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Metropolen der Zukunft Smarte Bürger machen smarte Städte

Knappe Kassen, Betonwüsten, zu wenig Wohnraum - die Metropolen der Welt haben mit immer größeren Problemen zu kämpfen, die öffentlichen Institutionen werden der Lage nicht Herr. Was jeder Einzelne tun kann.

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Die Dunstglocke über Houston. Die großen Metropolen haben mit der Luftqualität, Wohnraum und vielem mehr zu kämpfen. Die Probleme des 21. Jahrhunderts brauchen neustrukturierte Institutionen, um diese in den Griff zu bekommen. Quelle: AP

Viel ist zu dem Thema „Smarter Cities“ bereits geschrieben worden. Die großen Metropolen unserer Erde werden immer mehr zu Smog-Höllen, Beton hat die Städte erobert und der Wohnraum wird immer knapper. Technische Innovationen sollen die Lösung bringen: Von schwimmenden Häusern, Container-Wohnungen, begrünten Innenstädten oder neuen Fahrradnetzen ist die Rede. Der Kreativität scheint keine Grenze gesetzt zu sein. Besonders spannend sind jedoch die Überlegungen des Briten Dan Hill von der Innovationsschmiede Fabrica zu den Metropolen der Zukunft.

„Für all diese Probleme gibt es seit Jahren technische Lösungen, und doch hat sich kaum etwas verändert“, sagt er. Die Technik sei nicht das Problem, sondern die Menschen und verkrustete Strukturen innerhalb der Behörden. Eindrücklich machte er in seinen Vorträgen deutlich, wie sehr unsere Gesellschaft des 21. Jahrhunderts von Systemen gesteuert wird, die sich über hunderte Jahre kaum verändert haben.

„Wir müssen unsere Institutionen neu erfinden, damit die technischen Möglichkeiten auch neu eingesetzt werden können“, ist er überzeugt. Und das funktioniere nur, durch Konkurrenz. Doch wer soll einer staatlichen Einrichtung Konkurrenz machen? Die Antwort ist laut Hill einfach: Jeder einzelne Bürger. Um zu verstehen was der Brite meint, lohnt sich der Blick auf konkrete Beispiele.

Da ist zum Beispiel der Restaurant Day. Diese Initiative ist in der finnischen Hauptstadt Helsinki entstanden. Weil der Papierkram für die Eröffnung eines Restaurants sich über Jahre hinzog, gründeten die Betroffenen stattdessen diesen besonderen Tag, an dem jeder sein eigenes Restaurant eröffnen kann. In der eigenen Wohnung, im Büro, im Park an einer Straßenecke. Als echte Visionäre setzten sie eine Internetseite auf, so dass sich nicht nur Finnen sondern die ganze Welt an diesem Tag beteiligen kann. Das Konzept ist einfach: Jeder der Lust hat Essen zu verkaufen ohne Profit zu machen, kann dies für einen Tag tun ohne den Umweg über die Behörden zu gehen. Ein spannendes Konzept, das ausschließlich von den Teilnehmern via Social Media beworben – und stetig wächst:

  • 21. Mai 2011: 45 Restaurants
  • 18. August 2011: 190 Restaurants, 30 Städte, vier Länder
  • 19. November 2011: 287 Restaurants, über 40 Städte, zwei Länder
  • 4. Februar 2012: 304 Restaurants, über 50 Städte, zwölf Länder
  • 19. Mai 2012: 711 Restaurants, über 90 Städte, 19 Länder
  • 19. August 2012: 784 Restaurants, über 100 Städte, 17 Länder
  • 17. November 2012: 702 Restaurants, über 130 Städte, 25 Länder
  • 17. Februar 2013: 629 Restaurants, 136 Städte, 31 Länder

Der nächste Restaurant Day wird am 18. Mai 2013 stattfinden. „Dies ist nur ein Beispiel, wie Menschen sich selbst engagieren können, um ihre Stadt attraktiver zu machen“, sagt Dan Hill. Projekte dieser Art gibt es etliche. Die einen verteilen Kleider, andere bepflanzen öffentliche Grünflächen vor ihrer Tür. „Jede Form dieses sozialen Engagements ist immer auf der Grenze zum illegalen“, sagt der IT-Experte. Aber wer kann schon etwas gegen Blumen haben?

Die Macht der Crowd

Die größten Carsharing-Anbieter
Car2Go (Daimler)Kundenzahl: 160.000 Fahrzeugzahl: 42.000 Städte: München, Hamburg, Ulm/Neu-Ulm, Hamburg, Düsseldorf, Berlin, Köln, Stuttgart, Wien, Birmingham, London, Amsterdam, Lyon, Austin, San Diego, Washington D.C., Portland, Miami, Seattle, Toronto, Vancouver, Calgary Wie es funktioniert: Mobil: Fahrzeuge stehen im Stadtgebiet und können überall abgestellt werden. Ortung über Smartphone oder Internet Anmeldegebühr: Einmalig zwischen 9 und 19 Euro Nutzungskosten: Zwischen 24 und 29 Cent pro Minute, höchstens 12,90 Euro pro Stunde Extras: Benzin und Parkgebühren inkl. Fahrzeugtypen: Smart, 600 E-Smarts Quelle: dpa
DriveNow (BMW)Städte: Berlin, München, Köln, Düsseldorf, Hamburg, Wien, San Francisco Nutzer: über 350.000 Autos: 2950 Automodelle: BMW 1er, BMW X1, BMW ActiveE, MINI, MINI Cabrio, MINI Clubman, MINI Countryman Fixkosten: Anmeldung 29 Euro (derzeit 19 Euro mit 30 Minuten Fahrtguthaben) Reservierung eines Autos: 2x15 Minuten vor Fahrt kostenfrei möglich Fahrtkosten pro Minute: 0,31 Euro; BMW X1 und Mini Cabrio (01.04.-31.10.): 0,34 Euro; günstigere Preise ab 0,24 Euro je Minute in Spar-Paketen möglich Parkkosten pro Minute¹: 0,15 Euro (Montags bis Freitags 0:00 bis 6:00 Uhr kostenfrei) Kosten pro Kilometer: inklusive bis 200 km, je Mehrkilometer 29 Cent Kosten Kurzfahrt²: 3,72 Euro Kosten Stadtfahrt³: 17,75 Euro Versicherung: Haftpflicht und Kaskoversicherung inklusive (Selbstbehalt bei selbstverursachten Unfällen maximal 750 Euro; kann gegen gebühr reduziert werden) Anmeldung (Internet): de.drive-now.com ¹Kosten, die für das Parken anfallen, wenn die Fahrt nicht beendet wird ²Beispiel 5 Kilometer in 12 Minuten ³Beispiel: Hin und Rückfahrt, je 10 Kilometer und je 25 Minuten Fahrt und 15 Minuten parken Quelle: Unternehmen Quelle: Presse
Flinkster (Bahn)Kundenzahl: 215.000 Fahrzeugzahl: 2.800 Städte: 140 Städte Wie es funktioniert: Stationsbasiert: mehr als 800 Ausleih- und Rückgabeorte, z.B. an allen großen ICE-Bahnhöfen Anmeldegebühr: Einmalig 50 Euro, Bahncard-Inhaber kostenlos Nutzungskosten: Kleinwagen 2,30 Euro pro Stunde plus 18 Cent pro Kilometer Extras: Benzin und Strom inkl. Fahrzeugtypen: Kleinwagen bis Transporter, mehr als 100 E-Fahrzeuge Quelle: Screenshot
Quicar (VW)Kundenzahl: 4.000 Fahrzeugzahl: 200 Städte: Hannover Wie es funktioniert: Persönlich zur Quicar Station gehen oder online, per Smartphone-App oder über die Hotline die nächste der 50 festen Ausleihe- und Rückgabeorte auswählen und ein freies Auto aussuchen Anmeldegebühr: Einmalig 25 Euro, für Schüler, Studenten und Azubis zahlen 15 Euro Nutzungskosten: Erste halbe Stunde 6 Euro, danach pro Minute 20 Cent, Parktarif 10 Cent pro Minute, 10 Stunden ab 30 Euro Extras: Benzin inkl. Fahrzeugtypen: Golf Blue Motion, VW up!, VW Beetle, Golf Cabrio, Passat Variant, Sharan, Caravelle, Transporter Quelle: Screenshot
Book N DriveKundenzahl: 10.00 Fahrzeugzahl: 2.500 bundesweit, davon 330 im Rhein-Main-Gebiet Städte: Darmstadt, Frankfurt am Main, Mainz, Oberursel, Offenbach, Rüsselsheim und Wiesbaden Wie es funktioniert: Stationsbasiert Anmeldegebühr: Je nach gewähltem Paket kostenlos oder 29 Euro Nutzungskosten: Je nach Paket: Kleinwagen ab 1,50 Euro pro Stunde plus 16 Cent pro Kilometer Extras: Benzin inkl. Fahrzeugtypen: Kleinwagen bis Transporter, in Kooperation mit Flinkster bietet Book N Drive in vielen Städten Elektro-Autos an Quelle: Screenshot
CambioKundenzahl: 50.000 Fahrzeugzahl: 1500 Städte: 14 Städte, z.B. Köln, Bonn, Berlin Wie es funktioniert: Stationsbasiert Anmeldegebühr: Einmalig ab 30 Euro, plus monatliche Grundgebühr ab 2 Euro Nutzungskosten: Pro Stunde zwischen 1,90 und 5,40 Euro, plus 23 bis 42 Cent pro Kilometer Extras: Benzin inkl. Fahrzeugtypen: Von Smart bis Transporter, auch Mitsubishi E-Fahrzeuge Quelle: Pressebild
Carpooling.com/Mitfahrgelegenheit.deKundenzahl: 4,7 Mio. Nutzer Fahrzeugzahl: rund 900.000 Angebote Städte: Ganz Europa Wie es funktioniert: Mitfahrgelegenheiten im Internet finden Anmeldegebühr: keine Nutzungskosten: ca. 5 - 8 Euro pro 100 Kilometer Extras: keine Fahrzeugtypen: alle Quelle: Pressebild

Ohne Zweifel, Aktionen wie diese lassen sich leicht in die Kategorie urbanes Hippie-Getue abschieben. Denn sobald der Restaurant Day vorbei ist, sind auch die vielen schönen kleinen Futterbuden wieder verschwunden. Und doch übt das Engagement des Einzelnen – und nach einiger Zeit eben auch der Masse – Druck auf die jeweiligen Behörden vor Ort aus. „Wir brauchen die großen, starken Institutionen, um die größeren Probleme anzugehen“, sagt Hill. Doch wäre es sicher sinnvoll, die Bedürfnisse der Crowd – also die der Menschen – stärker mit einzubeziehen. Denn manchmal scheint bei der Stadtplanung der Fokus der Gestaltung ein wenig verrückt zu sein. „Wir bauen keine Städte, um eine gute Infrastruktur zu haben“, sagt Hill. „Die Infrastruktur soll alles andere möglich machen: Kultur, Arbeit, Leben.“

Seine Moral ist also: Nur durch das Engagement jedes Einzelnen können die Städte und ihre Institutionen sich weiterentwickeln. Konkurrenz belebt das Geschäft – auch bei der langsamen Umstrukturierung großer Städte.

Einer der es vormacht, ist Tilman Buchner. Er ist Mobil-Experte bei der Scout24-Gruppe, und mit seinem Know-How hat er sich einem ganz besonderen Projekt verschrieben. Eines Tages traf er seinen früheren Schulleiter. Er erzählte von der unglaublichen Mühe, die es gemacht hatte, Geld für eine neue Sporthalle zu sammeln. Der Mann ging Klinken putzen. „Dabei hätten 2,50 Euro von jedem Ehemaligen gereicht, um das Ziel zu erreichen“, sagt Buchner. „Es war offensichtlich, dass hier Technik helfen würde.“

Also setzte er eine deutschsprachige Crowdfunding-Seite auf, die letztlich wie Kickstarter funktioniert. Auf „Friends4schools“ können sich Ehemalige anmelden und spenden – und die Schulen Projekte vorstellen, für die sie finanzielle Unterstützung benötigen.

Forschung



Noch ist das Projekt am Anfang, aber es ist eine dieser Initiativen, die zeigt, dass jeder Einzelne innovativ sein und seine Umwelt mitgestalten kann. Und wenn es schief geht: Einfach daraus lernen. Mehr Mut zum Scheitern fordern viele – SPD-Kanzler-Kandidat Peer Steinbrück forderte auf der Gründer-Konferenz NEXT Berlin gar eine Gesellschaft des Scheiterns.

„Bei all den Innovationen, die es aktuell gibt, müssen die Entwickler sich vor allem eine Frage stellen: Was kann eine Website alles sein?“, sagt Dan Hill. Die Technik ist nur eine Hülle, ein Werkzeug, das es mit Inhalt zu füllen gilt. Der Einzelne sowie die Behörden sollten sich noch mehr Gedanken über diese Inhalte machen und sich gegenseitig inspirieren und anspornen. Unseren Städten zuliebe.

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