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Medizin Forscher testen vorbeugende Behandlung gegen Alzheimer

Alzheimer trifft Millionen Menschen. Bisher gibt es keine Medizin gegen das Fortschreiten der Krankheit. Aber kann man ihr vorbeugen? Zwei neue Studien sollen das klären.

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Zwei Studien sollen einen mögliche vorbeugende Behandlung der Demenz-Erkrankung testen. Quelle: AP

Phoenix Für Menschen, die bereits geistig Symptome von Alzheimer aufweisen, mag es zu spät sein, die Krankheit aufzuhalten. Aber könnte sie durch ein Behandlungsmittel verhindert werden, das sich auf die ganz frühen Änderungen im Gehirn konzentriert? Dann nämlich, wenn das Erinnerungsvermögen und die gedanklichen Fähigkeiten noch intakt sind? Wissenschaftler wollen das jetzt mit zwei großen Studien herausfinden.

Kliniken in den USA und einigen anderen Ländern sind dabei, Teilnehmer auszusuchen - und zwar gesunde ältere Leute. Es sind die einzigen Studien dieser Art in Sachen Alzheimer, die sich auf diese Bevölkerungsgruppe konzentrieren. Alles richte sich derzeit auf Vorbeugung, sagt Eric Reiman, der geschäftsführende Direktor am Banner Alzheimer's Institute in Phoenix, das die Untersuchungen leitet.

Alzheimer ist die am häufigsten vorkommende Art von Demenz. Bisher konnte die Wissenschaft keine Arznei finden, die etwas am Fortschreiten der Krankheit ändern würde. Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts sind 146 Versuche gescheitert, wie aus einem jüngsten Branchenbericht hervorgeht. Sogar Medikamente, die helfen, die Ablagerungen im Gehirn von Patienten mit Alzheimer zu beseitigen, haben sich bis jetzt nicht als erfolgreiches Mittel zum Stopp des geistigen Verfalls erwiesen.

Vielleicht, weil sie zu spät eingesetzt wurden, wie Reiman sagt - so, als ob man bei einem Menschen das Cholesterin nach einer Herzattacke senken würde, die bereits unumkehrbare Schäden angerichtet hat. „Wir haben auf schmerzliche Weise gelernt, dass wir sehr, sehr, sehr früh ansetzen müssen, wenn wir wirklich eine Therapie finden wollen, die etwas an der Krankheit ändert“, sagt auch Eliezer Masliah, Chef für Neurowissenschaft am in Maryland ansässigen Nationalen Alterungsinstitut NIA.

Seine Einrichtung beteiligt sich an der Finanzierung der Studien. Geld geben auch die Alzheimer's Association, mehrere Stiftungen sowie Novartis und Amgen, Hersteller von zwei experimentellen Medikamenten, die getestet werden. Ziel ist es, die frühesten Schritte bei der Bildung von Ablagerungen zu blocken – in Menschen, die keine Symptome von Demenz zeigen, aber aufgrund ihres Alters und eines bestimmten Gens ein höheres Erkrankungsrisiko aufweisen.

Wer teilnehmen will, muss sich zunächst in GeneMatch einschreiben. Das ist ein vertrauliches Register von Menschen, die an einer freiwilligen Teilnahme an verschiedenen Alzheimerstudien interessiert sind. Die Anwärter müssen zwischen 55 und 75 Jahre alt sein, und es darf bei ihnen bisher kein Anzeichen für das Einsetzen geistigen Verfalls festgestellt worden sein.

Sie werden auf das ApoE4-Gen hin untersucht, das Menschen nicht zwangsläufig zur Entwicklung von Alzheimer verurteilt, aber das Risiko erhöht. Ungefähr jeder Vierte besitzt eine Kopie dieses Gens, etwa zwei Prozent haben zwei, je eines von beiden Elternteilen.

Das Register besteht seit drei Jahren, und nach Angaben von Jessica Langbaum, einer der Banner-Studien-Leiterinnen, haben sich bisher mehr als 70.000 Menschen eingetragen. Die meisten von ihnen hätten persönlich miterlebt, was die Krankheit anrichte, bei einem Familienmitglied oder anderen ihnen nahestehenden Personen.

Langbaums 67-jährige Mutter Ivy Segal ließ sich per Wangenabstrich eine DNA-Probe abnehmen und schrieb sich im August ins Register ein. Ihr Vater war ein Patient im Banner-Institut und starb 2011 im Alter von 87 Jahren an Alzheimer. Mitzuerleben, was die Krankheit aus dem Mann gemacht habe, sei verheerend gewesen, schildert Segal.

Teilnehmer der Studien erhalten über mehrere Jahre hinweg experimentelle Medikamente oder Placebos. Sie werden in Abständen Gehirn-Scans unterzogen, und alle sechs Monate wird ihr Erinnerungs- und Denkvermögen getestet.

Eine Studie konzentriert sich auf Menschen mit zwei Kopien des Gens. Die einen erhalten alle paar Monate Injektionen eines Mittels, das dem Immunsystem helfen soll, Plaque vom Hirn zu entfernen. Die anderen nehmen täglich Tabletten eines Medikaments, das frühe Schritte einer Plaque-Bildung verhindern soll. Eine dritte Gruppe erhält Placebo-Versionen dieser experimentellen Medikamente.

Die zweite Studie umfasst Menschen, die entweder zwei ApoE4-Kopien haben oder eine plus nachgewiesene Anzeichen für beginnende Entwicklung von Plaque. Sie erhalten eine von zwei Dosen des Mittels zur Verhinderung von Plaque-Bildung oder Placebo-Tabletten.

Larry Rebeneck aus Surprise, einem Vorort von Phoenix, hat sich im August in GeneMatch eingeschrieben. „Ich habe miterlebt, wie es mit vielen Freunden und Bekannten bergab gegangen ist“, schildert der 71-Jährige.

Einer von ihnen etwa habe plötzlich aufgehört, an einem Stoppschild auf dem Weg zum Golfplatz anzuhalten – an einer Strecke, die sie seit Jahren sicher befahren hätten. Ein anderer habe nicht nur vergessen, wo er sein Auto geparkt habe, sondern auch, um welche Art von Fahrzeug es sich handelte.

„Es ist eine Krankheit, die jeden Tag etwas von dir wegnimmt“, sagt Rebeneck. Er hat sich entschlossen, herauszufinden, ob er das Gen aufweist, wenn ihm die Forscher die Gelegenheit dazu geben. „Es ist wie jedes andere Stück Information“, sagt der Senior. „Es hilft dir, dein Leben zu planen, und das bist du auch allen deinen Lieben schuldig.“

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