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MIT-Forscher Gershenfeld "Im Kleinen hat sich der Gedanke des Patentschutzes überholt"

Der MIT-Forscher Neil Gershenfeld über gedruckte Zahnbürsten, Online-Shops für Designideen und illegal kopierten Schmuck.

Neil Gershenfeld Quelle: CC-BY

WirtschaftsWoche: Herr Gershenfeld, Manche Wissenschaftler halten den 3-D-Druck für ähnlich revolutionär wie die Erfindung der Dampfmaschine. Ist das nicht etwas übertrieben?

Gershenfeld: Sicher nicht. Hier vollzieht sich ein radikaler Umbruch. Aber nicht die Möglichkeit, Kunststoffe oder Metalle dreidimensional zusammenfügen zu können, ist die Revolution. Wichtiger ist, dass neu definiert wird, wie Dinge produziert und gehandelt werden. Das verändert die Wirtschaft als Ganzes.

Inwiefern?

Die neuen Herstellungsverfahren lassen neue Märkte für physische Güter entstehen. Nehmen wir an, Sie suchen nach einer neuen Wohnzimmerlampe und stoßen im Internet auf das Modell eines australischen Designers. Bisher waren Sie darauf angewiesen, dass der Designer Ihnen ein Exemplar schickt. Im Zeitalter des 3-D-Drucks überspielt er Ihnen nur noch deren Konstruktionsdaten. Und Sie drucken das Gerät bei einem Dienstleister in der Nähe aus.

Was man drucken kann
Magische Lampe Quelle: Presse
Fliessende Formen
Kistenproduktion Quelle: Presse
Spielmobil Quelle: Presse
Opulenter Auftritt
Lesehilfe Quelle: Presse
Flotte Flöte Quelle: Presse

Das mag mit Lampen funktionieren, nicht aber mit Massenprodukten wie Gabeln oder Zahnbürsten.

Technisch ist das kein Problem, es rechnet sich bloß noch nicht. Doch das wird sich ändern.

Glauben Sie, dass die neuen Produktionstechniken die etablierte Massenfertigung verdrängen werden?

Verdrängen nicht. Aber sie werden die Machtverhältnisse verschieben. Nehmen wir die Entwicklung der Computer. Als die ersten PCs auf den Markt kamen, waren sie zu schwach, um dem Geschäft mit Großrechnern gefährlich zu werden. Heute haben die Computer jeden Winkel des Alltags durchdrungen und stecken sogar in Mobiltelefonen und Fotoapparaten.

Und diese Entwicklung wird sich auch in der Produktionswelt vollziehen?

Im Prinzip schon. Die Produktion nach Bedarf erlebt einen enormen Innovationsschub. Das reicht von der Qualität der hergestellten Teile, über die Bedienbarkeit der Technik bis zu den Preisen, zu denen einfache 3-D-Drucker heute zu haben sind. Hier vollzieht sich die Demokratisierung einer Technik in atemberaubender Geschwindigkeit. Sie ermöglicht es, die Kreativität der Massen zu erschließen. Wer die neue Technik als Spielkram abtut, zeigt nur, dass er das Potenzial des Wandels nicht begriffen hat.

Designer-Saftpressen zu Hause drucken

Massachusetts Institute of Technology Quelle: Presse

Wie die Musiklabels, die über Jahre nicht erkannt haben, welcher Sprengstoff in der Digitalisierung steckt?

Das Beispiel trifft doppelt. Zum einen, weil es zeigt, wie tief greifend sich Märkte verändern, wenn Menschen nicht mehr Dinge, sondern Daten tauschen. Zum anderen zeigt es, wie dabei neue Geschäftsmodelle entstehen. Solange die Labels versucht haben, den digitalen Musikhandel juristisch zu blockieren, haben sie nicht nur Reputation, sondern auch Umsatz verloren. Als sie aber begannen, Musik auf komfortablen, leicht erreichbaren Marktplätzen wie iTunes anzubieten, entstanden ganz neue Absatzwege.

Wo nicht mehr Güter, sondern nur noch Daten getauscht werden, sind Raubkopierer nicht weit. Hersteller von Spielzeug oder Designerschmuck fürchten, dass ihre Produkte illegal auf 3-D-Druckern nachgedruckt werden.

Das Risiko besteht. Aber was ist die richtige Reaktion? Wenn es darum geht, den Diebstahl geistigen Eigentums zu verfolgen, werden Patentklagen weiterhin sinnvoll sein. Im Kleinen aber, wenn Kunden einen Ersatz für den zerbrochenen Schalter der Stehlampe oder eine individualisierte Version einer Designer-Saftpresse drucken, hat sich der Gedanke des Patentschutzes überholt. Wo er sich nicht mehr durchsetzen lässt, ist er wertlos.

Das klingt wie die Kapitulation vor dem Ideenklau. Wie sollen Unternehmen ihren Innovationsaufwand dann noch refinanzieren?

Wie das Beispiel der Musiklabels zeigt, braucht es neue Geschäftsmodelle. Das können soziale Netzwerke wie thingi verse.com sein, auf denen jeder seine Produktentwürfe veröffentlichen und für ein paar Cent, Dollar oder Euro zum Download und privaten Ausdrucken anbieten kann. Das Vorbild iTunes zeigt, dass die Masse der Kunden bereit ist, für digitale Produkte zu bezahlen.

Dann braucht es also einen App-Store für Designerprodukte?

Genau. Die neuen Fertigungstechniken erlauben ja nicht nur jedem, Dinge zu entwerfen. Sie bieten auch wirtschaftliche Chancen – selbst für Kleinstunternehmer. Ich wüsste nicht, warum das nicht einmal ein so lukratives Geschäftsmodell für die Fertigung werden soll, wie es die Entwicklung von Smartphone-Apps heute schon sind.

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