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Neue Immunmittel Start-Ups wecken Hoffnungen im Kampf gegen den Krebs

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Jagd mit Phantombildern

Ganz so weit ist die Mainzer Krebsforscherin Özlem Türeci noch nicht. Sie gründete 2001 die Biotech-Firma Ganymed Pharmaceuticals zusammen mit Christoph Huber, dem ebenfalls mittlerweile emeritierten Krebsimmunologen und Direktor einer der Mainzer Universitätskliniken. Auch sie will speziell abgerichtete Spürhunde in den Körper schicken, um die Körperpolizei zu unterstützen.

Türeci hat ein ganzes Set neuer Erkennungsregionen ausfindig gemacht, die ausschließlich auf Krebszellen vorkommen, aber auf keiner einzigen gesunden Zelle. Auf diese Erkennungsmuster trainiert sie ihre Antikörper-Spürhunde. Das 90 Mitarbeiter starke Unternehmen erprobt seine Fahndungs-Helfer gerade in einer zweiten klinischen Phase an 210 Menschen mit Magen- und Speiseröhrenkrebs.

Was an den Krebs-Mythen dran ist
Die Zahl der Krebs-Neuerkrankungen hat sich laut eines Expertenberichts seit 1970 fast verdoppelt Quelle: dpa
Krebs ist ansteckendDieses Vorurteil hält sich standhaft. Dabei ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen, dass Krebs weder über den normalen Umgang mit Patienten noch über die Pflege, nicht einmal über Sex, übertragen werden kann. Denn Patienten scheiden die Krebszellen nicht aus. Kommt ein Mensch versehentlich mit Tumorgewebe direkt in Berührung, erkennt das Immunsystem die fremden Körperzellen und eliminiert sie. Derzeit geht die Wissenschaft davon aus, dass dieser Schutzmechanismus sogar funktioniert, wenn man eine Bluttransfusion mit dem Blut eines Krebskranken verabreicht bekommt. Quelle: Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums Quelle: dpa/dpaweb
Abtreibung löst Brustkrebs ausDieses Gerücht ist eine echte Belastung für alle Frauen, die sich im Laufe ihres Lebens einmal gegen ein Kind entscheiden mussten. Ausgangspunkt ist eine Studie aus den USA, die weltweit in den Medien zitiert wurde. Diese legte nahe, dass Abtreibungen das Risiko für ein Mammakarzinom erhöhe. Kritiker bemängelten, dass mit der Studie keine Krebshäufung unter betroffenen Frauen nachgewiesen werden konnte. Auch ließe sich gar nicht ablesen, dass Abtreibung und Brustkrebs ursächlich etwas miteinander zu tun hätten. Mittlerweile wurden fundierte Studien durchgeführt, die zeigen, dass Schwangerschaftsabbrüche und auch ungewollte Fehlgeburten als Risiko für Brustkrebs relativ sicher ausgeschlossen werden können. Quelle: dpa
Zu enge BHs verursachen BrustkrebsAuch diesen Mythos schürte ein Buch aus den USA. Darin hieß es, dass das Abklemmen der Lymphbahnen dazu führe, dass der Stoffwechsel nicht gut funktioniere und Schadstoffe nicht abwandern könnten. Ein Beweis oder eine wissenschaftliche Quelle für diese Behauptung konnten die Autoren jedoch nicht liefern. Inzwischen ist klar: Das Tragen von Büstenhaltern beeinflusst das Brustkrebsrisiko nicht, egal ob zu eng oder gut passend, mit Bügel oder ohne. Quelle: dpa
Viele Lebensmittel sind für Krebspatienten giftigSo viele Ratschläge Freunde und Bekannte auch auf den Lippen haben, eine sogenannte "Krebsdiät" gibt es nicht. Häufig wird vor Kartoffeln, Tomaten oder Schweinefleisch gewarnt, die angeblich giftig für Krebspatienten seien. Tatsächlich enthalten die Nachtschattengewächse Kartoffeln und Tomaten in ihren grünen Pflanzenteilen das schwach giftige Solanin. Krebs fördert dieser Stoff jedoch nicht. Das Gerücht, Schweinefleisch sei schädlich, scheint eher einen weltanschaulichen oder religiösen Hintergrund zu haben. Wissenschaftliche Belege, dass das Fleisch ungesund ist, gibt es jedenfalls nicht. Quelle: dpa
Krebsrisiko steigt nach einer SterilisationFührt eine Durchtrennung der Eileiter oder Samenstränge zur Empfängnisverhütung zu Krebs? Hierauf ist die Antwort nicht so eindeutig zu geben. Bei Frauen konnte die Vermutung, eine Unterbindung der Eileiter führe zu Eierstockkrebs, bislang nicht durch Studien belegt werden. Bei Männern sieht die Sache etwas anders aus: Jahrelang galt eine Vasektomie als ungefährlich. Das Risiko, an Hodenkrebs zu erkranken, scheint tatsächlich nicht anzusteigen. Bei Prostatakrebs hingegen sehen die Wissenschaftler noch offene Fragen. Eine US-Studie die im Journal of Clinical Oncology veröffentlicht wurde und 50.000 Männer über einen Zeitraum von 24 Jahren beobachtete, wies auf einen leichten Anstieg aggressiver Prostatakarzinome nach einer Vasektomie hin. Der Mechanismus dahinter ist aber noch unklar. Quelle: dpa
Übergewicht macht krebskrankEs gibt Studien, die sich mit der Frage beschäftigt haben, ob es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Körpergewicht und Brustkrebs gibt. Und tatsächlich müssen Frauen, die nach den Wechseljahren deutlich übergewichtig sind, mit einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit leben. Für jüngere Frauen wurde dieser Zusammenhang bisher nicht bestätigt. Laut dem Krebsinformationsdienst laufen hierzu aktuell noch weitere Studien. Quelle: dpa

So schnell und effektiv es ist, speziell trainierte Spürhunde anzufordern, so teuer ist es auch. Denn die extra designten Antikörper müssen die Forscher mithilfe gentechnisch aufgerüsteter Zellen in braukesselartigen Zuchtanlagen herstellen. Das ist aufwendig und entsprechend kostspielig.

Antikörper markieren den Tatort

Viel einfacher wäre es, die Körperpolizei vor Ort zu schulen – etwa mit großräumig verteilten Phantombildern der Übeltäter. Genau das versuchen viele Unternehmen, die therapeutische Impfungen entwickeln.

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    Bei klassischen, vorbeugenden Impfungen etwa gegen Grippe oder Tetanus spritzen Ärzte gesunden Menschen abgeschwächte oder abgetötete Krankheitserreger in den Körper. Die Körperpolizei stürzt sich darauf, registriert die Festgenommenen als fremd und lässt ihre eigenen Suchhunde an ihnen schnuppern. Der Körper entwickelt selbst Antikörper gegen den Krankheitserreger.

    Die schwimmen dann durch die Lymphbahnen des Körpers und markieren den Tatort, wenn tatsächlich solch ein Erreger den Körper befällt. Die Abwehrreaktion geht nun viel schneller. T-Zellen – die Scharfschützen – eilen zu Hilfe und eliminieren die Erreger.

    Biotech-Unternehmen die an Krebs-Immuntherapien forschen

    Forscher der Tübinger Firmen Immatics und Curevac impfen dagegen Menschen, die an Krebs erkrankt sind. Beide Gründungsteams stammen aus den Tübinger Universitätslaboren des weltweit renommierten Immunologie-Professors Hans-Georg Rammensee. Sie wollen die körpereigenen Immuntruppen auf die Krebszellen aufmerksam machen, damit diese dann selbst aktiv werden. Der Impfstoff präsentiert das biologische Verbrecherporträt. Er hält den Murots, Schimanskis und Bienzles des Körpers ein gestochen scharfes Fahndungsfoto vor die Nase.

    Das Ganze ist recht preiswert, weil diese biologischen Phantombilder oftmals nur aus winzigen Protein-Bruchstücken bestehen oder sogar nur aus einer genetischen Bauanleitung – dem sehr billig herstellbaren Erbgutmolekül RNA.

    Genau auf diese Billigstrategie setzt Ugur Sahin mit seiner in Mainz 2008 gegründeten Firma Biontech. Er will sie aber noch einen entscheidenden Schritt weiterentwickeln: Sahin will das Phantombild immer wieder neu zeichnen, weil sich die Tumorzellen extrem schnell genetisch verändern, etwa wenn Ärzte einen Krebskranken mit einem klassischen Chemotherapeutikum behandeln: Kaum schneidet die Körperpolizei den Verbrechern den Fluchtweg ab, entdecken sie einen Rettungstunnel. Wenn sie daraus wieder auftauchen, sind sie so verdreckt und zerzaust, dass das Fahndungsfoto nicht mehr stimmt.

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