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Medizin der Zukunft "Fit bis zum Schluss"

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"Wir müssen die Art, Krebs zu betrachten, wesentlich verändern"

Die am häufigsten falsch behandelten Krankheiten
Platz 10: Uterus myomatosusKnapp zwei Drittel aller Fehler, die von den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer anerkannt wurden, ereigneten sich in Krankenhäusern. Auf Platz 10 der dort am häufigsten fehlbehandelten Krankheiten ist Uterus mymatosus. Dahinter verbergen sich Myome der Gebärmutter, die am häufigsten gutartigen Tumore bei Frauen. 21 Mal behandelten Krankenhaus-Ärzte diese Krankheit vergangenes Jahr falsch. Woran die zahlreichen Fehler in Krankenhäusern liegen, hat die WirtschaftsWoche bereits im April analysiert. Quelle: Fotolia
Platz 9: Gallenstein23 Mal wurden in Krankenhäusern Gallensteine, also Cholelithiasis, falsch behandelt. Quelle: Fotolia
Platz 8: Oberflächliche VerletzungenWunden und Schrammen wurden in deutschen Krankenhäusern 26 mal falsch behandelt – womit sie auf Platz 8 landen. Bei Fehlbehandlungen in Arztpraxen erreichen oberflächliche Verletzungen Platz 10. Niedergelassene Ärzte behandelten sie nur zehn Mal falsch. Quelle: REUTERS
Platz 7: HandfrakturKnochenbrüche an der Hand behandelten Krankenhausärzte vergangenes Jahr 30 Mal falsch. Damit erreichen Handfrakturen Platz 7. Bei Fehlbehandlungen durch niedergelassene Ärzte erreichen Handfrakturen Platz 8. Sie behandelten diese Knochenbrüche zwölf Mal falsch. Quelle: dapd
Platz 6: Schulter- und OberarmfrakturNur einmal mehr fuschten Krankenhaus-Ärzte bei Brüchen an Schulter und Oberarm: Hier gab es 31 Fehlbehandlungen. Bei niedergelassenen Ärzten kommen  Fuschereien in diesem Bereich gar nicht in den Top 10 vor. Quelle: Fotolia
Platz 5: Unterschenkel- und SprunggelenkfrakturGanze 21 Mal häufiger wurden Brüche an Unterschenkel- und Sprunggelenken falsch therapiert. Hier gab es in deutschen Krankenhäusern 52 Fehlbehandlungen. In Praxen gab es bei Unterschenkel- und Sprunggelenkfrakturen sogar mit 15 Fällen die zweithäufigsten Fehlbehandlungen. Quelle: dpa-tmn
Platz 4: OberschenkelfrakturMit 63 Fuschereien in Krankenhäusern landen Oberschenkelfrakturen auf Platz 4. In niedergelassenen Praxen kommen Oberschenkelfrakturen nicht in den Top 10 der Fehlbehandlungen vor. Quelle: dpa

Ist diese Art zu forschen auch schon bei den Zulassungsbehörden angekommen?

Oh ja. Sowohl die US-Behörde FDA als auch die europäische EMA verlangen heute solche diagnostischen Biomarker-Tests, die sicherstellen, dass das Medikament dem Patienten wirklich hilft. Dasselbe gilt für Nebenwirkungen. So gibt es Menschen, denen zum Beispiel ein bestimmtes Leberenzym fehlt, um ein Medikament abzubauen. Dann zirkuliert es viel zu lange und in zu hoher Dosis im Blut – und das kann gefährlich werden. Auch für solche Enzym-Veränderungen gibt es Biomarker.

In Zukunft kommt also jedes Medikament mit einem Test daher?

Ja. Die Forschung steht in diesem Jahrhundert vor der großen Aufgabe, die tieferen Ursachen von Krankheiten zu ergründen und Erkrankungen – auf der Basis ihrer molekularen Wirkweisen – ganz neu zu definieren. Schon jetzt sehen wir zum Beispiel, dass es bei einem Tumor völlig unerheblich ist, in welchem Organ er auftritt. Wir müssen also die Art und Weise, Krebs zu betrachten, ganz wesentlich verändern. Nicht von den Organen her, wie es vor 100 Jahren einmal eingeführt wurde, sondern von den Stoffwechselwegen her, die ein Tumor benutzt – und die wir blockieren können.

Aber Rheuma bleibt Rheuma und Diabetes bleibt Diabetes?

Nicht unbedingt. Denn was heute aussieht wie eine einzige Krankheit, hat vermutlich viele verschiedene genetische Ursachen, die dem Leiden zugrunde liegen. Und die müssen jeweils anders behandelt werden. Heute schon kennen wir bei Diabetes zwei Typen, die sich fundamental unterscheiden: Den Typ-2-Diabetes, den man früher als Alterszucker bezeichnet hat, und den Typ-1-Diabetes, der in jungen Jahren auftritt. Doch auch innerhalb dieser beiden Typen stecken noch viele Unterschiede. Ich bin mir sicher, dass wir noch 15 verschiedene Typen der Zuckerkrankheit finden werden.

Das wäre ein fundamentaler Wandel.

Der aber dringend notwendig ist.

Aber gerade wenn Sie nun wissen, wie unterschiedlich die Menschen und die Ursachen von Krankheiten sind, warum schmeißen Sie bei Medikamententests dann immer noch alle in einen Topf? Hat das nicht etwas Steinzeitliches?

In gewisser Weise schon. Denn wir führen nach den geltenden – veralteten – Vorgaben der Zulassungsbehörden Studien mit neuen Wirkstoffen gegen bestimmte Erkrankungen oft an weit mehr als 10.000 Patienten durch, ohne sie vorher genetisch daraufhin testen zu können, ob der Wirkstoff zu ihnen passen könnte. Dann kann so eine neue spezifische Substanz ihre Wirksamkeit rein statistisch gesehen nicht unter Beweis stellen. Die Substanz fällt also durch. Das kostet uns Milliarden. So kann das nicht weitergehen.

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