann zirkuliert es viel zu lange und in zu hoher Dosis im Blut – und das kann gefährlich werden. Auch für solche Enzym-Veränderungen gibt es Biomarker.

In Zukunft kommt also jedes Medikament mit einem Test daher?

Ja. Die Forschung steht in diesem Jahrhundert vor der großen Aufgabe, die tieferen Ursachen von Krankheiten zu ergründen und Erkrankungen – auf der Basis ihrer molekularen Wirkweisen – ganz neu zu definieren. Schon jetzt sehen wir zum Beispiel, dass es bei einem Tumor völlig unerheblich ist, in welchem Organ er auftritt. Wir müssen also die Art und Weise, Krebs zu betrachten, ganz wesentlich verändern. Nicht von den Organen her, wie es vor 100 Jahren einmal eingeführt wurde, sondern von den Stoffwechselwegen her, die ein Tumor benutzt – und die wir blockieren können.

Aber Rheuma bleibt Rheuma und Diabetes bleibt Diabetes?

Nicht unbedingt. Denn was heute aussieht wie eine einzige Krankheit, hat vermutlich viele verschiedene genetische Ursachen, die dem Leiden zugrunde liegen. Und die müssen jeweils anders behandelt werden. Heute schon kennen wir bei Diabetes zwei Typen, die sich fundamental unterscheiden: Den Typ-2-Diabetes, den man früher als Alterszucker bezeichnet hat, und den Typ-1-Diabetes, der in jungen Jahren auftritt. Doch auch innerhalb dieser beiden Typen stecken noch viele Unterschiede. Ich bin mir sicher, dass wir noch 15 verschiedene Typen der Zuckerkrankheit finden werden.

Das wäre ein fundamentaler Wandel.

Der aber dringend notwendig ist.

Aber gerade wenn Sie nun wissen, wie unterschiedlich die Menschen und die Ursachen von Krankheiten sind, warum schmeißen Sie bei Medikamententests dann immer noch alle in einen Topf? Hat das nicht etwas Steinzeitliches?

In gewisser Weise schon. Denn wir führen nach den geltenden – veralteten – Vorgaben der Zulassungsbehörden Studien mit neuen Wirkstoffen gegen bestimmte Erkrankungen oft an weit mehr als 10.000 Patienten durch, ohne sie vorher genetisch daraufhin testen zu können, ob der Wirkstoff zu ihnen passen könnte. Dann kann so eine neue spezifische Substanz ihre Wirksamkeit rein statistisch gesehen nicht unter Beweis stellen. Die Substanz fällt also durch. Das kostet uns Milliarden. So kann das nicht weitergehen.

"Ohne Studien am Menschen geht es nicht"

Welche kühnen Experimente Forscher wagen
Partydroge statt KreislaufmittelAuf der Suche nach einem Kreislaufmittel entdeckte der Schweizer Wissenschaftler Albert Hoffmann das stärkste Halluzinogen.  Und kostete den Rausch gleich selbst aus. Sein Kreislaufmittel wurde wegen den starken Nebenwirkungen wieder vom Markt genommen. Quelle: Joe Mabel
Erbrochenes ins Auge tropfenGelbfieber wird über Mückenstiche übertragen. Das wusste man 1802 noch nicht. Damals wollte Stubbins Ffirth beweisen, dass sich Gelbfieber vom Menschen zu Menschen übertrage. Dafür träufelte er sich Erbrochenes von Gelbfieberkranken in eine selbst zugefügte Schnittwunde im Arm, ins Auge – und schluckte sie. Er blieb gesund. Quelle: dpa
Unterwegs auf dem Raketenschlitten1955 galt er als der schnellste Mann der Erde, wie das Time Magazine damals schrieb. Auf einem Raketenschlitten erreichte John Paul Stapp 1.017 Kilometer die Stunde. Dabei wollte er herausfinden, wie sich das Vielfache der Erdbeschleunigung „g“ auf einen Menschen auswirkt.  Man glaubte, dass 18 g tödlich seien, Stapp ertrug 46,2 g als er von seinem Geschwindigkeitsrausch innerhalb von 1,4 Sekunden zum Stillstand kam. Quelle: U.S. Air Force
Per Bakterien-Cocktail zur MagenschleimhautentzündungBarry Marshall (Foto) wollte nachweisen, dass Bakterien für eine Magenschleimhautentzündung verantwortlich sind. Dafür trank er 1984 eine Mischung aus einer Milliarde Bakterien – und hatte „Erfolg“. Quelle: dpa/dpaweb
Mit dem "Blitzfänger" zur FeuerkugelUm die Luftelektrizität zu messen, baute 1753 der deutsche Physiker Georg Richmann in seinem St. Petersburger Laboratorium einen sogenannten "Blitzfänger". Dabei handelte es sich um eine Glasflasche in der ein Eisenstab nach oben über das Dach hinaus ins Freie ragte. Nach unten war er über eine Metallkette mit einem Glas voller Kupferspäne verbunden. Die Apparatur fing nicht nur Elektrizität ein, sondern bildete auch eine Feuerkugel, die in den Kopf des Forschers eindrang - mit tödlichen Folgen. Quelle: dpa
Mit dem Katheter vom OP-Saal  zur RöntgenabteilungDen 65 Zentimeter langen Katheter schob sich 1929 der Arzt Werner Foßmann selbst vom Ellbogen durch eine Vene bis ans Herz. Damit machte er sich dann vom OP-Saal machte zu Fuß über einige Treppen auf dem Weg zur Röntgenabteilung. Sein Experiment stellte die erste Angiographie dar. Mittels Katheter und Röntgenstrahlen stellte er seine Blutgefäße dar – und erhielt dafür schließlich den Nobelpreis. Quelle: AP
Humboldt auf schmerzhafter KlettertourAlexander von Humboldt wollte die Höhenkrankheit erforschen – an sich selbst. Mit einer Forschergruppe erklomm er den 6.267 Meter hohen Chimborazo in Ecuador – mit normaler Straßenkleidung und "kurzen Stiefeln". Ob Atemnot, Übelkeit, Schwindel und blutige Lippen: Akribisch hielt er fest, was sich auf welcher Höhe ereignete. Quelle: dpa/dpaweb

Die Zulassungsbehörden verschlafen die Zukunft der Medizin?

Nein, sie sind nur sehr vorsichtig. Zu Recht. Die Behörden müssen Schritt für Schritt nachvollziehen, was wir da tun. Wenn ich ein neues Fahrzeug erfunden hätte, würden sie mich auch zunächst nach den einzelnen Komponenten fragen, um zu sehen, ob es vielleicht in die Luft fliegt.

Wie gehen Sie vor, um voranzukommen?

Wir diskutieren mit den Behörden. Zum Beispiel darüber, dass es oft nicht ausreicht, nur ein neues Medikament in einer Studie zu testen. Manchmal brauchen wir mehrere gleichzeitig.

Wo liegt der Vorteil?

Dass wir nur so feststellen können, ob mehrere Medikamente gemeinsam eine optimale Wirkung entfalten. So hatten wir bei einem unserer neuen Präparate gegen Krebs Folgendes beobachtet: Immer wenn wir dieses Arzneimittel einsetzten, nutzten die Tumorzellen einen alternativen Stoffwechselweg, gegen den wiederum Merck-Serono ein Mittel in petto hatte. Wer umgekehrt das Merck-Serono-Mittel bekam, bei dem wich der Tumor auf den Stoffwechselweg aus, gegen den unser Mittel wirkt. Wie wenn man ein Loch im Wasserschlauch zuhält, spritzt es zu einem anderen Loch heraus. Hält man das andere Loch zu, spritzt es wieder zum ersten Loch heraus. Um den Schlauch dicht zu bekommen, muss ich beide Löcher flicken.

In Arbeit
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Sie testen neue Substanzen immer noch an Menschen. Ließen sich solche Fragen nicht auch mithilfe von Computermodellen beantworten?

Das könnte ein Weg sein. Viele Forscher glauben, dass die Instrumente der massenhaften Datenanalyse da helfen können. Aber wir müssen mit verschiedenen Modellen experimentieren. Wir brauchen weiterhin auch Tierversuche. Und wir müssen weiterhin Studien mit Menschen durchführen. Natürlich hoffen wir – auch aus Kostengründen –, die Zahl der Patienten in klinischen Tests drastisch reduzieren zu können, sowohl mithilfe von Computermodellen als auch mit Schädlichkeitstests etwa an menschlichen Stammzellen, die im Labor gemacht werden. Aber mal im Ernst: Kein Forscher und keine Zulassungsbehörde der Welt würde sich allein auf Computermodelle verlassen. Das wäre Wahnsinn. Ganz ohne Studien am Menschen geht es nicht.

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